Staatsoper Berlin Macbeth - Die Demut der Mörder

Xl_macbeth_85

Premiere 17. Juni 2018

Macbeth ist Verdis dunkelste Oper. Nie hat der Komponist so oft mit Moll-Tonarten gearbeitet, so häufig sotto voce Gesang vorgeschrieben, so nachhaltig tief-graue, schwarze, rauhe, nordeuropäische Wesenselemente atmosphärisch zur Darstellung gebracht.  

Daniel Barenboim hat diese Oper als Neuinszenierung an der Staatsoper Unter den Linden aufs Programm gesetzt und sich dazu den Regie-Altmeister Harry Kupfer zur Seite geholt. Außerdem hat er mit Anna Netrebko und Placido Domingo eine luxuriöse, äußerlich für Glanz und Starruhm stehende Sängerbesetzung als Lady und Titelhelden verpflichtet. Wie geht ein Konzept auf, welches die erbarmungslose Düsternis dieser Opernvorlage mit dem Glanz und  Starruhm von Opernstars verknüpfen will? 

Harry Kupfer kreiert zusammen mit seinem langjährigen Bühnenbildner Hans Schavernoch, der Lichtregie von Olaf Freese ein in der Personenführung sehr klares, in den Bildern überwiegend farblich schwarz basiertes Konzept, welches der Ausweglosigkeit und Düsternis der musikalischen Struktur entspricht.

Während des Vorspiels traumwandelt Lady Macbeth mit einem wie eine Kreuzreliquie vor sich hergetragenen Schwert über ein schwarzes Feld zerstörter Natur mit toten Kriegern. Sie trägt eine Puppe wie ihr totes Baby im Arm, welches bereits in eine weiße Uniform eines zukünftigen Militärs gekleidet ist. Im dritten Akt erscheint ein ähnlich gekleidetes Kind bei den Weissagungen des Todes. Gewissermaßen die Umkehrung eines Bildes von Leben und Mutterschaft. 

Hexen sind Frauen aus der Unterschicht, die in ihren Prophezeiungen und Provokationen vor allem psychologische Reaktionen, auch Schuldgefühle und Ängste beim Angesprochenen, insbesondere wenn dieser sie aus eigenem Antrieb befragt.

Macbeth greift mit provozierender Geste nach den Insignien der Macht, die noch auf Duncans (des Königs) Leiche liegen. Obgleich niemand widerspricht, wird deutlich, dass für seine Herrschaft kein Konsens besteht. Macbeth hält einstweilen die unsichere Machtposition. Die Lady verlässt die Szene mit Macbeth in einer schwarzen, an der Unterseite blutroten, nicht enden-wollenden Schleppe.

Die Ermordung Banqous spielt unweit eines Flughafens vor einer riesigen Kran- oder Baggerschaufel, die den Tod potentieller politischer Gegner vor dem Hintergrund des Ausbaus der wirtschaftlichen Infrastruktur zur Stabilisierung und Erhalt der politischen Macht versinnbildlicht. 

Kupfer gelingt mit seinem Team eine außerordentlich große Einfachheit der Bilder und der Erzählung über wiederkehrende Mechanismen von Machterringung, -missbrauch und Unterdrückung. Die Klarheit steigert den Eindruck der Unausweichlichkeit der Abläufe.

Die Räume in Macbeths Burg sind mit Ausgängen versehen, die man nur in gebückter Haltung passieren kann. Die Szenen werden am hinteren Ende der Bühne durch überwiegend schwarz gehaltene Standbilder alter Kirchen- und Burgruinen oder wiederholt Feuer mit schwarzen Rauchwolken durch die Videokunst von Thomas Reimer vervollkommnet. Der Pervertierung der Macht  wird die Zerstörung der Natur parallel gestellt. 

Die Kostüme sind außer beim königlichen Bankett im zweiten Akt dunkel gehalten, die hohen Grade der Militärs tragen Uniformen in weiß oder schwarz mit allen Orden und Kordeln der Armeezierde wie sie in diktatorischen Staaten noch vor wenigen Jahrzehnten, zum Beispiel in Südamerika, üblich waren. Die tendenziell überzeichneten Ausstattungsmerkmale der Uniformen provozieren die Atmosphäre einer erstickenden Einigung des Lebens auf das allgegenwärtige militärisch-diktatorische Gefüge. Insgesamt hat der Kostümbildner Yan Tax über 500 Gewänder fertigen lassen. 

