© Bernd Uhlig
Oper Frankfurt
Giacomo Puccini Turandot
Premiere 12. April 2026
besuchte Vorstellung am 14. Mai 2026
Regisseurin Andrea Breth widmet sich in ihrer neuen Turandot Inszenierung an der Oper Frankfurt der Darstellung und Analyse autokratischer und terroristischer Systeme. Referenzpunkt des Konzepts sind u.a. die grausamen Umstände im heutigen Nordkorea. Breth verweigert die traditionelle Sichtweise, wonach durch den hingebungsvollen Opfertod Liùs die eisumgürtete Prinzessin Turandot in ihrer entmenschten Prägung urplötzlich ein Gefühl für menschliche Nähe, Wärme, Liebe gar entwickeln könne. Folgerichtig ist das Ende der Oper mit dem von Puccini selbst noch komponierten Tod Liùs einzig sinnvoll, eine Liebesszene zwischen Turandot und Calaf ausgeschlossen.
Die Künstlerin lehnt eine Psychologisierung über erlebte Traumata ab, wonach es gewissermaßen das absolut Böse nicht gibt und durch kindliche Ur-Erlebnisse begründet und letztendlich endschuldbar ist.
Die drei Minister werden wie szenisch umgesetzte Protagonisten zu Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ sichtbar. Die Erzählungen ihrer Träume vom schönen Leben sind Ablenkungen in einer ewig-ritualisierten Pflichterfüllung des Verbrechens zum Erhalt des grausamen Systems.
Die überwiegend durch Schwarz-Weiß-Kontraste geprägte Szene von Johannes Leiacker steckt die Chöre in übergroße Gefängnis-Zellen und lässt sie zum Tode Liùs in apathischer, willenloser Haltung verweilen. Auch die Kostüme von Ursula Renzenbrink bedienen im Kern dieses Schwarz-Weiß-Schema. Keine Hoffnung an Menschlichkeit, Zukunft, nirgends.
Drei Leibwächter der Turandot – entlehnt aus dem No-Theater - sind als bedrohliche Figuren ständig präsent, um Gewalt anzudrohen und auszuüben. Die unheimlichen Regeln und Rituale ihrer gewaltbetonten Choreographie erhöhen das Bedrohungsempfinden.
Auch Calaf wird entlarvt: in keinem Moment steht zu erwarten, dass er das System ändert oder selber lieben kann. Im Angesicht des grausam geknebelten Volkes träumt er einzig von der Eroberung der Prinzessin und seiner Machtübernahme.
Nur zweimal wird kurzzeitig Zerbrechlichkeit sichtbar: die Lösung der drei Rätsel durch Calaf scheint Turandots Vereinigung mit ihm zu erzwingen. In aller Öffentlichkeit unterlegen, verliert die Prinzessin ihre starre Haltung und wankt wie eine Marionette an lockeren Seilen. Zum anderen führt Liùs Tod zu einem beklemmenden Moment des Innehaltens – zugleich der ungewisse Schluss der Oper in der unvollendeten Fassung.
Der Dirigent Thomas Guggeis verweist darauf, dass Puccini eng mit den Strömungen der Musikentwicklung zu Beginn des 20. Jahrhunderts vertraut ist, namentlich mit den Kompositionen Debussys, Strawinkskys und auch Schönbergs. Elemente der harmonischen Weiterentwicklung dieser und anderer Tonkünstler – neben der Einbeziehung asiatischer Klänge - hat er in dem Werk zu einem hochdifferenzierten, einzigartigen Amalgam mit den traditionellen Komponenten der italienischen Oper verwoben. In einem Video auf der Webseite der Oper erläutert Guggeis diese Eigenarten bestechend klar, mit einfachen Worten und in verständlicher Sprache wie es sonst nur Herbert Blomstedt bei den Berliner Philharmonikern gelingt.
Die musikwissenschaftliche Forschung schließt heute nicht aus, dass Puccini an seinem eigenen, hohen Ziel scheiterte, etwas vollkommen Neues – wie der von ihm bewunderte Schönberg - zu schaffen und daher sich nicht in der Lage sah, den geplanten Schluss der Oper zu vollenden.
