Mozart im vertrackten poly-amorösen Event

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Cosi fan tutte

Oper von Wolfgang Amadeus Mozart 

Premiere am 19. Juni 2021

Staatsoper Hannover

Mozarts Cosi fan tutte in kreativer, spannender und zeitgemäßer Neufassung als Premiere an der Staatsoper Hannover

In der 1790 uraufgeführten Oper von Mozart, der letzten, die er nach Figaros Hochzeit und Don Giovanni mit dem Textdichter Lorenzo da Ponte geschaffen hat, wetten zwei junge Offiziere mit dem alten, erfahrenen Don Alfonso um die Treue ihrer Geliebten. In einem von den drei Männern inszenierten Verkleidungsspiel versuchen die beiden jungen Männer, die Frauen des jeweils anderen ‚rumzukriegen‘ und für sich zu gewinnen. Es kommt wie es kommen musste und ‚wie es alle machen‘: die Frauen erliegen dem Werben des jeweils anderen Liebhabers. Zur Rede gestellt ordnen sich die Paare wieder in der ursprünglichen Konstellation. Ein Gefühl der Verunsicherung wird auf immer bleiben.     

In einer Fassung des Regisseurs Martin G. Berger, des Dramaturgen Martin Mutschler und des Dirigenten Michele Spotti steht auf dem Besetzungszettel der Premiere. Also wirklich eine neue Fassung? An den Unwahrscheinlichkeiten der Handlung hatten sich ja schon viele Regisseure versucht. Ursel und Karl-Ernst Hermann in ihrer Salzburger Produktion 2004 ließen die Schwestern der eigentlich geheimen Wette der beiden Liebhaber versteckt von Anbeginn lauschen. Auch gab es verschiedenartige Gestaltungen am Ende der Oper, wo letztendlich die Frage zu den Paarkonstellationen auf den Punkt kommt: wer gehört zu wem?

Um es klar zu sagen: es ist wirklich eine neue Fassung, und eine gelungene Übermalung dazu. Bei Berger und seinem Team werden zunächst alle sechs Protagonisten als Gruppe gleichaltriger Betroffener gezeigt. Es gibt die beiden ursprünglich in der Oper verbundenen Paare Fiordiligi und Gugliemo sowie Dorabella und Ferrando, aber der alte Zyniker Alfonso und die fünfzehnjährige Kammerzofe Despina sind in Hannover ebenfalls ein Paar in vergleichbarem Alter, d.h. etwa Anfang oder Mitte der 30er Jahre. Dieses neue Paar lädt zu einer poly-amorösen Erlebnisveranstaltung, in der sich alle sechs Freunde auf ein Abenteuer der besonderen Art einlassen.

Die sechs Personen geraten in Verstricklungen, Verwirrungen und Zweifel über den Partner, sich selbst, ihre Schuld und eigene Prägungen. Immer sehr bald nachdem sich zwei Personen in einer neuen Konstellation näher gekommen sind, stürzen sie in Verwirrung und Ablehnung ihrer eigenen emotionalen Empfindungen. 

Dabei werden sie von den Bildern ihrer Kindheit und elterlichen Prägungen verfolgt, die äußerst wirkungsvoll und zurückhaltend in Videoeinspielungen von Vincent Stefan eingeblendet werden. Am deutlichsten geschieht dies im Falle Fiordiligis. Es ist die Sopranistin und prima donna mit den anspruchsvollsten und schwierigsten Koloraturen. Auf den Videoprojektionen sehen wir sie sich in die Bildern ihrer Kindheit verlieren. Sie war ein äußerst strebsames Kind. Aber jeder Versuch durch gute Schulnoten die Liebe ihrer Eltern zu erringen scheiterte. Als Folge wirkt sie Menschen gegenüber stolz und weniger zugänglich und vertrauensvoll, am Ende auch sich selbst gegenüber. Die moralische Instanz ist weniger eine gesellschaftliche Norm. Es ist die Prägung aus den Begegnungen und Schmerzen des Erwachsenwerden jedes Einzelnen.        

