© Olya Runyova
Miserere Hommage a Kurtag Ouverture Spirituelle Festspiele Salzburg 17.7.2026
Currentzis inszeniert Kurtag in der Salzburger Kollegienkirche
Teodor Currentzis, ehemals gefeierter shooting Star der Klassikszene, aus dem Osten Russlands in Europa eingefallen, ist mittlerweile für seine politische Haltung und Kremltreue im Westen umstritten. Seine seltenen Auftritte sind zumeist ausverkauft und genießen hohe Aufmerksamkeit. Die Salzburger Festspiele haben die künstlerische Zusammenarbeit mit dem ursprünglich aus Griechenland stammenden Dirigenten aufrecht erhalten. Zumeist wird ihm die musikalische Leitung einer Opernneuinszenierung übertragen (dieses Jahr Georges Bizet Carmen) sowie die Eröffnung der Ouverture Sprituelle, ein Konzertformat, das den Festspielen voransteht und dieses Jahr dem Komponisten György Kurtag gewidmet ist.
György Kurtag ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Mit nunmehr über 100 Jahren geht er unverändert seiner Lehrtätigkeit nach, seine Komposition bleiben frisch modern, selbst im hohen Alter schuf er noch große Werke wie 2018 seine erste Oper Fin de partie und seine zweite Oper Die Stechardin an seinem 100. Geburtstag in seiner Heimatstadt Budapest uraufgeführt. Sein Stil ist geprägt von den vielen Einflüssen und den politischen Veränderungen seiner Heimat, aus der er nicht emigrierte wie soviele Kollegen.
Seine Musik lässt Strukturen erkennen, die das Hörerlebnis beeinflussen und den Ausdruck verstärken. Auch in dem am Abend gespielten Lieder der Schwermut und der Trauer für zwei gemischte Chöre und Instrumente op 18 ist dies zu erkennen. Basierend auf Texten russischer Dichter schafft er in polyphoner Atonalität ohne Kanten eine zarte Stimmung der titelgebenden Schwermut und Trauer.
Teodor Currentzis ist auch ein Meister der Inszenierung. Er nutzt den aussergewöhnlich stimmungsvollen wie auch akustischen Rahmrn der Salzburger Kollegienkirche, um die Wirkung der Stücke zu verstärken. Glockenschläge eröffnen den Abend und rufen das Publikum zur Ausmerksamkeit. Nahezu geräuschlos betreten der Utopia Chor und das Utopia Orchester die Bühne. Kein Applaus durchstösst die Andacht. Die Dämmerung liefert durch die Fenster die passende Beleuchtung in der hellen Kirche, ein barockes Meisterwerk von Fischer von Erlach.
Von der Empore im hinteren Kirchenschiff beginnt das Wetk mit einem Sopransolo, von einem Chormitglied makellos vorgetragen. In den folgenden fünf Chorstücken werden im Stile der Gregorianik immer wieder mehrere Stimmen überlagert, diese treten in einen strukturierten Dialog, der wie ein Antwortspiel oder Variation anmutet. Auch wenn der Rhythmus wechselt und Schwung aufnimmt, es bleibt ruhig, mystisch und schwebend. Das Orchester übernimmt die Rolle des Verstärkers der Stimme. Besonders das Akkordeon wirkt wie die Verlängerung des gesungenen Tons. Zum letzten Teil erlischt das wenige Licht über den Notenständern und die letzten Töne verhallen im Dunkeln, passend „Es ist an der Zeit“ genannt. Zu Glockenschlägen treten die Mitwirkenden geräuschlos ab.
Utopia Chor und Orchester sind Gründungen von Currentzis, um seine Ideen und Projekte nach seinen kreativen Vorstellungen umzusetzen. Im 2022 entstanden, sind beide Institutionen bereits Teil des internationalen Klangspektrums und Gast bei zahlreichen Festivals. Aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt ist der Klangkörper hochkarätig besetzt.
ach der Pause wird wieder zu Glockenklängen andächtig Aufstellung genommen, nun ist die Kirche mit ein wenig Kerzenlicht ausgeleuchtet. Neben Kurtag zählt Arvo Pärt zu den wichtigsten Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts. Gegenüber der Komplexität Kurtags findet der Este eine minimalistische Tonsprache ohne Expressivität vermissen zu lassen. Sein Miserere für Soli, gemischten Chor, Ensemble und Orgel ist getragen von anspruchsvollen Chorälen, rhythmisch fordernd im Zusammenspiel der Solisten und des Chores, der mit Exaktheit und harmonischen Gleichklang besticht. Sehr konzentriert und der klaren Anzeige des Dirigenten folgend entwickelt sich ein engmaschiges polyphones Stimmenkonvolut von hoher Transparenz, nahezu an mittelalterliche Gregorianik erinnernd. Das Orchester wird auch in ein intensives Wechselspiel mit den Stimmen eingesetzt, die Dynamik erhöhend. Auch hier ist der Duktus wiederum andächtig ruhig sich langsam vorwärts bewegend.
Mit geringen Lichtvariationen in Rottönen von oben und dem gedämpft beleuchteten Altar bekommt die Aufführung eine besondere Note, die viel Spannung aufbaut. Für den Abschluss des Konzertes lässt Currentzis Sängerinnen von der Bühne mit Kerzen in der Hand durch die Kirche an den Zuschauern entlang wandeln. Dazu zitieren sie einen mittelalterlichen Choral „Sub tuum praesidium“ a capella. Auf der Bühne erlischt das Licht, Sänger und Musiker entschwinden wieder in das Off. Langanhaltende Ruhe beschließt den spirituell aufgeheizten Abend wirkungsvoll,
Wieder ist Currentzis gelungen, das Publikum zu bannen. Nur zögernd schwillt der Applaus an, der bewusst in der Inszenierung ausgespart ist.
Dr. Helmut Pitsch
18. Juli 2026 | Drucken
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