Elza van den Heever meistert die Turandot mit stimmlicher und darstellerischer Bravour. Die Sängerin beherrscht die gewaltigen Höhenanforderungen. Ihre Stimme ist in allen Lagen souverän ausgeprägt und sicher geführt. Ihre Maskierung und Bewegungsabläufe sind dem No-Theater entlehnt. In bewunderungswürdiger Technik und Disziplin vollführt sie eine streng ritualisierte Körperchoreographie neben all den gesanglichen Anforderungen.
Alfred Kim ist ein skrupelloser Calaf, für den auf der Basis seines nachgerade unerschöpflichen Tenors keine melodische Linie, keine Dynamik, keine Höhenlage zu anspruchsvoll ist.
Liù Guanqun Yu verkörpert mit ihrem weichen, anrührenden Sopran den Gegenpol. Ihre herzenswarme, sicher aufblühende Stimme und anrührende Gestaltung wird zum kurzzeitigen Lichtblick in einer düsteren, aussichtslosen Welt.
Timur von Inho Jeong und Kaiser Altoum von Michael McCown vertreten überzeugend die verlorenen Positionen der alten Generation, die keine Änderung im System bewirken können.
Die Minister Ping, Pang, Pong werden von Liviu Holender, Magnus Dietrich, Michael Porter grandios gesungen und gespielt. Wie ein einziger Geist und Körper spielen sie die Minister des Todes. Ihnen gelingt das Unmögliche, mit ihrer Gesangstechnik und eisernen Disziplin ein entpersönlichte Einheit zu formen, die die Gewaltausübung ihres Handelns so bedrohlich macht.
Die ritualisierte Personenführung - die nach unbekannten Regeln zu erfolgen scheint – schafft insgesamt ein Gefühl der Unsicherheit und eine besondere Spannung beim Betrachter. Die Ausweglosigkeit der Situation steht unterschwellig all dem entgegen, was wir in der Musik von der menschlichen Stimme im Sinne von Harmonie und Nähe zu erwarten hoffen.
Die Chöre und der Kinderchor der Oper Frankfurt mit Manuel Pujol und Álvaro Corral Matute sind in ihrer Wirkung bestechend, sicher auch weil sie nicht durchgehend im forte singen, sondern mit einer Vielfalt von Differenzierungen aufwarten und dabei gleichzeitig in die formalisierte Choreographie eingefasst sind.
Generalmusikdirektor Thomas Guggeis mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester widersteht der Verführung, die Klangmassen – wie so oft – unmittelbar ins Fortissimo zu schicken und dann mit wenig Raum für Dynamik und Durchsichtigkeit weiterzuführen. Vielmehr wird in einer übersichtlichen, flexiblen Struktur jeweils das einzelne relevante Instrument und oder die Gruppe im Verhältnis hörbar gemacht. Das Klangergebnis schafft bei großer Durchsichtigkeit und flexibler Dynamik ein eindringliches Hörerlebnis, gerade bei den scharfen Klangkanten – und -reibungen der grausamen Chorszenen. Die Solisten werden einfühlsam begleitet und getragen. So werden die schwierigen Höhenlagen der Turandot nicht in unerfüllbare Volumenanforderungen gesteigert, insgesamt eine stärkere Wirkung erzielt.
Vorangestellt ist der Aufführung der Prolog Io tacerò von Lucia Ronchetti als Drammaturgia für Kinderchor, gemischten Chor und Streichorchester als Auftragswerk der Oper Frankfurt. In den wenigen Minuten vermeint man die Stimmen der verlorenen Seelen des politischen Systems zu hören, die teilweise diffus und mit geräuschhaften Zwischentönen im Raum zu stehen scheinen.
Nach einer Weile der Betroffenheit große Begeisterung für alle Künstler, standing ovation für Guggeis und das Orchester.
Copyright: Bernd Uhlig
Achim Dombrowski
18. Mai 2026 | Drucken
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