© Shirley Suarez
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen
Ich habe einen deutschen Verstand und ein ägyptisches Herz – ein Interview mit der deutsch ägyptischen Mezzosopranistin Karima el Demerdasch
Die abendländische und orientalische Kultur klaffen in der Oper immer wieder aufeinander, zum Teil humorvoll aber auch dramatisch und tragisch. Frau Demeresh, Sie sind in Kairo und Deutschland aufgewachsen, haben einen ägyptischen Vater und eine deutsche Mutter, und kennen somit beide von innen. Sie sind in Kairo aufgewachsen, haben in London studiert und leben heute in Zürich.
Wie würden Sie die Unterschiede der Kulturen beschreiben, in denen Sie aufgewachsen sind?
Wie wurde Ihre Erziehung/ Jugend von diesen beiden geprägt?
Ich sehe es als großes Privileg, mit beiden Kulturen aufgewachsen zu sein. Das Zusammenfließen beider Kulturen in meiner Kindheit und Jugend zeigt sich zum Beispiel darin, dass ich als (teils deutsche) ägyptische Muslimin eine deutsche evangelische Schule besucht habe. Dadurch habe ich gelernt, weltoffen, aber auch kritisch zu denken, wofür ich sehr dankbar bin.
Von der deutschen Kultur habe ich vor allem Disziplin gelernt – „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“ hat meine deutsche Oma immer gesagt, und daran halte ich mich bis heute. Disziplin und Struktur sind für mich ein Grundbaustein einer Gesangskarriere, vielleicht sogar wichtiger als Talent.
Die ägyptische Kultur hat mich vor allem in Bezug auf Familie, Freundschaften und Spiritualität geprägt. Diese Werte fließen stark in meine Identität als Künstlerin ein. Nicht zuletzt zeichnet Ägypter*innen ihr großer Sinn für Humor aus – etwas, das in dieser Karriere definitiv nicht schaden kann! Ich sage oft: Ich habe einen deutschen Verstand und ein ägyptisches Herz.
Beide Kulturen legen außerdem großen Wert auf Kunst. Ich komme aus einer künstlerischen Familie – meine Großmutter väterlicherseits war Schauspielerin, mein Großvater Regisseur, und der Vater meiner Mutter war Maler. Kunst hat in meiner Familie also immer eine große Rolle gespielt.
Welchen Stellenwert der abendländischen Kultur und insbesondere der klassischen Musik müssen wir uns in Ägypten vorstellen? Welche Institutionen pflegen klassische Musik?
Abendländische Kultur und klassische Musik haben in Ägypten zwar einen anerkannten Stellenwert, sind aber eher eine kulturelle Nische. Sie werden vor allem von staatlichen Institutionen wie dem Cairo Opera House oder der neuen Oper im New Administrative Capital gefördert, aber auch von privaten Einrichtungen wie der Amerikanischen Universität in Kairo, an der ich meinen Bachelor gemacht habe, und von Kulturorten wie dem El Sawy Culture Wheel.
Ich finde, es gibt in Ägypten unglaublich viele talentierte Sängerinnen und Musikerinnen – gleichzeitig gibt es noch viel Luft nach oben, was die Weiterentwicklung der Gesangsausbildung betrifft.
Welchen Stellenwert hat Gesang, Singen in der ägyptischen Kultur, gibt es Befruchtungen zur Klassik?
Gesang hat in Ägypten und in der arabischen Welt einen extrem hohen Stellenwert – sowohl auf künstlerischer als auch auf spiritueller Ebene. Fünfmal am Tag erklingt der gesungene Aufruf zum Gebet in den Moscheen, und in den koptischen Kirchen wird in den Messen gesungen. Große ägyptische Sängerinnen und Sänger sind kulturelle Fixpunkte. Nicht umsonst wird die legendäre ägyptische Sängerin Oum Kalthoum auch „die vierte Pyramide“ genannt. Natürlich dominiert vor allem die arabische Gesangstradition, die sehr reich und vielfältig ist, doch es gibt auch Berührungspunkte mit westlicher Klassik – sowohl im Kompositionsstil einiger klassischer arabischer Musik als auch in moderner Popmusik.
Welches Bild - Ansehen genießt eine Opernsängerin in der ägyptisch / arabischen Kultur?
