© Stephan Rabold
Staatsoper Unter den Linden Berlin
La Vestale
Gaspare Spontini
Premiere 26. September 2026
Besuchte Aufführung: 30. September 2026
Für die Regisseurin Lydia Steier „...gibt es keinen Grund, eine Oper aufzuführen, wenn sie uns nicht dazu anregt, über unsere eigene Welt im Hier und Jetzt nachzudenken“. Die Künstlerin ist von Sorge getrieben, dass der Zuschauer etwa den aktuellen Rechtsruck und die neue Dominanz von Religion und Militarismus in ihrem Heimatland - den USA - nicht bemerken könnte. Dasselbe gilt für europäische Länder wie Frankreich, Deutschland und andere. Auch der Iran ist Steier während des Arbeitsprozesses kurz durch den Kopf geschossen.
Folglich erleben wir eine szenische Darstellung, die das bevorstehende Hier und Jetzt auch drastisch zeigt. Es herrscht nackte Gewalt. Kriegsgefangene werden blutig geschlagen, ihnen wird das Fleisch vom lebendigen Leib gerissen, politische Gegner werden unter Stöhnen und der hilflosen Geste der Familienmitglieder schon zur Ouvertüre blutrünstig ermordet und auf dem Kopf hängend an einer blutgetränkten Mauer hochgezogen.
Julias Geliebter Licinius kehrt als Feldherr psychisch krank aus den Kämpfen zurück.
Nicht einmal das von Spontini komponierte glückliche Ende dürfen Julia und Licinius im dritten Akt erleben. In Überschreibung der Handlung werden die Hohepriesterin der Vestalinnen und höchst wahrscheinlich auch das Liebespaar Julia und Licinius hinter der Bühne erschossen. Verantwortlich dafür ist überraschender Weise der Soldat Cinna, der zweite Tenor. Der hatte sich bis dato als engster Gefährte von Licinius weit über das Schlachtfeld hinaus erwiesen. Am Ende aber - so Steiers Idee - geht es Cinna nur um seine Macht, und dabei geht er über Leichen.
Gespielt und agiert wird auf der Bühne in der Art eines emsigen Schülertheaters. Gefolterte schreien, Familienmitglieder schluchzen, Hautfetzen fliegen, Priesterinnen spucken und große, schlanke Soldaten in schwarzen Uniformen (Kostüme von Katharina Schlipf) knien in kleiner Choreographie eilfertig vor dem jeweiligen Machthaber. Vielleicht gab es auch Testosteron-Spritzen? Gelegentlich gibt es Videos (Etienne Guiol), mitunter in faschistischer Ästhetik.
O Mensch, siehst du die Gefahren im Hier und Jetzt?
Es handelt sich um eine Koproduktion mit der Opéra National de Paris aus dem Jahre 2024.
Lydia Steier hat sich gefreut, dass das auf der Bühne sichtbare Bild des Amphitheaters der Universität Sorbonne von den Parisern, wo die Produktion Premiere hatte, als ein Aushängeschild intellektueller Errungenschaften in Europa gesehen wird. Sie hatte zusammen mit ihrem Bühnenbildner Etienne Pluss einen Ort mit gewissermaßen paralleler Bedeutung zur Harvard University in den USA gesucht. Vielleicht hätte Berlin auch einen intellektuell-geschichtsträchtigen Ort zu bieten gehabt, oder gar mehrere? Die Humboldt Universität zu Berlin wäre gleich auf der anderen Straßenseite gewesen. Also doch nur ein Nachspielen einer französischen Inszenierung statt einer Koproduktion oder Sparzwänge? Wahrscheinlich wären alle Lösungen wären beliebig gewesen.
Die stärksten Akzente im ersten Akt setzte Marina Prudenskaya als Oberpriesterin. Mit hartem, gleichsam stählernem Mezzosopran stellte sie klar, dass das Amt einer Vestalin keine Ehrenangelegenheit für Töchter aus vornehmen Familien ist, sondern eine Art Vorstufe der Hölle.
Sonja Yoncheva als Vestalin Julia tat sich schwer, gegen diese harte Vorgesetzte mit ihren persönlichen Zweifeln an den Forderungen des Amtes anzukommen. Steier machte es ihr allerdings auch nicht leicht, werden Julias lyrische Passagen doch immer wieder von Schmerzensseufzern Geschlagener unschön untermalt, ja geradezu karikiert.
Im zweiten Akt, dem Herzstück der Oper, konnte Yoncheva mit ihrer großen, nuancenreichen Stimme glänzen. Ihre Soloszene zu Beginn wurde zu einem zehnminütigem Ritt durch die menschlichen Leidenschaften von der Angst bis zur Raserei. Das war beeindruckend.
Der britische Tenor David Butt Philip hat zwar eine schöne Stimme, wirkt aber zurückhaltend und durch die Traumata des Krieges gehemmt, so dass er nicht recht zu einem ebenbürtigen Partner seiner grandiosen Julia heranwachsen kann.
Siyabonga Maqungo gefällt durch seinen ansprechenden schönen Tenor. Nirgendwo freilich deutet sich in Spontinis Musik an. dass Cinna Licinius verraten wird.
Rundum überzeugend in Darstellung und Stimme gibt Adrian Sāmpetran den Hohepriester.
In erneut glänzender Verfassung der Staatsopernchor unter der Leitung von Dani Juris, der jeden Ausbruch, jede lyrische Phrase der sehr großen Partien mit bestechender Klarheit zum Ausdruck brachte.
in Carlo Rizzi führt die Staatskapelle Berlin erfahren, umsichtig, feinfühlig und mit viel Sinn für die spezifischen Klang-Valeurs der Partitur von Gaspare Spontini.
Mit dieser Produktion wird die Staatsoper Unter den Linden zumindest szenisch den Verdiensten Spontinis generell und für Berlin nicht gerecht. Spontini hat seine Oper La Vestale 1807 für Paris geschrieben. Der Komponist hat aber immerhin später 21 Jahre lang das Musikleben der Stadt Berlin geprägt und wirkte seit 1820 erfolgreich als Leiter der Berliner Hofkapelle und des gesamten preußischen Musiklebens.
Großer Applaus für die Sänger, Chor und Orchester, viele Bravorufe für die Yoncheva.
Achim Dombrowski
Copyright: Stephan Rabold
04. Oktober 2026 | Drucken

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