Der Hamburger Ring des Nibelungen

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Hamburgische Staatsoper

 

Der Ring des Nibelungen

– zyklische Aufführungen November 2018, I. Teil

 

besuchte Aufführungen:

Das Rheingold am 4. November 2018

Die Walküre am 11. November 2018

Die Hamburgische Staatsoper besitzt einen in den Jahren 2008 bis 2010 geschmiedeten Ring des Nibelungenvom Team Claus Guth (Regie) und Christian Schmidt (Bühne). Kent Nagano hat unmittelbar mit der Übernahme der musikalischen Leitung des Hauses vor rund drei Jahren eine Aufführung der Tetralogie angekündigt, die nunmehr in zwei gesamten Zyklen zur Aufführung kommt.

Im Ring entwirft Richard Wagner nicht weniger als ein Weltbild in mythischem Gewand. Im Zentrum steht die Verstrickung des menschlichen Strebens nach Macht. Das Konzept von Claus Guth und Christian Schmidt zeigt einen Wotan, der seine Ideen und intellektuellen Modelle zur Beherrschung der Welt immer ausgeklügelter und fixierter entwirft und sich selbst dazu kleine oder auch große Tischmodelle bastelt, um die geplanten Aktionen durchzuspielen. Der Entwurf von Walhall als Sinnbild seiner Machtsicherung im Rheingold befindet sich auf dem Dachboden seines Hauses, wo sonst oft auch die Modelleisenbahn steht. Später sieht man außerdem Hundings Hütte, Siegmunds Speer und auch die Herberge der Walküren als Modellformate.

Im Rheingold erlebt man den Gott noch als aktiven und mutigen Unternehmer. Bei Beginn der Walküre schnippt Wotan selbst mit den Fingern, um die von ihm so sorgsam durchdachte Handlung zielgerichtet in Gang zu setzen. Das Bühnenbild prägt ein übergroßer Leuchtkasten zu Präzisionszeichnungen bei der Fertigung komplexer Strukturen, auf und um welchem sich insbesondere das Schicksal Siegmunds und Sieglindes abspielt. Die Walküren hausen bereits in einem verfallenen Bau, dessen Zwischenböden eingestürzt sind. Es sieht so aus, als ob sie bereits von ihrem Schöpfer vernachlässigt werden, der sich nicht mehr sicher ist, ob er ihre Funktion angesichts seines zweifelhaften Planes überhaupt noch benötigt. 

Vor dem Hintergrund dieser sich auflösenden Welt und Wotans rastloser und hoffnungsloser Lösungssuche gelingt es Guth, in klaren, einfach anmutenden Tableaus sowie mit eindeutigen Bezugsachsen der handelnden Götter und Menschen (Siegmund - Sieglinde; Wotan – Brünnhilde; Wotan - Fricka) das Drama zu entfalten und in der Walküreauch die Emotionen der in die Konflikte geratenen Personen herauszuarbeiten. Die Spielleitung der Abende hat für eine glänzende Wiederbelebung der seit einigen Jahren nicht gespielten Produktionen gesorgt.                   

James Rutherford gibt den Rheingold-Wotan in Strickjacke und noch unbekümmerter Jung-Unternehmergeste mit seinem gut sitzenden Bariton vor seiner recht albern und schwach wirkenden Götterfamilie. Die bedeutendste sängerische und darstellerische Leistung des Abends liefert Werner Van Mechelen als Alberich. Spiel und Stimme erschaffen einen Orbit der Verzweiflung eines Geschmähten und Ausgestoßenen, dessen Fluch und Drohungen ernst zu nehmen sind. Als Mime überzeugt mit wendigem Tenor Jörg Schneider. Aus dem Ensemble des Hauses an der Dammtorstraße sind Jürgen Sacher nunmehr schon fast als effizienter Loge vom Dienst und Katja Pieweck als Fricka hervorzuheben. 

John Lundgren gibt den grandiosen Wotan der Walküre. Sein machtvoller, sicher geführter und überaus klar deklamierender Bariton steht im Zentrum der Aufführung. Der Sänger verfügt eine nachgerade unendliche Palette von Ton- und Sprachdifferenzierungen, die dem Wagner‘schen Sprechgesang eigener Prägung insbesondere im zweiten Akt auf wunderbare Weise gerecht wird. Im Spiel wird die wachsende Verzweiflung des Gottes schmerzhaft deutlich, und auch für die Gefühlswelten in der Begegnung mit Brünnhilde verfügt der Darsteller über alle Gestaltungsmöglichkeiten.            

Grandios auch Alexander Tsymbalyuk als Hunding. Der nachtschwarze Bass überzeugt durch seine strenge und disziplinierte Stimmführung bei klarster Diktion. Das sparsame Spiel verleiht dem Gegner Siegmunds gleichwohl Gewicht und Drohung. Robert Smith Dean als Siegmund kann mit schön geführtem Tenor überzeugen, der seine Kräfte für die große Partie klug einzusetzen weiß. Kraftvoll die Wälse-Rufe im ersten Akt und anrührend die Begegnung mit Brünnhilde in der Todverkündung.  

Jennifer Holloway ist eine bewegende Sieglinde, anmutig im Auftritt und leidenschaftlich in der Stimme. Auch wenn der große Bogen des „ ... hehrsten Wunders ...“ im zweiten Akt in der Intonation nicht hundertprozentig erschien, konnte Holloway eine gelungene Gesamtdarstellung bieten. Lise Lindstrom, die im letzten Jahr in Hamburg in der kräftezehrenden Partie der Frau in Die Frau ohne Schattenbegeisterte, war eine herausragende Brünnhilde. Dabei ist es für sie nicht leicht, bei der stark in Anspruch genommenen Stimme ein nicht unerhebliches Vibrato zu kontrollieren. Die hoch erfahrene Sängerin konnte jedoch letztlich mit ihrer technischen Perfektion und Erfahrung auch in den leisen, sprechnahen Passagen überzeugen. Darstellerisch konnte sie die Spannweite zwischen wilder Walküre und verletzlicher Tochter anrührend gestalten. Mihoko Fujimura ist eine seit sehr vielen Jahren hoch erfahrene Fricka, u a in Bayreuth. Sie konnte sich wirkungsvoll in die Hamburger Produktion einpassen, wie sie das auch anderswo nach all den Jahren in der Partie gemacht hat. Es bleibt die Frage, ob die Rolle nicht auch aus dem eigenen Haus hätte besetzt werden können.

Wie auch schon bei der Frau ohne Schattenentwickelten sich die Abende jedoch in erster Linie zu einer Sternstunde des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter seinem Chef Kent Nagano. Mit unendlicher Sensibilität hörten die einzelnen Orchestergruppen aufeinander und auf die Sänger. Mit größter Sorgfalt entwickelte das Ensemble die großen melodischen Bögen der einzelnen Akte. Herausragend immer wieder die Holzbläser in ihrer klaren und unendlich untereinander und mit den anderen Gruppen abgestuften Spielkunst. Kein Faden kräuselte im feinen Gewebe auch noch des Innenfutters der komplexen Partitur. Im Rheingold konnte man allerdings mitunter so dramatische Tatbestände wie Raub und Mord mehr auf der Bühne sehen als im Orchester hören, so feinsinnig war das Spiel konzipiert.

Kurzer, aber heftiger Beifall mit Rufen für die Solisten sowie das Orchester mit seinem Chef. Hier ist über die drei vergangenen Jahre der Zusammenarbeit eine große künstlerische Einheit gewachsen.

Achim Dombrowski       

Copyright: Monika Rittershaus

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