Barockes Feuerwerk der Stimmen in Salzburg mit einem Schuss Fluch der Karibik

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Nicola Porpora war bestimmender Musiker und Komponist seiner Zeit. Sein Name und künstlerisches Erbe ist sehr eng mit dem Namen des berühmten Kastraten Carlo Broschi, besser bekannt als Farinelli verbunden. Als Gesangslehrer bildet er ihn in Neapel aus, als Komponist schrieb er 52 Opern mit unvergesslichen Arien für diese faszinierenden Männerstimmen und als Leiter des Opernhauses of the Nobility in London leitete er dessen Weltkarriere ein. Als Zeitgenosse Händels war er auch dessen größter Konkurrent und lieferte sich mit dem Deutschen einen erbitterten Wettstreit als Komponist und Intendant, sehr zum Nutzen des Londoner Publikums und der Sänger. Für die beiden endete der Wettstreit im finanziellen Debakel. Verarmt starb Porpora in seiner Heimatstadt Neapel.

Den Kastraten und ihren himmlischen Stimmen sind die diesjährigen Pfingstfestspiele Salzburg gewidmet. Nach der Eröffnungspremiere von Alcina steht Nicola Porporas Polifemo, zur gleichen Zeit entstanden auf dem Programm. Polifemo, der einäugige Zyklop wird von Ullisse (Odysseus) mit Hilfe der Nymphen Calipso und Galatea in seiner Macht und Kraft beraubt und geschlagen. Inhaltlich finden noch die Liebesgeschichten von Galatea mit dem sterblichen Schäfer Aci und Calipso mit Ullisse Platz im Libretto.

Die szenische Einrichtung hat mit viel Fingerspitzengefühl und einfachen Mitteln Max Emmanuel Cencic übernommen, der auch als Ullisse auf der Bühne steht. Margit Ann Berger hat die grosse Bühne der Felsenreitschule auf einen kleinen hell ausgeleuchteten Kreis in der Mitte reduziert, eine wahre Insel mit ein paar Felsen und wenigen Utensilien wie dem offenen Koffer Ullisses. Giorgina Germanou kreiert ansprechende Kostüme für die sechs Sänger, die sich auf der kleinen engen Insel tummeln. Die Nymphen in wallenden leichten Kleidern mit Blumen in der Lockenpracht, Aci im einfachen Schäfergewand, Ullisse als Piratenkopie aus Fluch der Karibik und Polifemo elegant ganz in schwarz mit Augenklappe. Texttreu wird auf der Insel gehandelt und bewegt. Ein paar lockere Gags finden Eingang zur Erheiterung des Publikums.

So wirkt alles natürlich, ehrlich und überzeugend und dank der ausgezeichneten Sänger und des Armonia Atenea Orchesters verläuft der lange Nachmittag kurzweilig. Julia Lezhneva, klein und zart im Erscheinungsbild, besticht mit ihrer unglaublich vielfältigen, klaren und höhensicheren Stimme als treu liebende und leidende Galatea. Da bleibt niemand ungerührt, wenn sie ihren geliebten toten Aci im Arm hält und emotional geladen Abschied nimmt. Immer wieder brechen die Wunden schmerzvoll auf. Sonja Runje hebt sich hier kokett und dramatischer aber ebenso fein im Gesang als Calipso ab. Dilyara Idrisova begleitet als Norea die Liebesgeschichten ihrer beiden gottähnlichen Schwestern. Yuriy Mynenko zeigt als Aci die Bandbreite seines Countertenor. Dunkel gefärbt sitzt sein ursprünglicher Bariton fest in der Bruststimme und eröffnet ihm viel Kraft und Modulationsfähigkeit in der Kopfstimme. Blumig schmückt er seine grosse Arie "Alto Giove" an den grosszügig gestimmten Gott Zeus aus und steht ehrfurchtsvoll von den Toten auf. Einer der vielen Höhepunkte dieses Sängerfestes. Max Emanuel Cencic wirbelt als tatkräftiger, nicht immer heldenhafter Ullisse herum und überzeugt mehr im Spiel als im Gesang. Sein sicherer Counter zeigt wenig Nuancierung. Pavel Kudinov darf mit tiefer Basstimme Männlichkeit und Macht demonstrieren und hebt sich klar und deutlich von den himmlischen Höhen um ihn herum ab.

Eindrucksvoll und an himmlische Pforten klopfend das Dirigat von George Petrou am Pult des griechischen Orchesters Armonia Atenea. Das Hausorchester der Athener Konzerthalle spielt sowohl auf modernen als auch alten Instrumenten. Das Orchester und sein Leiter wirken sehr vertraut und eingespielt. Aufmerksam folgen sie den Anweisungen und wechseln rasant die Tempo, Ausdruck und Rhythmus. Als Soli sowie in den Rezitative begleiten die Musiker stimmungsvoll die Sänger. Nicola Porpora richtete seine Kompositionen auf die Sänger und deren stimmlichen Potentiale aus. Voll von Koloraturen und artistischen Läufen ist seine Musik effektvoll und lässt den Sängern auch noch Freiraum eigene Improvisationen wie Kadenzen einzubauen.

Ein Fest für Barockfans und wer noch nicht genug hatte konnte noch im Anschluss an einem Galakonzert teilnehmen. Dieses beinhaltete ein wahrlich Best of für Kastraten und die Spitzenstars der himmlischen Töne gestalteten eine unvergessliche Hommage an diese unbarmherzige masslose Ausprägung des barocken Musiklebens. Unter dem Titel Farinelli and Friends traten angeführt von Cecilia Bartoli verschiedene Größen der Stimmakrobatik in den höchsten Tönen auf. Christophe Dumaux und Philippe Jaroussky zeigen überzeugend die unglaublichen Möglichkeiten der menschlichen Stimme. Lautstark und kraftvoll klettern sie in den Höhen, artistisch sprinten sie in Koloraturen und Sprüngen. Sandrine Piau, Ann Hallenberg, Patricia Petibon oder Vivica Genaux zeigen demgegenüber eindrucksvoll die Gegenüberstellung der weiblichen Sopranstimme. Das begeisterte Publikum dankt in minutenlangen Ovationen.

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