Bei dieser Frage denke ich sofort an die ägyptische Sopranistin Fatma Said, die in Ägypten – und natürlich auch in Europa – große Anerkennung genießt und für viele junge Sängerinnen und Sänger ein Vorbild ist. Andere Opernsängerinnen und -sänger, die keine internationale Karriere haben, werden zwar kulturell respektiert, bekommen aber leider nur wenige Auftrittsmöglichkeiten in Ägypten, weil das Publikum für klassische Musik einfach zu klein und zu sehr eine Nische ist. Die vielen gesanglichen Talente in Ägypten müssen stärker gefördert werden, und der Zugang zur Oper sollte für Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten leichter möglich sein.
Haben Sie sich durch Ihre Berufswahl, Sängerin zu werden, für eine Kultur entschieden? Welche Berufsalternativen hätte es für Sie noch gegeben? Was hat Ihre Entscheidung beeinflusst?
Ich würde nicht sagen, dass ich mich durch meine Berufswahl für eine Kultur entschieden habe. Beide Kulturen sind Teil von mir und gehören zu meiner Identität. Klar, als Opernsängerin bewege ich mich innerhalb der westlichen Musiktradition, aber das ist für mich keine kulturelle Entscheidung. Mein ägyptisches Temperament ist immer noch da – auch wenn ich Mozart singe.
Ich wünsche mir sehr, in Zukunft auch in Ägypten und im Nahen Osten aufzutreten – sowohl im Opernbereich als auch, wenn sich die richtigen Projekte ergeben, mit arabischer Musik.
Mit einem Abiturschnitt von 1,1 hätte ich viele berufliche Alternativen gehabt – Literatur, Philosophie oder sogar Medizin standen im Raum. Trotzdem habe ich mich bewusst für eine Gesangskarriere entschieden, weil ich überzeugt war (und bin), dass man seiner Leidenschaft folgen sollte. Es war zwar eine riskante Entscheidung, aber zehn Jahre später bin ich Mitglied in einem der größten Opernstudios Europas – und das verdanke ich der Unterstützung meiner Familie und meiner Gesangslehrer.
Können Sie uns etwas über Ihre Begegnungen mit klassischer Musik und Entscheidung für den Gesang erzählen?
Aus meiner Kindheit erinnere ich mich, dass klassische Musik zu Hause oft im Hintergrund lief, besonders bei meinem Großvater, der beim Malen häufig Opern hörte. Mit sieben Jahren begann ich klassischen Klavierunterricht, den ich ungefähr zehn Jahre lang fortführte. Als Kind träumte ich allerdings oft davon, Pop-Sängerin zu werden, und als Teenager interessierte mich dann Jazz und Rock. Meine erste Gesangslehrerin war die ägyptische Sopranistin Dina Iskander, der ich sehr viel zu verdanken habe. Sie überzeugte mich zunächst mit klassischem Gesang zu beginnen, um meine Stimme richtig zu entwickeln, und später ruhig Jazz oder Rock auszuprobieren. Ich folgte ihrem Rat zunächst widerwillig – und verliebte mich dann völlig in den klassischen Gesang und die Oper.
Welche Stufen ihrer bisherigen Karriere waren für Sie besonders wichtig, von Bedeutung?
Bisher war meine Zeit als YSP-Sängerin bei den Salzburger Festspielen im Sommer 2025 die prägendste Erfahrung. Das war mein erstes richtiges professionelles Engagement direkt nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte. Ich bin unglaublich dankbar für alles, was ich dabei gelernt habe, für die Sänger, mit denen ich arbeiten durfte, und dafür, dass ich mein Debüt im Haus für Mozart geben konnte.
Natürlich war auch der folgende Einstieg ins Opernstudio des Opernhauses Zürich eine großartige Möglichkeit, in die Opernwelt hineinzuwachsen. Auf einer großen Bühne wie in Zürich mit legendären Sängerinnen und Sängern zu singen, ist eine unglaubliche Erfahrung. Die Coachings im Studio und die Möglichkeit, meine Ausbildung auf professionellem Niveau fortzusetzen, empfinde ich als großes Privileg.
Sie waren dieses Jahr in Salzburg Teilnehmer des Young Singers Project. Welches sind weitere Projekte, Verpflichtungen?
In dieser Saison durfte ich mehrere kleinere Rollen im Opernhaus Zürich übernehmen. Im März singe ich eine gekürzte Version der Rolle des Nireno in Giulio Cesare und freue mich sehr, mit Cecilia Bartoli und Anne Sofie von Otter auf der Bühne stehen zu dürfen, zwei Sängerinnen, die große Idole von mir sind.
