Melancholische Westernromantik in Berlin

Xl_8131882b-f56e-4adc-9300-e52569820039

LA FANCIULLA DES WEST
(Giacomo Puccini)

Premiere am 13.06.2021

Staatsoper Unter den Linden Berlin 

Fotos: Martin Sigmund

Die Staatsoper Unter den Linden brilliert mit Puccinis Oper aus dem Goldenen Westen als Erstaufführung am eigenen Haus    

Die 1910 unter Maestro Toscanini an der New Yorker Metropolitan Opera unter großer öffentlicher Begeisterung und mit gewaltigem Kassenerfolg uraufgeführte La Fanciulla del West von Giacomo Puccini hielt der Komponist selbst lange für das Beste, was er komponiert hat. Die nachfolgenden Aufführungsserien in vielen großen Opernhäusern der Welt waren weniger spektakulär und erfolgreich und letztendlich hat sich das Werk nie wirklich im Repertoire verankern können. Nachdem die Städtische Oper Charlottenburg in Berlin das Werk bereits 1913 in einer deutschen Übersetzung herausbrachte, gelangt Fanciulla des West erst jetzt zur Uraufführung an der Staatsoper Unter den Linden. 

Anders als in La Boheme, Tosca oder Madama Butterfly verfügt die Fanciulla del West nicht über die einprägsamen Arien, die bei Puccini ansonsten leicht zur Hits gerieten. Vielmehr herrscht ein deklamatorischer Ziel vor. Im Orchester werden aber alle fortgeschrittenen Farbgebungen bereits entwickelt, die später im Trittico und insbesondere in Turandot das irrisierende Klangbild prägen.   

Aufgeboten werden erste Namen für die anspruchsvollen Sängerpartien der drei Hauptakteure. Mit Antonio Pappano steht außerdem der Chef des Royal Opera House Covent Garden London am Pult der Staatskapelle und die Regie für dies heute nicht leicht auf die Bretter zu bringende Werk wurde einer der derzeit kreativsten Akteurinnen der Szene anvertraut. 

Die US-Amerikanerin Lydia Steier hat mit einer Reihe von aufsehenerregenden Inszenierungen an vielen europäischen Opernhäusern große Erfolge gefeiert. Auch Puccinis Turandot hat sie bereits in Köln inszeniert. 

Die Handlung zeigt das raue Leben in Kalifornien zur Zeit des Goldgräberrausches. Minnie, gewissermaßen die junge, resolute, gute Mutter der heimatlosen Goldgräber gerät für ihren ersten Kuss und die erträumte einzig wahre Liebe zwischen zwei Männer: den Sheriff der Siedlung und den lange gesuchten Bandenchef Ramerrez, die sie beide gewinnen wollen. Als sie Ramerrez folgen will, muss sie ihre Jungs und den Sheriff unter Schmerzen in Kalifornien zurücklassen. Dabei gibt es reichlich Westernkolorit mit Raufereien, Goldgräberromantik und Gelegenheit zu noch mehr Sentimentalität.   

Die Story basiert auf einem seinerzeit in den USA außerordentlich erfolgreichen Schauspiel von David Belasco. Eine Verfilmung des Stoffes als Western wäre noch eher zu erwarten gewesen als die Umsetzung in eine – italienische - Oper. Steier versteht es, all die klischeeträchtigen Elemente der Erzählung - zum Beispiel einen Schneesturm - durch packende Sound- und Videokunst von Momme Hinrichs einzubauen, oder in quasi überschönen und romantisch changierenden Farben des Bühnen- und Kostümbilds von David Zinn zu überhöhen. Mal wirken die bildhaften Darstellungen wie Ausschnitte aus Heiligenbildern, dann wieder wie aus dem ästhetischen Glamourkasten von Hollywood, oder beides zusammen. Vor über-schöner Bild- und Farbkulisse steht das Ensemble mit Chor zeitweise frontal zum Auditorium wie bei einem Oratorium. In diesen Momenten muss die Musik die Wahrhaftigkeit der Szene gewährleisten, was durch die Farbenpracht der Partitur auch immer wieder gelingt trotz der zurückhaltend formuliert nicht ganz zeitgemäßen Ästhetik des Stücks. 

