Bayerisches Staatsballett bringt das Publikum mit Qualität und Gefühl "A Jour" mit zeitgenössischer Choreographie

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Drei junge erfolgreiche Choreographen wurden vom Bayerischen Staatsballett eingeladen, ihre persönliche Handschrift, ihr persönliches Verständnis von zeitgenössischer Choreographie vorzustellen. Drei unterschiedliche, aber ebenso spannende Verständnisse und Interpretationen wurden vorgestellt und ziehen das Publikum in ihren Bann.

Den Beginn macht der Taiwaner Edwaard Liang, ehemaliges Mitglied der Nederlands Dans Company. Er wählt mit dem Streichquartett  "Der Tod und das Mädchen" ein stimmungsvolles klassisches Werk von Franz Schubert, dem er auch mit einer dem klassischen Ballett angelegten Choreographie begegnet. Der Tod (Henry Grey) marschiert elegant mit sieben Gehilfen auf und unerwartet werden zwei Mädchen (Kristina Lind, Prisca Zeisel), ein Zwillingspaar zum Objekt der Begierde. Einfühlsam nähert sich das Trio, verschmilzt, trennt sich, die Verführungskünste des Todes fruchten nicht und am Ende ist er es selbst, der in seinen eigenen Armen schläft. Elegant, gefühlvoll, diszipliniert in Ansätzen erotisch, aber in jeder Sekunde Tanz vom feinsten in der Zusammensetzung der Schrittfolgen, der Pas de Deux und Trois.

Aufbrausend wild und ungestüm, männlich und zerfranst folgt die Interpretation des Sacre von Igor Stravinsky durch die Japanerin Yuka Oishi. Sie war Mitglied des Hamburger Ballett unter der Führung von John Neumeier. Seit 2015 arbeitet sie freischaffend. Die Choreographie für einen Solotänzer ist in engem Austausch mit dem russischen Tänzer Sergej Polunin entstanden, der auch an diesem Abend auftritt. Ein grosser Kreis aus Laub markiert den Opferplatz auf der Bühne. Im weiss schwarzen Camouflage Anzug steigt der Tänzer förmlich in den Ring. Durch die geschickte musikalische Mischung aus Klavier und Orchesterfassung dieser berühmten Ballettmusik entstehen unterschiedliche Ausdrucksmomente, die sich im Tanz widerspiegeln. Von Ekstase, körperlichem und geistigen Kampf gegen den Schmerz steigert sich die Dramaturgie zu einem letzten kriegerischen Aufbegehren, bevor das Opfer im Hagel von Lichtspots gejagt wird. In gedämpftes Rotlicht verfällt die Bühne und der tänzerische Ausdruck driftet in ein Eintauchen in das Jenseits. Ein rotes Tau wird aus dem Laubkreis herausgeschält, das Opfer tanzt sich in die Fesseln und stirbt. Sergej Polunin durchlebt in einer mehr aus überzeugenden Leistungen diese anspruchsvolle Ausgestaltung der Rolle, wobei die Choreographie Brüche und Haltephasen aufweist, die den rhythmisch dynamischen Ablauf unterbrechen und Spannung nehmen. Die Bewegungsfolgen bestehen aus wagemutigen Sprungkombimationen, elastischen Drehungen bis zu Verrenkungen am Boden, transparent und ehrlich.

Im Finale kommt es zur originellsten und künstlerisch ausgefeiltesten Choreographie, einem getanzten Horrorfilm mit dem Titel Cecil Hotel von Andrey Kaydanovsky. Der Wahlösterreicher hat hier eine Dramaturgie, ein wahres Tanztheater um die Geschichte des berühmten Cecil Hotel in Los Angeles auf die Bühne gebracht. Jenes Hotel, das durch verschiedene Morde und mysteriöse Kriminalfälle in Schlagzeilen geraten ist. Bis ins kleinste Detail wird überzeugend gestaltet. Die Bühne und Kostüme von Karoline Högl sprechen für sich. Eine Hotellobby, ein Hotelgang, ein Hotelzimmer von innen. Hierin baut Richard Schmetterer intelligent seine Dramaturgie als Rückblende der Straftaten auf. Mühen sich die Täter zu Beginn mit dem Verschwinden ihrer Opfer ab, erlebt der Betrachter in jedem Zeitsprung die Tat nach rückwärts bis zum ersten Zusammentreffen der Opfer mit den Tätern. Nur ein Mord blieb in der Hotelgeschichte ungeklärt, diesen lässt der Dramaturg zum Unfall in der Badewanne werden, der von allen Mördern entdeckt wird. In kompakten dreissig Minuten rollt dieser komplexe Handlungsstrang packend, lebendig und mit unglaublicher Phantasie und Kreativität für Bewegungsabläufe, Gesten und näturlichen Körperhaltungen durch den Choreographen vor den Augen der Zuschauer ab. Die Lichtregie von Christian Kass steuert die nötigen bildlichen Effekte und die Kompositionen und Soundeffekte von Dmitry Cheglakov untermauern das Vorgetanzte. Ein gehöriger Schuss Humor steckt in dieser beeindruckenden wie bewegenden Darbietung, wie ungeahnt umfangreich und kreativ ein Pas de Deux aus Tänzer mit einer Tänzerin sein kann, die einen leblosen Körper mimt. Axel Mercuri in der Rolle des Jack (Unterweger) bringt den coolen schmierigen Mörder (immerhin hat jener in diesem Hotel drei Morde begangen) der sich an einer kecken Prostituierten Elena Ibraimova vergeht. Der kraftstrotzende Richard von Jinhao Zhang erschiesst die schüchterne Betty (Carolina de Souza Bastos) im Schrank. Makaber wandelt Robin Strona als Selbstmörder in Strapsen in den einzelnen Szenen. Es gruselt pikant und humorvoll komisch und das Publikum ist begeistert. Viel Beifall für alle Darbietungen. Von meinem iPhone gesendet

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