Zurzeit proben wir außerdem für eine kleine zeitgenössische Produktion namens Sillons de Mémoires, die Anfang Februar drei Vorstellungen haben wird.
Im Mai geht es dann nach London und Bergen, wo ich mit dem renommierten Monteverdi Choir die Titelrolle in Dido and Aeneas singe. Darauf freue ich mich besonders, denn das ist eine meiner Lieblingsopern.
An welchen Rollen arbeiten Sie derzeit?
Neben der Rolle der Dido arbeite ich gerade am Cherubino, da ich im Moment “Cover” für die Rolle am Opernhaus Zürich bin. Außerdem arbeite ich auch am Orlofsky, weil ich im April in unserer Studioproduktion eine gekürzte Version der Rolle aufführen werde.
Welche Rollen stehen auf der Wunschliste? Welchem Fach fühlen Sie sich hingezogen?
Meine absolute Traumrolle ist Cenerentola,.Ich liebe nicht nur die Herausforderungen der virtuosen Koloraturen, sondern auch die Figur selbst: Sie ist liebevoll und verzeihend, dabei aber auch clever und voller Persönlichkeit.
Ich bin Koloratur-Mezzosopran und bin großer Fan von Rossini (bel canto allgemein), singe aber genauso gerne Barock- und Frühmusik. Im Moment fühle ich mich also als hoher Mezzosopran sehr wohl - mal sehen, wie sich die Stimme in ein paar Jahren weiterentwickelt.
Gibt es ein Vorbild?
Es ist wirklich schwer, nur ein Vorbild zu nennen. Mir fällt sofort Frederica von Stade ein, aber auch Anne Sofie von Otter, Brigitte Fassbaender und natürlich Elina Garanca gehören für mich dazu.
Der Wettbewerb unter den jungen Sängern und Sängerinnen ist intensiv? Welches sind die größten Herausforderungen für Sie?
Es ist definitiv eine sehr intensive Karriere mit sehr viel Konkurrenz. Für mich besteht die größte Herausforderung in der Phase, in der ich mich gerade in meiner Karriere befinde, darin, auf eine Zukunft als freischaffende Sängerin hinzuarbeiten, nachdem ich das Opernstudio abgeschlossen habe. Als junge Sängerin hängt Vieles davon ab, welche Möglichkeiten mir angeboten werden und ob jemand an meine Fähigkeiten glaubt. Es ist nicht einfach, sich in dieser Branche ständig zu beweisen und durchsetzen zu müssen. Ich habe sehr viel Glück, dass ich im Opernstudio in Zürich sehr gut unterstützt werde und sehr nette Kolleg*innen habe.
Es gibt auch arabische Komponisten, auch arabische Opern- ist das für Sie von besonderem Interesse?
Das wäre für mich von großem Interesse. Ich halte neue Opern in verschiedenen Sprachen für sehr wichtig, um diese Kunst lebendig zu halten. Wir brauchen neue Kompositionen und Geschichten, die auch unsere heutige Welt und moderne Themen aus verschiedenen Kulturen widerspiegeln. Als Ägypterin wäre es für mich besonders spannend, einmal in einer arabischen Oper mitzuwirken.
Karima privat - Wie entspannen Sie sich ? Wie tanken Sie Energie für die beruflichen Herausforderungen? Was macht besonders Freude, Spaß?
Für meine körperliche und mentale Gesundheit gehe ich fünf- bis sechsmal die Woche ins Fitnessstudio. Krafttraining und Bewegung helfen mir extrem, Stress abzubauen und gleichzeitig ein Gefühl von Produktivität zu behalten. Man fühlt sich einfach stärker und selbstbewusster auf der Bühne, und die Atemkontrolle verbessert sich dadurch auch. Ich lese außerdem sehr gerne, bin ein großer Filmfan und gehe, wann immer es zeitlich passt, oft ins Kino.
Vielen Dank für das Gespräch – wir wünschen Frau el Demerdasch viel Erfolg für die weitere Karriere. Wer Frau el Demerdasch auf der Bühne erleben möchte: Premiere Giulio Cesare Opernhaus Zürich am 11.3.2026 – Vorstellungen bis 28.3.2026
Dr. Helmut Pitsch
09. Februar 2026 | Drucken
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