Komische Oper Berlin: Katerinas Verzweiflung und Morde

Xl_bild © Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin

 

Lady Macbeth von Mzensk

(Dmitri Schostakowitsch)

Premiere am 31.01.2026

Besuchte Aufführung: 7.03.2026

Dmitri Schostakowitsch schrieb seine 1930 uraufgeführte, erste Oper Die Nase bereits im Alter von 24 Jahren. Neben der Entstehung und Aufführung einer Vielzahl von Werken in verschiedenen Genres - unter anderem drei Symphonien sowie diverse Filmmusiken - kam seine Oper Lady Macbeth von Mzensk sodann 1934 zum ersten Mal in Leningrad zur Aufführung. Sie wurde unmittelbar ein großer Erfolg und trat über Moskau einen Siegeszug über die ganze Welt an.

Nach Stalins Besuch des Werkes in Moskau 1936 erscheint der berüchtigte Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda. Dem Komponisten wird vorgeworfen, sich nicht an die Parteilinie zu halten und Musik formalistisch und mit mangelnder Volksnähe zu schreiben.  Das Werk wurde von den Spielplänen in der Sowjetunion abgesetzt. Schostakowitsch hat in seinem Heimatland danach ein Leben lang unter Repressalien zu leiden. Er fürchtet um sein Leben und das seiner Familie.

Die Oper basiert auf einer Erzählung von Nikolai Leskow, die dieser in Dostojewskis Zeitschrift Die Epoche 1865 veröffentlichte. Darin wird die wahre Geschichte eines Mordes verarbeitet, welche Leskow aus seiner Arbeit beim Gericht in Kiew kannte.

Die Handlung der Erzählung spielt 1865 im autokratischen Russland der Zarenzeit mit seinen institutionellen Unterdrückungsmechanismen. Die Oper hingegen entsteht in den 30er Jahren der noch jungen Sowjetunion, die mittlerweile jedoch unter der tyrannischen Herrschaft Stalins die positiven Erwartungen Vieler nach der Oktoberrevolution enttäuscht hat und in ein repressives Gewaltsystem übergegangen war, das auch Schostakowitsch selbst bedrohte.

Katerina Ismailowa stammt aus ärmlichen Verhältnissen und heiratet den Kaufmann Sinowij. Sie kommt dadurch zu Reichtum und Ansehen, führt aber ein unerfülltes Liebesleben, zudem unter ständiger Drangsalierung des Schwiegervaters Boris. Sie verliebt sich in den Bediensteten Sergej und verbringt eine Liebesnacht mit ihm. Als Boris dahinterkommt, lässt er Sergej misshandeln und stellt Katerina nach. Katerina mischt ihm Rattengift ins Essen, woran er verstirbt. 

Auch ihren Ehemann Sinowi ermorden Sergej und Katerina. Auf ihrer Hochzeitsfeier wird die Leiche Sinowis entdeckt. Die Polizei rückt an, das Hochzeitspaar wird verhaftet. Auf dem Weg in die Verbannung nach Sibirien betrügt Sergej Katerina mit der jüngeren Sonjetka. Katerina reißt die Konkurrentin mit sich in den Fluss, die beiden Frauen ertrinken.

Nach der erfolgreichen Produktion von Schostakowitschs Die Nase 2018 kehrt der ex-Intendant der Komischen Oper Berlin - Barrie Kosky – als Regisseur dieser Neuproduktion der Lady Macbeth von Mzensk an seine frühere Wirkungsstätte zurück.  

Das Werk zeigt eine derartige Abwärtsspirale, dass man sich eine Steigerung der Grausamkeiten nicht vorzustellen vermag. Barrie Kosky strebt auf der Bühne dazu noch eine gewaltige Zuspitzung an. Ein Polizist erschießt wahllos einen Gefangenen, die Ermordung Katarinas Ehemann Sinowi wird als eine gewalttätig-blutrünstiges Geschehen ausgespielt und Katarina kommt nicht durch einen Sturz in den Fluss zu Tode, sondern richtet sich nach der Erdrosselung ihrer jüngeren Konkurrentin Sonjetka selber durch einen Pistolenschuss.

Hinzu kommt ein äußerst triste Landschaft (Bühne Rufus Didwiszus und Kostüme Victoria Behr), die Kosky als Mischung aus Parkplatz und Betonhof bezeichnet, mit nur einem Bett und wenigen Möbeln. Es gibt keine naturalistische Bebilderung oder regionalen Bezug, allenfalls verweist der Polizeichef mit seiner Uniformkappe und Katarina im Hochzeitsornat noch auf einen russischen Bezug.    

Mittendrin die unendlich leidende Katarina. Die Frau durchlebt sexuelle Frustration, immer wieder aufkeimendes Liebesbedürfnis und verzehrendes Verlangen nach Zuneigung. Alle Begegnungen mit Männern und jeder Hoffnungsschimmer – wie die vermeintliche Liebesbeziehung mit dem Arbeiter Sergej – enden im Absturz, in Gewalt, Verlassenwerden und Betrug.

Dreimal wird Katarina zur Mörderin, den vierten Schlag richtet sie gegen sich selbst.  

Mit Ambur Braid hat Kosky eine Sängerdarstellerin, die diese Höllenfahrt zwischen Hoffnung, unendlicher Enttäuschung, Tod und Selbstauslöschung mit erschütternder Emphase verkörpert. Die stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten erscheinen unbegrenzt. Ihr gelingt eine unfassbare, kaum vorstellbare Gestaltung, nach der der Zuschauer sie trotz ihrer Mordtaten zunächst als verletzliches menschliches Wesen mit Wünschen und Hoffnungen nach Nähe und Liebe in Erinnerung behält.        

Der Verführer Sergej wird gesungen von Sean Panikkar. Der Sängerdarsteller ist gewissermaßen Fachmann für die schwierigsten Charakter-Tenorrollen der Musiktheater-Literatur, und an vielen großen Bühnen gefeiert. Den kaltblütigen  und verantwortungslosen Verführer von Katarina vermag er stimmlich und in seiner Darstellung erschütternd zu gestalten.  

Dmitry Ulyanov als Katarinas Schwiegervater Boris gibt dem fiesen Charakter mit profundem Organ und Spiel Ausdruck. Ihm kann Katerina nur durch den Mord entkommen.  

Die Ensembleleistung ist wie immer an der Komischen Oper auf höchstem Niveau. Dimitry Ivashchenko als stets sturzbesoffener Pope mit skurrilem Ausdruck und Susan Zarrabi als Sonjetka seien stellvertretend genannt; der Chor der Komischen Oper mit David Cavelius besticht gesanglich und im Charakterspiel bezwingend.   

Die Musik ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von satirisch-komischen, zynischen und auch sexuell-expressiven Komponenten, ausdrucksstarken Kontrasten und einer geradezu überbordenden Collagetechnik. Die Partitur scheint für das Orchester der Komischen Oper kreiert. Niemand wird dieser Aussage widersprechen, der die Musiker mit James Gaffigan gehört hat: kristallklare Holzbläser, schneidendes Blech und eine unbändige Freude, dem Affen Zucker zu geben, wenn die schrillen Ausbrüche den Orchesterapparat entsprechend immer wieder fordern.

Begeisterter, langer Applaus für alle Beteiligten, besonders herzlich auch für das Orchester der Komischen Oper.    

 

Achim Dombrowski

Copyright:  Foto: Monika Rittershaus

 

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