Barbara Hannigan begeistert am Pult und singt mit Spielfreude in München

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Münchner Philharmoniker Barbara Hannigan 5.5.2022

Barbara Hannigan begeistert am Pult und singt mit Spielfreude in München 

Ein Weltabschiedswerk werden die Metamorphosen von Richard Strauss gerne tituliert. Wehmut angesichts der zerstörten Städte Deutschlands am Ende des zweiten Weltkrieges prägt die Stimmung dieses Spätwerkes des bayerischen Komponisten. In nur vier Wochen schuf er das Werk für 23 Streicherstimmen. Der Schöpfer zahlreicher großer Opern schafft hier stimmlos ein Werk mit großer Ausdruckskraft. Langsam, Bewegt und wieder langsam sind die Satzbezeichnungen.

Barbara Hannigan machte zuerst als Sängerin Karriere und etabliert sich nunmehr auch am Pult großer Orchester. Ihre Dirigierstil ist  außergewöhnlich. Kein klarer Taktschlag, sie vermittelt mit schwingenden Armen und Händen ihre Wünsche. Das Orchester findet den Zugang zu ihrer Zeichensprache und eine präzise Interpretation mit viel Farbe, Klang und modulierten Volumen ist das Ergebnis.

Nach einer Umbaupause folgt direkt die 1959 uraufgeführte Monooper "la Voix Humaine" von Francis Poulenc. Diese ist ein Paradebeispiel einer Literaturoper nach dem gleichnamigen Theaterstück von Jean Cocteau aus dem Jahr 1928. Der Betrachter erlebt eine zerbrochene Beziehung, indem er ein Telefongespräch miterleben darf. Eine verlassene Frau lebt ein Wechselbad der Gefühle, kämpft um den Erhalt der Beziehung, will aber auch nicht in eine Position der Schwäche fallen. Die Spannung spitzt sich laufend zu, es bleibt der Phantasie des Zuhörers überlassen, die Worte des Geliebten zu erahnen. Geschickt sind laufend Pausen eingebaut. Die musikalische Ausmalung lässt Rückschlüsse auf den Verlauf des Gespräches zu. Die Verzweiflung der Verlassenen mündet in Selbstmordgedanken. Unterbrechungen, Gesprächstörungen verstärken den Effekt.

Francis Poulenc hat auch Filmmusiken geschrieben, Die Vertonung der Stimmungen, die Ausstattung der Gesprächspausen zeigen klar cineastische Motive. Barbara Hannigan schlüpft am Pult auch in die Rolle der Verlassenen. Gemeinsam mit Denis Gueguin und Clemens Malinowski hat die Kanadierin eine nahezu halbszenische Inszenierung geschaffen. Eine grosse Leinwand hängt über dem Orchester an der Rückwand der Isarphilharmonie. Die Dirgentin steht mit dem Rücken zum Publikum. Ihre Front wird auf die Leinwand in schwarz weiss projeziert. Ihre Arme streckt sie immer wieder verspielt in die Höhe und dirigiert auch aus dieser Pose. Den französischen Text akklamiert sie verständlich und mit viel Ausdruck. In Großaufnahme blickt der Betrachter in ihre Seele. Dann wieder kniet sie und schaut in die Kamera am Boden. Mit Schwung dreht sie sich auch zum Publikum. Sie zieht dieses unaufhörlich in ihren Bann.

Die moderne Musik Poulenc ist eingänglich, harmonisch und in der Dichte prägnant. Zumeist ist es im staccato gesprochenes oder gesungenes Wort, aber die Ausbrüche führen in schwindende Höhen, die die Sängerin fein und gehaltvoll meistert. Das Orchester wirkt auch magisch mitgerissen. Mit Bedacht wird Volumen und Tempo geführt. Das Psychodrama dauert eine gute dreiviertel Stunde, die Wirkung sitzt deutlich länger.

Begeisterter Beifall in der mäßig besuchten Isarphilharmonie.

Dr. Helmut Pitsch

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