Der Hamburger Ring

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Hamburgische Staatsoper

 

Der Ring des Nibelungen

– zyklische Gesamtaufführungen November/Dezember 2018, II. Teil

 

besuchte Aufführungen:

Siegfriedam 23. November 2018

Götterdämmerungam 2. Dezember 2018

 

Im zweiten Teil der kompletten Aufführung des Hamburger Ring-Zyklus erleben wir den Untergang der Welt nach Wotans Vorstellung und Willen. Im Siegfriedverbleiben die Leichen von Mime und Fafner am Ende des zweiten Aufzugs auf der Bühne, im dritten Akt sehen wir eine kopflose Erda, die wie eine in Ehren ergraute Bibliothekarin verstört zwischen den Notizen und Büchern vor übergroßen Regalen einer verfallenden Bibliothek daher stolpert. 

In der Götterdämmerungschließlich wandeln die Darsteller in einer sich im Laufe der Handlung durch die Drehbühne perspektivisch verändernden Raumgestaltung, die wie ein labyrinthischer, unzureichender Schutz- und Erinnerungsort wirkt. Im zweiten und dritten Akt sehen wir darin für Augenblicke auch einen Teil der Walküren und der Götter, einschließlich Frickas, die apathisch das Ende erwarten. Dieser Prozess wird kurz vor der Katastrophe durch ein gespenstisches Endzeitbild ergänzt, in welchem wir die Walküren- und Götterschar in karnevalesker Verkleidung in Zeitlupe scheinbar feiernd schwanken sehen. Wotan gehört nicht mehr dazu. Er durchmisst rastlos seine untergehende Welt. Mal wird er deutlich sichtbar, mal nur im Hintergrund durch seine Gestalt und seinen Hut in Silhouette erahnbar. Im Schlussbild sieht Brünnhilde wie in einer Traumerscheinung und Utopie den sich ihr langsam zuwendenden, aber unerreichbaren Siegfried.

Die Stärke der Regie von Claus Guth und seines Bühnen- und Kostümbildners Christian Schmidt liegt in den klaren, nahezu kammerspielartigen Szenenfolgen, die die Produktion prägen. Bilder und Personen transportieren dabei psychologische Signale, die das Verhalten der Protagonisten und die Handlung wirkungsvoll mit heutigen Themenwelten verknüpfen. Nur beispielhaft sei die Erda-Szene zu Beginn des dritten Aktes im Siegfriedgenannt, die das Bild einer Kapitulation vor dem erworbenen und angehäuften Wissen vermitteln, wie es im Zeitalter der fake news und immer weiter voranschreitenden Abstraktion heute oft empfunden wird.

Die einzelnen Werke des Zyklus kamen zwischen 2008 und 2010 heraus. Sie waren in einer schwierigen Phase der vorangegangenen Intendanz nicht unumstritten. Heute erscheint eine Annäherung bzw. das Wiedersehen der Interpretation des Regieteams, auch auf Basis der hervorragenden musikalischen Umsetzung, fast leichter möglich. Beindruckend dabei über alle vier Abende die wirkungsvolle Umsetzung der immerhin mindestens acht Jahre alten Produktion durch die jeweilige Spielleitung, der es durchgehend gelang, mit weitestgehend veränderter Besetzung eine hohe Darstellungsintensität und Wirkung aufzubauen und zu halten. 

Allerdings standen auch im zweiten Teil des Zyklus wieder hervorragende Sängerdarsteller zur Verfügung. Dass man überhaupt einen Siegried von Andreas Schager erleben darf, kann einen Wagnerianer glücklich machen. Einwandfreie Technik, großes Volumen, Spielfreude, unbändige Energie – das dürfte heute nicht zu übertreffen sein. Selten wurde ein Rollenportrait der grundsätzlich problematischen Partie so beeindruckend, und wie mühelos gesungen. Der Sänger ließ es sich dann auch noch nicht nehmen, seine Brünnhilde Lise Lindstrom beim Schlussapplaus vor dem Vorhang auf den Armen zu tragen. Die Kraft und Spielfreude kennen keine Grenzen. Lise Lindstrom als Brünnhilde in beiden Werken steigerte sich nach der Wandlung von der Göttertochter in eine gebrochene, betrogene, misshandelte Frau, die nach all ihrer nicht enden wollenden Demütigung ihre Rolle als Überbringerin des Rings zurück an die Rheintöchter vollzieht. Lindstrom kann als Brünnhilde sowohl im Siegfried als auch in der Götterdämmerung uneingeschränkt überzeugen. Sie vermag durch solide Technik die mitunter mit starkem Vibrato schwingende Stimme immer wieder gekonnt im Zaume halten. Ihr gelingt im Schlussgesang der Götterdämmerung mit exzellentem Aufbau des Vortrags, noch immer hinreichenden Kraftreserven und bewegendem Spiel eine grandiose Apotheose der Tetralogie.  

John Lundgren als Der Wanderer kann an seine großartige Leistung in der Walküre anknüpfen. Machtvoller Klang der makellosen Stimme und souveränes Spiel lassen die Rätselszene sowie die Anrufung Erdas im Siegfriedzu beeindruckenden Momenten der Gesamtaufführung werden. Auch Jürgen Sacher als Mime konnte stimmlich und darstellerisch an sein erfolgreiches Rollenportrait als Loge im Rheingold anknüpfen. Jochen Schmeckenbecher und Elbenita Kajtazi überzeugen als Fafner und Stimme eines Waldvogels.

Für die Partie des Hagen in der Götterdämmerung  brillierte der Bass Stephen Milling mit mächtigem Organ und großem Volumen bei souveräner Darstellung. Auch er gehört heute zu den wenigen Vertretern weltweit, die diese nachtschwarze Rolle so überzeugend über die Rampe zu bringen vermögen. Werner Van Mechelen gab wie schon im Rheingold einen gebrochenen, nachtschwarzen Alberich. Erwähnt werden muss auch Claudia Mahnke als konzentrierte und fokussiert phrasierende Waltraute, die ihre eindringliche Klage mit bewegender stimmlicher Gestaltungskraft vermitteln konnte. Der Gunter von Vladimir Baykov, die Gutrune von Allison Oakes und die Nornen von Katja Pieweck sowie Helen Kwon neben der auch als 1. Norn eingesetzten Claudia Mahnke rundeten zusammen mit Katharina Konradi, Ida Aldrian und Ann-Beth Solvang als Rheintöchter das Ensemble mehr als angemessen ab. Überzeugend und klangmächtig der Chor in der Götterdämmerung unter der Leitung von Eberhard Friedrich.  

Bedeutendster Faktor für den Erfolg dieser beiden zyklischen Aufführungen 2018 an der Hamburgischen Staatsoper war jedoch das brillante Spiel des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg mit seinem Chefdirigenten Kent Nagano. Nagano präferiert ein vergleichsweise getragenes Tempo mit einem oft satt gefärbten, romantischen Anstrich mit gelegentlich ein wenig pastosem Klangbild, das jedoch zu jeder Zeit durchsichtig und differenziert bleibt. Das hervorragende Zusammenwirken von Orchester und Dirigent ist Ausdruck einer seit nunmehr drei Jahren anhaltenden vertrauensvollen künstlerischen Zusammenarbeit, die hier einen weiteren Höhepunkt erlebte.   

Achim Dombrowski

        

Copyright Photos: Monika Rittershaus

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