Aus einem Totenhaus in München - bizarre ausgeklügelte Regie überzeugt

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Copyright Winfried Hösl
Draussen ein heisser schwüler Sommerabend. Drinnen dunkle russische Kälte. Aus einem Totenhaus ist Leos Janacek letzte Oper. Vollständig von ihm komponiert, wurde diese doch von verschiedenen Komponisten in der Instrumentierung überarbeitet und manche griffen auch auf die Gestaltung des Schlusses ein. So die früher vielgespielte Version von seinen Schülern Bretislav Bakala und Osvald Chlubna. Der allgemeinen Werktreue folgend, wird nunmehr zumeist die Originalkomposition in tschechischer Sprache aufgeführt. In der Neuinszenierung in München, welche im Mai diesen Jahres Premiere hatte, wird die kritische Fassung von John Tyrrell aus 2013 gewählt. Die Handlung basiert auf den Aufzeichnungen aus einem Totenhaus von Fjodor Dostojewski. Diese seine Erfahrungen in einem russischen Arbeitslager werden von Janacek, der auch das Libretto schrieb, fast wörtlich übernommen. Der Schriftsteller hat seine Erlebnisse von vier Jahren Straflager als schlimme Jahre, wie lebendig begraben bezeichnet. Gleichzeitig hat er viele Erkenntnisse und Menschentypen kennengelernt. Nach seiner Freilassung erzielte er einen großen Erfolg mit seinen Aufzeichnungen im Singular des Erzählers Alexsandr Petrovic Gorjancikov. Leos Janacek war eine grosser Bewunderer der russischen Literaten und viele seiner Werke basieren auf einer russischen Literaturvorlage. Die durchkomponierte Oper bestehend aus drei Akten wird ohne Pause gespielt, die Handlung entwickelt sich aus Monologen der einzelnen Haftinsassen, die ihre eigene Geschichte erzählen. Die Einlieferung Alexander Petrovic und seine Entlassung wirken wie ein erzählerischer Rahmen. Schwer und expressionistisch lastet die romantische Musik. Die slawische Melancholie dominiert die Färbung. Geschickt zerlegt er die Instrumentierung, verschiedene Soli unterstreichen die emotionale Welt des Werkes. Dicht ist die Musik gestaltet. Massiv führt die Ouvertüre in die Gefängniswelt ein. Schwülstig entladet sich das Orchester in vielschichtigen expressionistischen Ballungen, um in weiterer Folge sehr klar und nahezu kammermusikalisch die einzelnen gesanglichen Erzählungen zu begleiten. Simone Young versetzt vom ersten Ton an das Orchester in die nötige Spannung, haltet das Tempo frisch und schnörkselfrei. Gross ist die Besetzung, sodass Instrumente aus dem Graben in die Seitenlogen wandern, aber die Mächtigkeit bleibt gebündelt und die Transparenz überall spürbar. Die Frische, mit dem das bayerische Staatsorchester nach vier Wochen Festspiele und Einsatz an jedem Abend aufspielt ist beeindruckend. Die Präzision in einem so schwierigen Werk vermutlich ohne Proben ein Qualitätsmesser. Regie führt Frank Castorf und seine Theaterwelt versetzt er auf die Opernbühne. Ein zentraler Holzbau, gestaltet von Bühnenbildner Aleksandar Dente, auf der Drehbühne dominiert und stellt überzeugend wirkungsvoll eine Holzbaracke als Straflager dar, wie wir es aus verschiedenen Bildern kennen. Holzbetten, Bänke und ein paar verbleichte Poster mit idylischen Urlaubsmotiven gehören zum kargen Dekor genauso, wie ein Verschlag mit Hasen. Die Gefangenen betrachten ihre Gefangenen, wie ein Gesellschaftsspiel. So auch die skurile Theaterszene, ein zentrales Bild der Oper. Aufgehübscht in Kostümen mit grossen Totenkopfmasken, Strechanzügen mit Skelettaufdrucken und roten Umgägen schaffen sich die Gefangenen ihre eigene skurille erotische Traumwelt, angereichert mit weiblichen Wesen in sexy Outfit. Wiederum setzt Castorf Kameras ein und projeziert Teile des Geschehens auf Leinwände, alles wird sichtbar eine transparente Gesellschaft nach modernem Muster. Konzentriert muss der Betrachter folgen, um nichts zu verpassen. Es ist viel los aber es bleibt geschickt in wahrnehmbare Grenzen. Dies auch dank der sehr gut ausgewählten Besetzung. Mit ihrer Darstellung ziehen sie die Aufmerksamkeit auf sich. Peter Mikulas übernimmt schwergewichtig mit satten Ton den Part des Adeligen Aleksandr Petrovic der immer wieder für Unruhe sorgt und sich mit dem jungen Tartaren Aljeja anfreundet, der als Hosenrolle von Evgeniya Sotnikova farblos und mit kleiner Stimme übernommen wurde. Die Höhepunkte sind die Monologe des Skuratov, den Charles Workman mit ausgefeilter Stimmführung eindringlich bringt. Sein trockener Tenor mit kräftiger Höhe eignet sich für den Sprechgesang, nuanciert singt er von seiner großen Liebe und seiner Wahnsinnstat an der Geliebten. Nicht minder bewegend und imposant das Geständnis Siskovs. Bo Skovhus ist bekannt für seine großen schauspielerischen Qualitäten nebst markanter Stmme. Dieser brutale Geist, der skrupellos auch vor dem toten Widersacher keine Reue zeigt, gibt dem Dänen viel Raum. Hinter dem Stacheldraht kauernd erzählt er seine Geschichte zwischen Stolz und geistiger Umnachtung angesiedelt. Exstatisch intoniert er über weite Teile mit leichtem Druck in der Betonung und mischt lyrische Sequenzen ein. Wie ein Chamäleon zeigt sich sein Wandlungsfähigkeit. Ebenfalls überzeugen Ales Briscoin als Luka, Manuel Günther als Sträfling und Christian Rieger als Platzkommandant. Eine außergewöhnliche gelungene Darstellung dieser düsteren Literaturvorlage und erfreulich großer Beifall für diese selten gespielte musikalisch „kantige“ Oper.

Helmut Pitsch

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