© Anja Köhler Bregenzer Festspiele
Giuseppe Verdi La Traviata Bregenzer Festspiele 14.8.2026
Bregenz zeigt eine moderne Traviata zwischen Event und kulturellem Hochgenuss
Die Seebühne der Bregenzer Festspiele mit einem Fassungsvermögen von bis zu 7000 Zuschauern nimmt eine Sonderstellung im internationalen Festspielbetrieb ein. Neben hohen künstlerischen Anforderungen an die musikalische Umsetzung ist die Erwartungshaltung an die Regie und insbesondere an das Bühnenbild hoch. Die räumlichen Gegebenheiten am Bodensee bieten eine großangelegte Fläche direkt am Wasser.
Der Bühnenbildner Paolo Fantin hat hier für die Neuinszenierung von Giuseppe Verdis beliebter Oper La Traviata ganze Arbeit geleistet. Ein übergrosser, in viele Splitter zerbrochener rechteckiger Spiegel baut sich über die Bühne gelegt auf. Ein paar Splitter liegen auch im Wasser zwischen Bühne und Publikumstribüne. So dient er unterschiedlich beleuchtet als stimmungsvoller Hintergrund oder als Projektionsfläche für Videos zur Handlung über Violettas /La Traviatas Broterwerb als Kurtisane sowie die Verpfändung ihres Schmuckes zur Finanzierung ihres Lebens mit Alfredo.
Damiano Michieletto gelingt es meisterheit in seiner Personenregie die Bühne zu bespielen. Die Massenszenen des ersten und dritten Aktes werden publikumswirksam in Szene gesetzt. Mondän ist die vornehme Partygesellschaft gekleidet, in Glitzerdress unterhalten Revuegirls mit Federfächern. Feucht fröhlich unterhaltet eine Tanzgruppe im Wasser mit Badekleidung, Schwimmreifen und Luftmatrazen inklusive.
Zur Landszene im zweiten Akt wird ein Splitter ausgeklappt und eröffnet den Blick in Violettas Landhaus. Alfredo malt die Wände aus, ein Tisch mit Blumen als Mobiliar. Im dritten Akt hebt sich aus dem Boden ein grell leuchtender Kreis als Varietebühne für die Balletteinlagen.
Imposant ist die szenische Begleitung zum Vorspiel des vierten Aktes. Aus dem Zentrum des zerbrochenen Spiegels schält sich eine schwarze Kugel heraus und bewegt sich drohend und schicksalhaft auf Violetta zu. Diese steigt ins Wasser, ein letztes Aufbäumen bevor sie auf einem Splitter zusammensinkt.
Dem Regieteam gemeinsam mit der Technik in Bregenz ist es auch dieses Jahr gelungen, eine visuell packende Inszenierung zu schaffen. Das zentrale Dreiecksverhältnis Violetta, Alfredo und dessen Vater findet ebenso Intimität und Gefühle wie das Pariser Gesellschaftsleben Glanz und Glamour.
Aus dem Innern des Festspielhauses heraus, liefern die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Pietro Rizzo eine wohldosierte symphonische Untermalung und akustische Gestaltung. Auffallend ist die Zurücknahme der technischen Verstärkung in den auf Dialog und Emotionen gefassten ruhigen Momenten. So entstehen differenzierte Klangwelten, die der Handlung dienen. Rizzo bringt ebenfalls Schwung und Dynamik auf, bleibt aber gefasster und im Fluss. Akzentuiert folgt er der Regie, unterstützt Tanzeinlagen rhythmisch lebendig. Feinfühlig begleitet er die tragischen Momente insbesondere das Finale das in sich stimmig kammermusikalisch wirkt.
Mit Marjukka Tepponen haben die Bregenzer Festspiele eine fabelhafte Titelheldin aufgefahren. Ihre Violetta Valery zeigt stimmlich Kraft, Sicherheit und eine Vielfalt von Nuancen, die auch durch die Technik zur Geltung kommen. Eindrucksvoll sind ihre reinen Koloraturen, die locker perlen. Auf der großen Bühne bleibt sie präsent und gut im Geschehen erkennbar. Julien Behr steht ihr als Alfredo mit einem weichen lyrischen Tenor zur Seite. Deutlich steigert er seine Präsenz und seine Stimme öffnet sich nachdem sie zu Beginn gedrückt wirkte. Vladimir Stoyanov ist ein bestimmender Vater Germont, der vehement seine schmerzhafte Forderung geltend macht und dessen Mitleid mit Zurückhaltung wahrgenommen wird.
Auch die Nebenrollen Flora Bervoix mit Rinat Shaham, Ivo Stanchev als Medico und Claire Barnet Jones als Annina sind bestens besetzt.
Mit rotem Abendhimmel, Sternen und Lichterketten am Horizont wird der stimmige Abend von der Natur umrahmt. Großer Beifall für alle Mitwirkenden.
Dr Helmut Pitsch
20. August 2026 | Drucken
Kommentare