Anna Netrebko stellt Stimme und ihr außergewöhnliches Können ganz in die Charakteristik  der machthungrigen Lady. Sie ist eine getriebene Frau, deren Motive ihr selbst wohl nicht verständlich sind. Die Bilder pervertierter Mutterschaft im Vorspiel und eines mitunter mädchenhaften Schreckens stehen im Gegensatz zu exaltierteren Rolleninterpretation wie man sie schon häufiger gesehen hat. Dabei erlaubt sich die Künstlerin auch in den großen Höhepunkten keine stimmlichen oder darstellerischen Extravaganzen. Die Stimme wird ausschließlich im Sinne der düsteren Rolleninterpretation eingesetzt. Die schweren Teile der Linienführung und Tongebung werden mit kaum vorstellbarer, aber eben nachgerade unauffälliger Meisterschaft geleistet. Der Einsatz in großen Chorszenen gelingt wunderbar durchsichtig und als organischer Teil des Gesamtklangs. Bei allem Können und Brillianz ein Zeugnis großer Demut vor dem Werk und des persönlichen Einsatzes als Teil eines Ensembles. 

Dies trifft auch auf Placido Domingo zu. Der Ausnahmekünstler weiß durch über so viele Jahre erworbene Erfahrung seine stimmlichen Mittel klug zu kalibrieren und einzusetzen. Die deklamatorisch-psychologischen Ausdrucksfähigkeiten sind noch immer außerordentlich und mit Anna Netrebko als Partnerin scheint das Paar in schonungsloser Intensität des Ausdrucks in den Abgrund zu taumeln. Diese demütige Haltung beider Sänger erlaubt eine so eindringliche wie überzeugende Darstellung zweier Persönlichkeiten in doch so unterschiedlichen Phasen ihrer persönlichen künstlerischen Entwicklung.           

Die jugendliche Kraft, Ausdrucksstärke und makellose Technik von Fabio Sartori als Macduff bringt besonders in der Arie des vierten Aktes einen trauernden, übermenschlichen Schmerz zum Ausdruck, der trotz allen Leidens am Tod von Frau und Kind wie ein Aufruf an die Fortsetzung des Lebens erklingt. Ein lebensbejahender Ruf nach Humanität und der Sehnsucht eines Lebens jenseits von Unterdrückung und Mord. Mit diesem Hoffnungsfanal in all der Düsternis gelang dem Sänger der emotionale Höhepunkt des Abends.    

Kwangchul Youn als Banquo gibt seinen Part mit einer schicksalhaften Unauffälligkeit und makellosem Gesang.   

Der Staatsopernchor unter der Leitung von Martin Wright meistert seine großen Aufgaben exzellent und mit intensivem Spiel. Die Abstimmung mit dem differenziert aufspielenden Orchester gelang vorzüglich und die Balance in den großen Ensemble-Szenen wurde tadellos gehalten.     

Die Staatskapelle Berlin entspannt einen graumelierten Klangteppich vielfältig abgedunkelter Klänge, der in den traditionelleren Teilen der Partitur auch die Charakteristika des früheren Verdi mit viel Gespür aufleuchten ließ. Die Abstimmung der Instrumentengruppen untereinander, der Einsatz vieler Solostellen gelingt auf höchstem Niveau. Gespielt wird eine behutsame Mischform der Erstfassung von 1847 sowie der weitgehend überarbeiteten Pariser Version von 1865, wobei auf die Ballettmusik verzichtet wird. 

Daniel Barenboim hält nicht nur die Fäden im Orchestergraben zusammen. Ihm gelingt es, den großen Bogen des düsteren Konzeptes mit all den unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammenzuhalten und auf den Punkt zu bringen. Ein großer Abend des Weltmusikers! 

Das Publikum folgt dem Abend mit Spannung und mit Betroffenheit. Herzlicher Applaus mit unzähligen bravibricht sich erst am Ende der Vorstellung Bahn und bezieht neben Anna Netrebko und Placido Domingo vor allem Fabio Sartori und die Staatskapelle unter ihrem langjährigen Chef mit ein.    

 

Achim Dombrowski

Bildmaterial Bernd Uhlig | Drucken

Mehr

Kommentare

Loading