Erstaunlich, mit welch wenigen, überzeugenden und sorgfältigen Mitteln diese Übermalung gelingt. Die Wette unter den Männern zu Beginn wird in den Seccorezitativen so angepasst, dass alle sechs Personen Teilnehmer der Verabredung werden. Despina ist nicht die vergnügungssüchtige Kammerzofe. Ihre Arie, in der sie die Schwestern zu einem leichtlebigeren und unbefangeneren Liebesleben ermutigen will, ist textlich sorgfältig um-fokussiert in eine Klage gegen die Abhängigkeit von den ehrlosen Männern. Ein Wesenszug, der Despina auch im Original zu eigen ist.  

Die als Verkleidungsszene geplante Überkreuzverführung wird als gewissermaßen unbeabsichtigter Teil in den Wirren eines Verwechslungs- und Partnerspiels im Rahmen der poly-amorösen Eventübungen gezeigt. Die jeweils fremden Partner kommen sich dabei unmerklich – und zwar sehr unzweideutig - immer näher, bis von ihnen ein Kuss verlangt wird. Diese Schwelle führt zur unmittelbaren, blitzenden Überreizung der Nerven. Zum Ende des ersten Teils gerät der Boden unter den Füßen ihrer Existenzen ins Wanken. Bis hier kann man als Betrachter den Wirren aus sicherer Entfernung folgen.     

Der zweite Teil schraubt die Komplikationen weiter. Ihrer Verzweiflung in den Wirren versucht Dorabella durch eine pubertäre, künstlich wirkende Fröhlichkeit zu entgehen. Die zeitweise Annäherung und gespielte Scheinhochzeit der neuen Paare wird in der Umgebung eines Kinderzimmers mit riesiger Torte und Stofftieren gefeiert. 

Dabei erstaunt die Kostümierung. Ferrando in Frauenkleidern mit Dorabella und Fiordiligi in einem an einen Männeranzug erinnernden Outfit zusammen mit Gugliemo. Dies deutet möglicherweise noch ganz andere Dimensionen der Diversität an, denen hier jedoch noch nicht nachgegangen wird. Stoff für ein anderes psycho-analytisches Paarseminar. Der Zuschauer wird zu immer weiter gehenden Spekulationen über die Irrungen und Wirrungen der Individuen angeregt und tiefgehender in die Untiefen der Persönlichkeiten gezogen.  

Eine äußerst gelungene, intelligente und zeitgemäße Umsetzung. Zusammen mit der Musik Mozarts von magischer Wirkungsmacht. Wie sollte denn die Umsetzung der verunsicherten Partner und ihre Verhaltensweisen heute sonst aussehen? 

Dabei greifen neben der hintergründigen und quirligen Personenführung das Bühnenbild von Sarah-Katharina Karl mit nervös blendenden Stelen, die Kostüme von Esther Bialas sowie das Licht von Sascha Zauner vorzüglich ineinander.   

Die Oper Hannover bietet ein junges, frisches Sängerensemble auf, das gesanglich und im Hinblick auf die besonderen Anforderungen des Konzeptes bestens überzeugt. Kiandra Howarth als Fiordiligi meistert die enormen Anforderung der koloraturreichen Partie bewunderungswürdig. Nina von Essen ist eine ebenso sichere wie spielfreudige Dorabella. Nikki Treurniet brilliert als selbstbewusste und neugierige junge Frau mit souveräner Stimmbeherrschung und selbstbewusster Bühnenpräsenz. Mit makellosem Tenor, brillanter Stimmführung und wunderschönen Höhen kann man den Verführungskünsten von Marco Lee in der Tat nicht entgehen. Hubert Zapior überzeugt als souveräner und mitunter komisch-spielfreudiger Bariton Gugliemo. Richard Walshe ist als ungewöhnlich junger Alfonso in der musikalischen Gestaltung ebenso überzeugend wie in seinem angedeuteten Arztkittel als selbsternannter Psychoanalytiker.      

Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover unter Michele Spotti hat anfangs mit rhythmischen Schwankungen zu kämpfen, die sich auch auf das Zusammenspiel mit der Bühne erstrecken. Francesco Greco am Hammerflügel brilliert außerordentlich fantasievoll mit Themen und Variationen aus der Oper.

Hannover bleibt nach den Produktionen der letzten beiden Jahre ohne Zweifel das führende kreative Opernhaus in Norddeutschland. Sehr verdient hat es den Oper! Award als bestes Opernhaus 2020 gewonnen.     

Achim Dombrowski

Copyright: Sandra Then

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