Füchslein unter den Linden - Wer hat Angst vorm dunklen Wald?

Xl_bild © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden Berlin

Das schlaue Füchslein

Musik von Leoš Janáček Premiere 28. Februar 2026

Die Bühne von Nadja Sofie Eller überrascht zunächst mit durchgehend hellen, fast klinisch ausgeleuchteten Wänden. Kein dunkler Wald weit und breit. Nur wenige konkrete Elemente, wie ein großer Termitenhaufen, von Bäumen gefallene Blätter, Leitern im Hühnerstall oder eine Vielzahl von – vielleicht stehengebliebenen - Uhren für die Försterwohnung charakterisieren die Szenenfolge.  

Dieses Bild verweist unmittelbar auf die um 1900 entstandenen, teilweise spärlichen Skizzen- und Illustrationsblätter von Stanislav Lolek, die dieser nach Geschichten über Tiere und Menschen geschaffen hat, die ihm von Förstern erzählt wurden. 

Rudolf Těsnohlídek hat dazu Erzählungen geschrieben, die 20 Jahre später als Fortsetzungsfolgen in der Zeitung Lidové noviny erschienen. Janacek fühlte sich unmittelbar von der Atmosphäre angezogen und begann 1922 - nach der Fertigstellung seiner Oper Katja Kabanova - die Komposition zu seinem schlauen Füchslein. Dabei setzt der Komponist in einer ungewöhnlichen Kompositionstechnik unmittelbar auf der Prosa der Vorlage auf, die er erst während des Komponierens zum eigenen Libretto formt.    

Diese kontemplativste Oper Janaceks besingt den ewigen Kreislauf von Leben und Tod und eine pantheistische Ganzheitlichkeit von Mensch und Natur. Es gibt keine ganz durchgängige Handlung und viele Bezüge und Erinnerungen der handelnden Personen sind mehrdeutig angelegt. 

Der Regisseur Ted Huffman kreiert in seinem Hausdebut eine locker verbundene Abfolge von Stationen. Zwischen den Szenen werden zudem bildhaft die Sehnsüchte der reifen, bürgerlichen Honoratioren des Dorfes eingebunden, die alle vergeblich und melancholisch von einer Beziehung zur jungen Terynka träumen.  

Faszinierend zu beobachten und ein Geheimnis der Inszenierungskunst dieser bewegenden Produktion, wie emotional überwältigend - trotz des skizzenhaften Charakters - sich für den Zuschauer die Botschaft vom Kreislauf des Lebens schließt.   

Das Spiel beginnt mit Kindern und Jugendlichen der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin: in bunten Kostümen (Astrid Klein) tanzen, springen und krabbeln allerlei Tiere des Waldes über die Bühne: Libellen, Frösche, Schnecken und Mücken. Auch atemberaubende Seitakrobatik fehlt nicht. Die Inszenierung bindet diese jungen Darsteller wiederholt ein und schließt mit ihnen auch den Kreis am Ende der Oper. So frisch, lebensfroh und schwebend gelang noch kein Waldweben auf der Bühne.

Das Füchslein durchlebt sodann seinen zwiespältigen Kontakt mit den Menschen, nachdem der Förster es aus dem Wald mit nach Hause genommen hat und übt sich als Rebellen-Anführer angesichts der Ungerechtigkeiten im Hühnerstall. Die Sozialsatire war ein Fokus der Erzählungen von Těsnohlídek. Janacek hat die Perspektive auf ein Kaleidoskop von Leben und Wiedergeburt in der Natur erweitert.  

Den bewegenden Höhepunkt erreicht der Abend in der Szene der Begegnung und der Beziehung des Füchsleins mit dem Fuchs. Das Füchslein erlebt das verwirrende Erwachen von Begehren und Sexualität, das Erschrecken und Zurückweichen, die Reifung und schließlich die nicht zu bändigende Freude an der nicht mehr zu zählenden Zahl der gemeinsamen Kinder.  

Diese naturverbundene, elementare Entwicklung und Reifung beider Partner wird von Huffman mit einer bewegenden, einfühlsamen und bezaubernden  Personenführung  entwickelt, die die unbedingte Lebensbejahung dieses Werkes überwältigend verdeutlicht. 

Vera-Lotte Boecker ist in ihrer Erscheinung, ihrer stimmlichen Perfektion sowie darstellerischen Flexibilität eine Idealbesetzung für die Lebensgeschichte des Füchsleins zwischen den Welten. Die Balance und feinsinnige Stimm-Positionierung zu den spezifischen Klängen des Orchesters lassen viele bisher nicht wahrgenommene, neue Farben hören und erweitern die musikalische Erfahrung mit dem Werk außerordentlich.    

Magdalena Kožená als Fuchs spielt und singt mit zurückhaltend-männlicher Geste den counterpart des Paares, der sein Glück über die wunderbare Liebespartnerin nicht fassen kann.

Svatopluk Sem ist der stimmlich famose Förster. In ihm streiten die Sehnsucht nach vergangener Lebensintensität und Liebe mit der Erkenntnis von Vergänglichkeit nach dem Tod des Füchsleins. Die Verzweiflung an diesem Zwiespalts spielt der Sänger auch körperlich eindrucksvoll und bewegend aus. Er findet am Ende Ruhe in der Akzeptanz des ewigen Kreislaufs der Natur, ohne die der Mensch nicht existiert.

Florian Hoffmann und David Oštrek verkörpern Schulmeister und Pfarrer mit stimmlicher Präsenz und melancholischem Habitus angesichts der Tage ihrer  vergangenen Jugend.  

Carles Pachon gibt überzeugend den weniger sensiblen Wilderer Harašta, der das Füchslein unerwartet zur Strecke bringt, um durch einen Muff schließlich die junge Tyrenka zu gewinnen.

Simon Rattle beendet mit dieser Produktion seinen sechsteiligen und mittlerweile in über fünfzehn Jahren realisierten Janacek-Zyklus an der Staatsoper Unter den Linden. Seine besondere Liebe zum Füchslein vermögen die Musiker der Staatskapelle Berlin – nach so vielen Jahren der Zusammenarbeit - in brillanter Form umzusetzen. Janaceks auf Volksmusik und Naturklängen basierende, so empathische wie eigenwillige Musiksprache kommt unvergleichlich zur Geltung. Die Durchsichtigkeit der einzelnen Orchestergruppen, insbesondere auch der Holzbläser ist einzigartig.   

Langer Applaus und viele Bravorufe für das gesamte künstlerische Team, freudige Begeisterung für die jungen Mitwirkenden der Ballett- und Artistikschule.       

 

Achim Dombrowski

Copyright: Monika Rittershaus

 

 

 

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