Steier zentriert ihr Konzept wirkungsvoll um zwei Pole des Inhalts: die fortwährend präsente, jederzeit potentiell-explosiv und tödlich hervorbrechende Gewalt und Lynchjustiz einer unfertigen Sozialisation sowie um die Geschichte von Liebe und Liebesfähigkeit einer starken Frau – Minnie - in einem von Männern dominierten, rauen Umfeld. Wiederholt baumeln Gehängte an der Schlinge. Alle gewöhnen sich schon im Kindsalter an die immerwährende Gewalt. Die Fronten können sich blitzschnell verschieben. Jeder, auch der gerade noch Starke, können zu Opfern werden. Es scheint einzig Minnie kann den Männern ein wenig Maß und eine gewisse Empathie, ja Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung vermitteln. 

Sie selbst träumt wie ein kleines Mädchen von einer idealisierten Welt der einzig wahren Liebe wie sie diese in der Erinnerung bei ihren Eltern gesehen zu haben glaubt. Als der ihr nahestehende Ramerrez sich ihr nähert, scheint sie angesichts ihrer idealisierten, mädchenhaften Träume einer realen physischen Annäherung kaum fähig. Bewegend dann der am Ende bittersüße Abschied von den Jungs ihres Goldgräber-Camps. Die Aufarbeitung dieser Widersprüchlichkeiten in der Titelfigur gelingt Steier einfühlsam und bewegend. Ebenso schwingt in dem Verzicht des Sheriffs gleichzeitig eine tiefe, unausgesprochene und traurige Abkehr aus liebender Zuneigung. Überhaupt gibt es viele sinnstiftende Momente in der fein ausgeklügelten Personenführung.

Die Titelpartie wird von Anja Kampe gesungen. Die gewaltigen Anforderungen werden bewunderungswürdig gemeistert, auch wenn einzelne Herausforderungen in den Höhen mit viel Kraft und gelegentlich auf Kosten der Stimmführung angegangen werden müssen. 

Dem Sheriff von Michael Volle ist selbst fast John Wayne nicht gewachsen. Souverän in Tongebung und stimmlicher Gestaltung sowie mit einem markanten Auftritt ist Volle einer der Eckpfeiler des Abends   

Marcelo Álvarez als Banditenchef alias Dick Johnson verströmt seinen baritonal-satten Tenor trotz aller kindlicher Auseichversuche der Titelfigur. 

Vom zahlreichen weiteren, exzellenten Ensemble seien hier stellvertretend wenigstens Stephan Rügamer als Nick, Lukasz Golinski als Sonora und Jan Martinik als Ashby genannt. 

Die große Gruppe der Stunts muss - wie auch nicht wenige Sänger – vor allem in Raufereien gut durch die Luft fliegen und noch besser hart landen können.

Die Herren des Staatsopernchores decken das gesamte Spektrum von Aufruhr, Rauflust und bis zu sentimentaler Westernromantik in Spiel und Stimme überzeugend ab.   

Staatskapelle unter Antonio Pappano brilliert in funkelndem Glitzern und versteht es alle möglichen klanglichen Facetten, die Puccini in Weiterentwicklung zu seinen Spätwerken oder unter Einfluss anderer zeitgenössischer Komponisten kreiert, schlank und differenziert auszuspielen. 

Großer Beifall für das gesamte Produktionsteam.

Der Intendant Matthias Schulz begrüßt vor Beginn dieser ersten Aufführung des Hauses nach dem Lockdown nicht nur das noch dezimierte Publikum im Haus, sondern auch die Zuschauer im ersten Berliner Opern-Pop-Up-Autokino am Tempelhof zur Live-Übertragung.

Die Aufzeichnung der Aufführung kann noch  bis 13.07.2021 in der ARD-Mediathek kostenlos angeschaut werden.

Achim Dombrowski

Copyright: Martin Sigmund

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading