Pompöses Gezanke um den Goldenen Apfel – Antonio Cestis Il pomo d’oro in Innsbruck

Xl_all_the_gods__c_-birgit-gufler © Birgit Gufler

In Innsbruck feiert man ein rundes Jubiläum: Zum 50. Mal finden dort die Festwochen der Alten Musik statt. Ein willkommener Anlass also, mal was Größeres zu versuchen – und so hat man sich an das wohl größte Opernspektakel des 17. Jahrhunderts gewagt: Die Festoper Il pomo d’oro.

 

Entstanden im Jahr 1666, war diese Oper eigentlich als Höhepunkt der Hochzeitsfeierlichkeiten von Kaiser Leopold I. mit der spanischen Infantin Margarita Teresa geplant. Jedoch war das eigens dafür errichtete neue Wiener Opernhaus auf der Cortina nicht rechtzeitig fertig geworden, und so musste die Aufführung verschoben werden. Die nächste Gelegenheit bot sich dann anlässlich der Geburt des Thronfolgers Ferdinand Wenzel, den die gerade mal 16jährige Kaiserin – übrigens gleichzeitig Nichte und Cousine ihres Gatten – am 28. September 1667 zur Welt gebracht hatte. Doch das Kind starb schon im Januar 1668 und es folgte die mehrmonatige Hoftrauer. Erst im dritten Anlauf gelangte Il pomo d’oro dann im Juli 1668, zur Feier des 17. Geburtstags der Kaiserin, zur prunkvollen Uraufführung.

 

Es war eine Aufführung der Superlative: Fünf Akte nebst Prolog, ein üppig besetztes Orchester, 48 Protagonisten auf der Bühne, 23 aufwendig gestaltete Bühnenbilder, 39 Bühnenmaschinen, diverse Bühneneffekte, Ballette, Schaukämpfe – und das Ganze zu etwa acht Stunden Musik. Gewaltige, bis dato ungekannte Dimensionen, die es notwendig machten, das Werk auf zwei Nachmittags-Vorstellungen aufzuteilen. Dabei ist Il pomo d’oro ein Gemeinschaftswerk mehrerer am Hof tätiger Künstler: Das Libretto lieferte der Hofdichter Francesco Sbarra (1611–1668), die Bühnenbilder und Bauten stammten von Lodovico Burnacini (1636–1707), der als Architekt bereits das Opernhaus entworfen hatte. Musik für die Ballette und Kampfszenen steuerte Johann Heinrich Schmelzer (ca. 1623–1680) bei, und einzelne Szenen wurden sogar vom komponierenden Kaiser Leopold persönlich vertont. Der überwiegende Hauptanteil der Musik stammt jedoch aus der Feder des Hofkomponisten Antonio Cesti (1623–1669).

 

Cesti gehört bei den Innsbrucker Festwochen längst zu den Household Names. Der aus Arezzo stammende Komponist hatte hier ab 1652 über fünf Jahre als Leiter der Innsbrucker Hofmusik unter dem opernbegeisterten Erzherzog Ferdinand Karl gedient und in dieser Zeit etliche Opern herausgebracht. Viele davon wurden im Rahmen der Festwochen bereits wieder zum Leben erweckt. Und spätestens seit der Einrichtung des Cesti-Gesangswettbewerbs ab 2010 gilt Cesti als einer der Säulenheiligen des Festivals. Somit lag es nahe, zum 50. Jubiläum eine seiner Opern aufs Programm zu setzen. Und die Wahl fiel auf das Mammut-Werk Il pomo d’oro.

 

Im Kern handelt die Oper von der Geschichte um jenen „Goldenen Apfel“ – so der deutsche Titel der Oper –, den Discordia, die Göttin der Zwietracht, bei einem Festbankett im Olymp unter die versammelten Gäste wirft. „Alla più bella“ – „der Schönsten“ gebührt der Apfel, so die Aufschrift. Sogleich zanken sich Venus, Pallas Athene und Juno um den Apfel, und Jupiter spricht ein Machtwort: Der ebenso schöne wie gerechte Paris entscheide, wer den Apfel bekommen soll. Paris jedoch wird nicht nur den Apfel der Liebesgöttin Venus zusprechen und damit den Zwist unter den Göttern weiter befeuern, sondern auch die schöne (aber bereits vergebene) Helena von Sparta entführen und letztlich den Trojanischen Krieg auslösen.

 

Doch so weit geht die Opernhandlung nicht. Vielmehr präsentiert der Librettist Sbarra ein wahres Kaleidoskop der antiken Mythologie. Die Handlung wird mit zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren angereichert – teils sind es Götter, teils Nymphen, Furien, Grazien, oder auch ganz einfach Menschen. Und sehr menschlich geht es dabei auch unter den Göttern zu: Im Fokus stehen Venus, Pallas und Juno, die sich immer weiter in ihre Habgier, Geltungssucht und gegenseitige Missgunst hineinsteigern. Da wird ungeniert Paris bestochen, es werden Elemente entfesselt und sogar Kriege losgetreten, nur um doch vielleicht den Goldenen Apfel noch für sich zu ergattern. Am Ende muss Jupiter eingreifen und Schadensbegrenzung betreiben: Er revidiert das Urteil des Paris und überreicht den Goldenen Apfel schließlich der jungen Kaiserin Margarita Teresa, die „so klug und geistreich und wunderschön“ ist wie die drei Göttinnen zusammen. Die Oper endet mit einer Huldigung an die junge Monarchin – und der eigentlich ja bevorstehende Trojanische Krieg wird mit keinem Wort erwähnt.

 

So weit, so typisch für die Barockoper und ihren flexiblen Umgang mit antiken Stoffen. Wäre da nicht ein grundlegendes Problem bei der Quellenlage zu Il pomo d‘oro: Zwar liegt das komplette originale Libretto im Druck vor, allerdings nicht die komplette Partitur. Lediglich der Prolog sowie die Akte 1, 2 und 4 sind erhalten geblieben. Die Akte 3 und 5 sind verschollen. Ein Problem, mit dem man bei der Neuproduktion der Oper umgehen musste. Glücklicherweise erklärte sich aber Ottavio Dantone, musikalischer Leiter der Innsbrucker Festwochen und Dirigent der Neuproduktion von Il pomo d’oro, bereit, die fehlenden Akte zu rekonstruieren. Er stützte sich dabei auf andere Opern Cestis sowie auf eine in Modena aufgetauchte Sammlung, die auch Arien aus den verschollenen Akten enthält. Dantone ist dabei offenbar sehr behutsam und sorgfältig vorgegangen, denn das Ergebnis kann sich hören lassen und überzeugt auf ganzer Linie: Ohne größere stilistische Brüche fügen sich die ergänzten Akte in das Gesamtwerk ein – eine bewundernswerte Leistung!

 

Bewundernswert sind auch die Präzision und der zupackend-schwungvolle Zugriff, mit denen sich Dantone und sein Orchester, die Accademia Bizantina, des gewaltigen Werks angenommen haben. Offenbar wurde hier minutiös geprobt: Jeder Einsatz funktioniert, jedes neue Tempo sitzt, nahezu immer spielt das Orchester perfekt mit den Sängerinnen und Sängern zusammen, stets wird der richtige Affekt auf Anhieb getroffen. Von den Secco-Rezitativen, die von einer üppig besetzten, aber differenziert eingesetzten Continuo-Gruppe getragen werden – Dantone selbst leitet die Aufführung vom Cembalo aus –, bis hin zu den großen Ensemble- und Chorszenen (NovoCanto, Einstudierung: Brigitte Wurzer) breitet die Accademia Bizantina die ganze Klangpracht des 17. Jahrhunderts aus. Dabei dürfen auch einzelne Orchestermusiker besonders brillieren, allen voran Konzertmeister Alessandro Tampieri, der mit seinen wilden Improvisationen insbesondere den pompösen Schlüssen zu einem irisierenden Glanz verhilft.

 

Die Arien hingegen – eigentlich der Attraktionspunkt italienischer (Barock)oper – sind in Cestis Opern eigentlich eher schlicht und kurz, dafür aber äußerst zahlreich. Kunstvoll-virtuose Koloraturen kommen zwar durchaus vor, stehen aber nicht im Mittelpunkt. Es sind (noch) keine DaCapo-Arien, wie ein halbes Jahrhundert später etwa bei Vivaldi oder Händel. Cestis Arien sind dagegen eher liedhaft und eingängig. Viele besitzen mehrere Strophen und werden also mit anderem Text wiederholt – was freilich Raum für kunstvolle Verzierungen und Improvisationen schafft. Dabei handelt es sich meistens um Arien, die nur vom Continuo begleitet sind. Lediglich am Strophenende – und manchmal auch zwischendurch – erklingt ein Orchester-Ritornell. Jedoch: Mag auch die Melodik der Arien manchmal simpel erscheinen – die Wiederholung macht’s! Die Arien wirken dadurch umso eingängiger und entwickeln sich erstaunlich schnell zu Ohrwürmern.

 

Gesungen werden die Arien von nicht weniger als 20 Sängerinnen und Sängern, die da die Bühne des Tiroler Landestheaters bevölkern. Fast alle übernehmen dabei mehrere Rollen, um die insgesamt 48 Rollen des Librettos überhaupt stemmen zu können. Es wäre hier kaum möglich, alle Darsteller im Einzelnen zu würdigen, doch kurzum: Es ist ein junger und hochkarätiger Cast mit sehr abwechslungs- und facettenreichen Stimmen. Unter den Hauptrollen können sich dabei besonders die drei zankenden Göttinnen hervortun: Jone Martínez spielt die Rolle der Venus mit eleganter Durchtriebenheit. Zu einem glanzvollen Höhepunkt ihrer anspruchsvollen Partie wird die Schlussszene des ersten Aktes mit der virtuosen Arie Cingetemi il crine, die sie bravourös meistert. Sophie Rennert legt ihre Rolle als in ihrem Stolz gekränkte Juno mit viel Temperament an, was hervorragend zu ihrer vollen und voluminösen Stimme passt. Ein besonderes Highlight ist ihre Tobsuchts-Szene im fünften Akt: Erst schimpft sie, dann beginnt sie, wie ein trotziges Kind zu heulen. Schließlich sagt ihr Jupiter sinngemäß ins Gesicht: „Komm erstmal runter!“, und lässt sie alleine auf der Bühne stehen. Doch Juno kommt nicht runter, im Gegenteil – in ihrer Wut löst sie sogar ein Gewitter aus, mit Blitz und Hagel. All das hat Dantone in seiner Rekonstruktion fantastisch eingefangen und Sophie Rennert wahnsinnig zupackend gesungen und gespielt. Sehr zupackend, fast ein wenig maskulin und im passenden Sinne martialisch interpretiert auch Shira Patchornik ihre Rolle als Kriegs-Göttin Pallas Athene. Wenn sie bei ihrem Versuch, den sichtlich verschreckten Paris mithilfe von Whiskey, Zigarren und einer Truhe voller Maschinengewehre zu ihren Gunsten zu bestechen, wirkt das geradezu wie eine Anwerbung für die Armee. Und wenn sie im zweiten Akt zu ihrer furios gesungenen Arie O mio caro io sono offesa machtlose Soldaten wie Marionetten nach ihrer Pfeife tanzen lässt – visuell erinnert die Szene übrigens an das Thriller-Musikvideo –, wird der Aktualitätsbezug der Szene in beklemmender Weise greifbar.

 

Doch auch die kleineren Rollen sind hervorragend besetzt. Der Range reicht von Jiayu Jin, die die drei Rollen von Hebe, Zeffiro und v.a. Amor mit makellos-klarem Sopran singt, über Margherita Maria Sala, die mit ihrem profunden Kontra-Alt u.a. in der sehr tief liegenden Partie der Alceste beeindruckt, bis hin zum profunden Bass von José Coca Loza, der in seinen drei Rollen (Pluto, Charonte, Sacerdote) ein imposantes tiefes D in den Raum stellt. Neima Fischer verkörpert als Proserpina einerseits und als Grazie Aglaie andererseits sowohl ehrwürdig-tragische als auch komische Rollen gleichermaßen glaubwürdig und verleiht ihnen mit ihrem jugendlich-zarten Sopran eine faszinierende Aura. Aber auch fürs Groteske ist reichlich Platz in Il pomo d’oro: So begleitet etwa Momo, der Gott der scharfzüngigen Kritik und des Spotts, das Publikum durch die Oper. Rocco Cavalluzzi betont in seiner Darstellung mit viel Sinn für Humor und großem körperlichen Einsatz v.a. die komödiantischen Aspekte der Rolle, hinterfragt aber auch das Geschehen: Sein Momo wirkt beinahe wie eine Mischung aus Leporello und Don Alfonso. Last but not least: Der Tenor Alberto Allegrezza in der Rolle der Amme Filaura. Der Librettist Sbarra hatte diese Rolle frei erfunden, und es ist eine der vielen Rockrollen, wie sie in der Oper des 17. Jahrhunderts häufig vorkommen: Eine ältere Frau wird von einem Mann dargestellt – letztlich also Travestie mit viel Platz für groteske Komik. Allegrezza gestaltet diese Rolle – in einem Fatsuit, als in die Jahre gekommene Hausbedienstete – urkomisch und durchaus passend zur Musik: Seine (bzw. ihre) fünfstrophige Spott-Arie Che sciocche persone kommt wie eine Mischung aus Gassenhauer und Gstanzl daher und offenbart viel Wahrheit hinter der Fassade.

