Tristan und Isolde versteinert in Amsterdam

Xl_tristan0086 © Ruth Walz

Im Jahr vor seinem Wechsel nach Aix-en-Provence wagt sich Künstlerintendant Pierre Audi an der Amsterdamer Oper, Stätte seines langjährigen Wirkens, an die Inszenierung von Wagners Tristan und Isolde. Die Produktion ist zugleich eine Ko-Produktion mit dem Théâtre des Champs-Élysées und dem Teatro dell’Opera di Roma.

Im Bühnenbild und den Kostümen von Christof Hetzer blicken wir auf eine sterbende Welt. Im ersten Akt ist die Szene dominiert von zerfallenden Überresten eines riesigen Schiffsrumpfes, die während des Aktes immer neue Positionierungen annehmen. Im zweiten Akt ist die Bühne von gespenstischen, übergroßen, wie unkontrolliert gewachsenen und versteinerten Blumen geprägt und im dritten Akt gibt es nur noch Wüste und leblose, abgestorbene Natur zu sehen und optisch zu empfinden. Es ist nicht ein unbestimmt-mystisches Jenseits oder auch nur die Möglichkeit dazu, sondern ein Weg in die aussichtslose Welt der Unnatur und des Todes. Die feinabgestimmte Lichtregie von Jean Kalman unterstützt diese Entwicklung über den gesamten Abend mit einem ausgeklügelten Farb- und Beleuchtungssystem, insbesondere auf dem mächtigen Rundhorizont, ohne die Szene in Dunkelheit zu hüllen. Isoldes Liebestod wird dann wie im Scherenschnitt und starkem, fahlen Licht vom Hintergrund begleitet. Hetzers Kostüme muten an wie abstrakt-mystische, zeitlich unbestimmte Elemente mit im Einzelfall andeutungsweisen Bezügen zu Herkunft oder gesellschaftlicher Position der Figuren.

Die Personenführung wirkt äußerlich statisch, lässt nie zu, dass sich die liebenden Protagonisten auch nur annähernd begegnen oder berühren. Sie kann nicht immer verhindern, dass einzelne Gesten aller Darsteller von sehr traditionellen Bewegungsabläufen geprägt sind. Die Interpretation von Melot als böswilligem, verkrüppeltem Greis, der in all seiner körperlichen und geistigen Schwäche Tristan aus Missgunst verrät und endlich nach mehreren Aggressionen physisch mit dem Messer die tödliche Wunde zufügt, überrascht in der heutigen Zeit politischer Korrektheit. Die in Bildausdruck und Personenführung geübte Abstraktion bietet einen mystischen Raum, den der Betrachter selbst ausfüllen mag oder nicht. Jedenfalls wird der Zuschauer nicht, wie etwa in Tcherniakovs neuer Berliner Produktion, durch eine konkrete Umsetzung herausgefordert, sich dem Rätsel dieses Werkes besonders auszuliefern, oder sich mit der Interpretation auseinanderzusetzen, um sie zu enträtseln.

Stephen Gould als Tristan ist in guter Verfassung. Sein vor allem in der Mittellage dunkel-leuchtendes Timbre weiß der Künstler über die lange Partie mit äußerst bewusster und disziplinierter Ökonomie einzusetzen. Dies kommt dem Künstler in den außerordentlichen Anforderungen der Fieberträume im dritten Akt besonders zugute. Musikalische Phrasierungen werden klug auf den Höhepunkt der gesanglichen Linie, oder die jeweiligen Spitzentöne, zugesteuert. Die Stimme verlässt Gould dabei nie, nur die Textverständlichkeit ist nicht immer optimal. Ricarda Merbeth hat sich eine respektable Interpretation der schwierigen Partie der Isolde erarbeitet. Ihre Stimme ist nicht ohne Vibrato in unterschiedlich starker Ausprägung. In der Mittellage gelingt eine im sprachlich-gesanglich Duktus oft textverständliche Umsetzung der der Gesanglinien, während in die Höhe oft nicht ohne Anstrengung und nicht immer bruchlos erreicht werden. Ihr Liebestod gelingt in einem schönen und klug strukturieren Vortrag.

Die Brangäne von Michelle Breedt setzt sich nicht sehr kontrastierend von Isoldes Stimmcharakter ab. Dennoch überzeugt die darstellerische und gesangliche Gesamtleistung.  Der Kurwenal von Iain Paterson liegt im Timbre tendenziell hoch und vermag durch seine nachdrückliche Stimmcharakterisierung und sprachliche klare Diktion, ein überzeugendes Portrait des treuen Freundes zu zeichnen. Das Ensemble wird mit Andrew Rees als Melot, Martin Piskorski in der Rolle des jungen Seemanns, Roger Smeets als Steuermann und Morschi Franz als Hirte sehr angemessen abgerundet. Der Herrenchor der Nationale Opera unter der immer bewährten Leitung von Ching-Lien Wu wird seiner Rolle bestens gerecht.

Das Nederlands Philharmonisch Orkest unter der Leitung von Marc Albrecht zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es über den gesamten Abend sehr liebevoll und differenziert eine Vielzahl von Details der großen Partitur herausarbeitet. Bei Isoldes Schlussgesang gelingt dann ein melodisch und strukturell wunderschöner großer, romantischer Klangbogen, der sich mit der Stimme Ricarda Merbeths bei Isoldes Liebestod eindringlich vereint und gewissermaßen entschwebt. 

Das Publikum feiert begeistert alle Sänger, besonders auch den Dirigenten Marc Albrecht und sein Orchester sowie den auch zu dieser Dernière auf der Bühne erscheinenden Regisseur und Intendanten des Hauses Pierre Audi.

 

Achim Dombrowski

 

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