Bayreuth Tannhäuser reloaded mit wildem Sturm auf der Wartburg

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Ovationen für die Regie: Durchgängig stringent ist das Regiekonzept von Tobias Kratzer für diese Neuinszenierung des Tannhäusers für die Bayreuther Festspiele. Die Gestalt ist historisch belegt. Seine Schuld und Sühne ein zentrales gesellschaftspolitisches Thema im. Ittelalter und jetzt auch modern aufbereitet in Bayreuth. Herzerfrischend unbekümmert und mutig geht der junge Regisseur ans Werk. Bekannte Eindrücke und Vorbilder wie das Roadmovie Priscilla oder die Blechtrommel werden bewusst unterstützend herangezogen, um die Botschaft " frei im Wollen, frei im Thun, frei im Geniessen" - Worte von Richard Wagner - dem Regiekonzept zu unterlegen. Diese Freiheit schliesst auch Andersartigkeit in der Liebe und im Denken sowie Aussenseiter der Gesellschaft ein. Der Liliputaner Oscar, dargestellt von Manni Laudenbach, der diese Rolle bereits in der berühmten Filmvorlage die Blechtrommel gespielt hat oder die gefeierte Drag Queen Gateau Chocolat bekommen eine Stimme gegenüber dem verkrusteten Establishment. Stilistisch gezeichnet trifft Klassik auf Pop, Film auf Oper. Dies klingt nach viel, aber es fliesst ineinander ohne Überfrachtung und Klamauk. Stimmungsvoll zur Ouvertüre führt uns ein Video zur Wartburg und über den Thüringer Wald zu einem Oldtimer Kastenwagen, der gemütlich durch die fränkische Bilderbuchlandschaft fährt. Venus sitzt am Steuer, Tannhäuser als Mac Donalds Maskottchen mit roter Perücke, Zylinder und bunter Jacke sitzt verliebt neben ihr, den Zwerg Oskar und die Dragqueen Gateau Chocolat im Schlepptau. Unverfroren gegen jede Regeln stehlen sie Benzin und Essen bis ein Polizist, der sich in den Weg stellt überfahren wird. Tannhäusers Gewissensbisse führen zur Trennung und zu seiner Flucht. Am Festspielhügel beginnt treffend das Spiel auf der Bühne, wo er die Minnesänger und Landgraf Heinrich trifft. Klassisch im Mittelalter spielt der Sängerwettstreit im Festsaal der Wartburg im Guckasten auf der Bühne. Darüber In schwarz weiss wird das Geschehen hinter der Bühne projiziert. Der Zuschauer beobachtet Venus und ihre beiden Freunde Oscar und Gateau Chocolat, die in das Festspielhaus mit einer Leiter eindringen. Als Burgfräulein verkleidet mischt sie sich unter die Hofdamen auf der Bühne. Komik mischt den ernsten Sängerstreit auf und droht zum Klamauk zu werden. Der Betrachter sieht die alarmierte Hausherrin Katharina Wagner im,Video die Polizei rufen, die auch auf die Bühne vordringt. Intelligent fliessen die Handlungen auf dem Video und der Bühne ineinander. So geht es mit den zündenden Ideen weiter, bis Elisabeth in den Armen des erlösten Tannhäusers stirbt, nicht ohne selbst endlich die Liebe im Akt mit Wolfram, als Tannhäuser verkleidet, erlebt zu haben. Diese Inszenierung provoziert und versetzt subtil so manchen Schlag gegenüber die Festspiele und seine Publikum, stellvertretend für die Gesellschaft. Aber sie reicht auch charmant die Hand. Die Ovationen überwiegen deutlich zu recht.

Misslungenes Debüt von Valery Gergiev : Der vielbeschäftigte Musikbotschafter Valery Gergiev kommt mit den speziellen akustischen Verhältnissen des Festspielhauses nicht zurück und wirkt sichtlich betroffen und düpiert von der Reaktion des Publikums. Zu wenig Proben und fehlende Präsenz in Bayreuth werden im zum Verhängnis. Immer wieder kommen die Stimmen und das Orchester zeitversetzt, fallen auseinander. Gehetzt treibt er das Orchester und dimmt die Lautstärke bis es wieder passt. So kommt ein Ausdruck oder eine fein ausgearbeitete musikalische Interpretation zu kurz.

Grosser Beifall für die Sänger Stephen Gould nutzt seine jahrelange Erfahrung im Haus und überzeugt wiederum als Tannhäuser. Kraftvoll setzt er sich gegen das Orchester durch und lässt sich nicht irritieren. Lise Davidsen wird als grosse neue Entdeckung in der Rolle der Elisabeth gefeiert. Eine mächtige Stimme, die in Piano und Höhe wie in Forte und Tiefe frisch und klar wirkt. Markus Eiche ist ein lyrischer edelmütiger Wolfram, der besonders im Spiel punktet. Die Regie macht Elena Zhidkova als freche, emanzipierte lockende Venus viel Platz. Im engen schwarzen glitzernden Hosenanzug überrascht die zarte Figur mit einer mächtigen dunklen Stimme. Stephen Milling gibt einen sonoren Landgrafen Hermann, der von den Geschehen auf der Wartburg überrollt wird. Wiederum bestens vorbereitet der Chor der Festspiele, der mit angezogener Handbremse die Abstimmung mit dem Dirigent sucht.

Dr Helmut Pitsch

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