 

Es ist immer wieder aufs Neue eine Herausforderung, die mythologischen oder historischen Stoffe der Barockoper auf unsere moderne Zeit zu übertragen. Doch Regisseur Fabio Ceresa kommt es gar nicht so sehr darauf an. In seiner Inszenierung sind die Menschen zwar als Menschen von heute dargestellt: Paris lebt mit seiner Geliebten Ennone und umsorgt von der Haushälterin Filaura in einer schicken Designer-Wohnung, bevor er sich per Kreuzfahrtschiff auf den Weg zu Helena macht. Die Götter treten dagegen in aufwendig gestalteten Kostümen auf, die in einem Stilmix aus Antike und Barock gehalten sind (Kostümdesign: Giuseppe Palella). Dieses Nebeneinander von moderner und barocker Stilistik gelingt erstaunlich gut. Auch das Bühnenbild von Nikolaus Webern nutzt sowohl moderne Requisiten und Bauten – man sieht Badewannen, Ehebetten und geräumige Wohnzimmer mit L-förmiger Couch – als auch Elemente der barocken Kulissenbühne. Eine große Rolle spielen dabei auch Farben: Venus erscheint in einem violetten Kostüm, Juno in Gelb, Pallas in Hellblau, die drei Grazien in Pink und Discordia mit ihren Furien in Schwarz. Die Personenführung ist lebendig und auf Bewegung bedacht. Gerne wird auch auf die Bühnenmaschinerie des Barocktheaters zurückgegriffen: So treten Göttinnen und Götter vorwiegend „fliegend“ auf, indem sie aus dem Schnürboden herabgelassen werden. Besonderen Einfallsreichtum und viel Sinn für Witz und Bühnenwirksamkeit beweist Ceresa aber im Umgang mit der Handlung und den Schauplätzen. So inszeniert er beispielsweise den Prolog, der eigentlich eine einzige Huldigung an das Kaiserpaar durch die allegorisch auftretenden Teile des Reiches (Böhmen, Deutschland, Sardinien usw.) ist, als Schönheitswettbewerb: Alle Länder treten als aufgetakelte Kandidatinnen und Kandidaten (auch die Männer tragen Abendkleider!) auf und führen verschiedene Kunststücke vor – vielleicht eine Anspielung auf den Film „Miss Undercover“, denn wie Sandra Bullock im Film spielt auch eine der Kandidatinnen im Prolog Glasharfe. Auch eine andere Szene könnte durch einen Film inspiriert sein: Wenn am Anfang des dritten Aktes ein Superschurken-Hauptquartier mit Terroristen zu sehen ist, fühlt man sich unweigerlich an die Eröffnungssequenz aus „Die nackte Kanone“ erinnert. Als dann schließlich Giacomo Nanni – eigentlich in der Rolle des Windgottes Eolo – das Hauptquartier betritt, ist er als Donald Trump verkleidet, der mit roter Kappe und viel zu langer gelber Krawatte ein Tablett Burger für seine Schurken-Kollegen hereinträgt. Eine glänzende Idee, die für viel Gelächter beim Publikum sorgt.

 

Einen besonders schönen Regieeinfall hält Ceresa aber als Plot-Twist für das Ende der Oper bereit: Nicht die Kaiserin erhält den Goldenen Apfel, sondern „Miss Europa“, die – gehüllt in eine große Europaflagge – im Schlussbild die allgemeinen Huldigungen entgegennimmt. Ein zwar recht optimistisches, aber letztlich konsequentes Szenario. Das Publikum zeigt sich jedenfalls begeistert und honoriert die gewaltige inszenatorische und musikalische Leistung mit tosendem Applaus und Standing Ovations. Es bleibt zu hoffen, dass diese aufwendige Produktion bald eine Wiederaufnahme erfährt und Il pomo d’oro nicht für die nächsten 356 Jahre wieder in der Versenkung verschwindet – es wäre schade ums Werk!

 

Stefan Fuchs

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