Schockbehandlung in der Schule der Liebenden

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COSI FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Premiere am 03.10.2021

Staatsoper Unter den Linden Berlin 

Die Staatsoper Unter den Linden brilliert mit der Premiere Cosi fan tutte und der Fortsetzung der Mozart/da Ponte Trilogie   

Die Staatsoper Berlin erarbeitet sich eine neue Trilogie der Mozart/da Ponte Opern. Nun also Cosi fan tutte, diese hintergründige Verführungsgeschichte, in welcher zwei junge Offiziere aus einer Laune heraus eine Wette mit dem erfahrenen und abgeklärten Don Alfonso eingehen, in welcher sie sich verpflichten, versuchsweise ihre beiden angebeteten jungen Geliebten überkreuz zu verführen. Sie glauben an deren Standhaftigkeit und Treue und müssen das Gegenteil erfahren. Allerdings in einem Szenario, in welchem sie sich als wunschgemäß erfolgreiche Verführer selbst ihrer eigenen, schwankenden Gefühlswelt nicht mehr sicher bleiben. Wer liebt am Ende wen? Dauerhaft, oder wie überhaupt? Ende offen, Zukunft ungewiss...  

Für den Regisseur Vincent Huguet haben Mozarts drei da Ponte Opern die Struktur einer Familiensaga (wenn auch in der Chronologie von den Entstehungsdaten der Werke abweichend):  Cosi fan tutte mit dem Untertitel Schule der Liebenden spielt demnach um 1968, Le Nozze di Figaro in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts und Don Giovanni etwa zur Jetztzeit. Die Trilogie soll die Entwicklung von Freiheiten (nicht nur in der Liebe und Sexualität) und die menschliche Verstrickung darin fortzeichnen. 

Die Ausstattung der Bühne im Bild von Aurélie Maestre und den Kostümen von Clémence Pernoud arbeitet in Manier, Geste und Optik in der Zeit der sexuellen Revolution der 60er Jahre. Zunächst treten die Männer Ferrando und Guglielmo noch im Outfit ihrer bürgerlich-katholischen Herkunft auf, verwandeln sich aber mehr und mehr in (Ver-)Kleidung und Habitus in die typische Erscheinung der Hippiekultur der Zeit. 

Hafenmauern und Steine begrenzen den kleinen Strand, an welchem sich des nachts so manches Liebesspiel ergibt. Zwischendurch schwebt das Verführungsgeschehen unterm Sternenhimmel und mit Zutaten der arte povera geht die Geschichte ihrem bitteren und sehr offenen Ende entgegen. 

Alfonso und Despina sind durch diese Experimentalphasen schon durch. Sie haben vormals für die freue Liebe gekämpft und unterziehen die Liebenden einer harten Schule von Erfahrungen, die sie selbst zuvor schon durchlitten haben.     

Die Idee trägt. Das Konzept wird durchgehend mit sublimer Personenführung und exzellenten Sängerdarstellern ganz wunderbar entwickelt. Es gibt zeitgeistige Action der Hippiekultur, aber sehr plötzlich und unerwartet lauern Untiefen von Gewalt, Melancholie, Einsamkeit, und der unvermeidliche Schmerz aus dem Kreislauf von Begierde und Zorn und der Sehnsucht nach verlorener Liebe und Zuwendung. 

Es ist eine recht düstere, illusionslose, vor allem aber auch frauengerechte Umsetzung. In der Musik entwickelt sich der Charakter des Guglielmo nicht nur in seiner bitteren Arie mit dem finalen Ruf „cosi fan tutte“ zum Skeptiker des Geschehens. Er hält sich auch in anderen Teilen separat von den anderen Personen und entwickelt in Ansätzen seine eigene Bitterkeit aus dem Geschehen. Bei Huguet wird dies noch durch eine ebenso enttäuschte Haltung Ferrandos in der zweiten Hälfte des 2. Aktes ergänzt. Er vollzieht den letzten Verführungsversuch entsetzt vor dem Hintergrund des absehbaren Endes und der voraussagbaren menschlichen Anfälligkeit für Verführung und Untreue.

Bei der Rückkehr der beiden Geliebten aus dem scheinbaren Krieg vollziehen dabei Huguet und Barenboim szenisch und musikalisch eine wunderbare Partnerschaft. Als die beiden Männer in ihren Militärausstattungen erscheinen, verlangsamt sich das Tempo der Musik merklich und die Bläserfärbungen im Orchester scheinen eine intensiv-fahle Farbe auszustrahlen. Die Atmosphäre wird entmaterialisiert. Es wird klar, dass dieses Spiel keines der beiden Paare unbeschadet übersteht.  

Und doch folgt ein weiterer suspense-Effekt: im Moment der Anklage der Männer ihren vermeintlich untreuen Frauen gegenüber legen diese ihre Verkleidung ab: sie hatten vor der beabsichtigten Heirat unbemerkt ihrerseits die Rollen (zurück-)getauscht. Längst hatten sie das Spiel durchschaut und hätten sich gewissermaßen „richtig“, das heißt mit ihrem ursprünglichen Partner, verheiraten lassen. Noch nie standen die Männer so düpiert da. Die Frauen haben das Spiel umgedreht. Eine Gleichberechtigung der eigenen Art.         

Wieder ein ausgezeichnetes Ensemble von Sängerdarstellern auf der Bühne: Frederica Lombardi als Fiordiligi brilliert nicht nur in ihren großen Arien mit glanzvollem und beseeltem Sopran, der selbst in den schwierigsten Koloraturen überzeugt. Marina Viotti als Dorabella steht ihr nicht nach. Die jungen Männer sind mit Gyula Orendt als Gugliemo und Paolo Fanale perfekt besetzt. Tatsächlich hat ja auch Gyula Orendt den Grafen in der Fortsetzung der Saga auf der Bühne der Staatsoper ebenso stimmsicher wir darstellerisch mit viel Spielfreude vertreten.

Die erfahrenen Charaktere liegen bei Barbara Frittoli als Despina, vor allem aber Lucio Gallo in besten Händen. Es ist vor erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Lucio Gallo darstellerisch überzeugend die jüngeren Leute souverän durch diese harte Schule führt, „... damit am Ende alle klüger sind...“    

Der Staatsopernchor unter der Leitung von Martin Wright singt mit großer Spielfreude. 

Die Staatskapelle Berlin unter ihrem langjährigen Chefdirigenten Daniel Barenboim klingt wunderbar leicht, durchsichtig und feinsinnig rhythmisch pointiert. Die Linien der musikalischen Struktur werden einfühlsam und empathisch vorgestellt. Die tempi sind von vorherein nicht allzu schnell angelegt.  

Die Irrungen werden weiter gehen. Huguet stellt sich vor, dass Guglielmo in seiner späteren Lebensphase zum Graf in Le Nozze di Figaro wird, und aus den Turbulenzen dieser Lebensphase wiederum als Don Giovanni hervorgeht. Den Figaro konnte man bereits erleben, Corona hat die zeitlichen Produktionsabläufe durcheinandergebracht. Auf die weitere Umsetzung der Trilogie darf man unbedingt gespannt sein. Der nunmehr also dritte Teil Don Giovanni folgt noch in dieser Spielzeit im April 2022. Angesichts der sichtbar gewordenen, tiefen Verletzungen muss der Zuschauer sein eigenes Hoffnungspotential auf verbindliche menschliche Zuneigung selbst erhalten.

Copyright: Matthias Baus

Achim Dombrowski

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