Wiedereröffnung mit einem Händelfest an der Hamburger Oper

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AGRIPPINA
(Georg Friedrich Händel)

Premiere am 28.05.2021

Staatsoper Hamburg


Der Intendant der Hamburgische Staatsoper, George Delnon, lässt es sich nicht nehmen, das noch immer Corona-bedingt trotz ausverkauftem Hause einigermaßen spärliche Publikum nach den langen Monaten der Schließung des Hauses persönlich zu begrüßen. Man ist froh, dass man diese Händel-Premiere präsentieren kann, war doch die 1678 geründete Hamburger Gänsemarktoper für den Komponisten in den Jahren zwischen 1703 bis 1706 ein wichtiges Sprungbrett für die Karriere. Händel konnte auch in Hamburg eigene Opern zur Uraufführung bringen, die Agrippina stammt jedoch aus seiner Zeit in Italien, wo sie zum Karneval 1709 in Venedig erstaufgeführt wurde. Händel war damals 24 Jahre alt. 

Die Handlung ist ein atemberaubender Ritt durch ein mehr als komplexes Intrigengeflecht, Missverständnisse und Verstellungen. Im Kern will Agrippina ihren Sohn Nero auf den Thron bringen und scheut zu diesem Zweck vor nichts zurück. Am Ende fragt man sich als Betrachter einer Shakespeare-ähnlichen Abfolge von bitterbösen, aber auch komödienhaften Täuschungen, zu welchem Zweck und Ziel die handelnden Personen durch diese Abenteuer und Erfahrungen gehen mussten. 

Das trifft vor allem auf die die Titelpartie der Agrippina zu, die komplett alleine zurückbleibt und nach geschichtlichen Forschungen später gar von ihrem eigenen Sohn ermordet sein soll, was jedoch nicht Inhalt der Oper ist. Aber auch in der Oper jedenfalls kein Happy-End. Für den zeitgenössischen Betrachter im damaligen Venedig zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es mit Sicherheit ein ganze Reihe von politischen, gesellschaftlichen, religiösen Zeitbezügen, die speziell – und vielleicht nur - zur Karnevalszeit zum Ausdruck gebracht werden konnten, die aber heute maximal in Teilen seriös nachvollzogen werden können.

Bei der Inszenierung handelt es sich um eine Koproduktion der Staatsoper Hamburg mit der Bayerischen Staatsoper München, dem Royal Opera House Covent Garden und De Nationale Opera Amsterdam Zumindest in München und London wurde sie – teilweise in abweichender Besetzung – bereits gezeigt.

Der Regisseur Barrie Kosky zeigt eine über dreieinhalb-stündige Fassung mit gewissermaßen wagneresken Ausmaßen. Auch wenn Kosky seine bewährten spielfreudigen Elemente etwa bei der Charakterisierung des krankhaft-schillernden Nero platziert, stehen aufgrund der Werkstruktur – speziell bei den Arien - oft Situationen der Nachdenklichkeit, des Zweifels und der Verhaltenheit im Vordergrund. Diese erlauben oder erzwingen eine ganz auf die Gesangs- und Orchesterkunst fokussierte Konzentration. In der überlegenen Vortragskunst der Sänger muss umfassend der Ausdruck des Handlungsmomentes zur Geltung kommen. Der Regisseur zeigt sich am Ende der Premiere nicht, die Einstudierung lag wohl in den bewährten Händen von Johannes Stepanek, mit dem Kosky schon bei anderen Inszenierungen zusammengearbeitet hat.  

Das Bühnenbild von Rebecca Ringst besteht aus einem beweglichen Kubus, der sich in alle Richtungen bewegt und in einzelne Teile untergliedert werden kann, die architektonische Strukturelemente  von Treppen, Balkonen und anderen typischen Versinnbildlichungen von Machtambiente und Intrige vergegenwärtigen.  Die Kostüme von Klaus Bruns zeigen ein eher neuzeitlichen Kolorit mit für die handelnden Personen jeweils typischen Charaktermerkmalen, gipfelnd in einer mittelblauen Generalsuniform mit viel Lametta beim aktuellen Machthaber Claudio.    

Der Abend gibt den acht Sängern und dem Orchester Gelegenheit in einer Vielzahl von Arien und Ensembles zu brillieren. Ein Chor kommt nicht zum Einsatz, was in diesen Zeiten die Realisierung der Produktion einfacher macht. Anna Bonitatibus als Agrippina und Julia Lezhneva lassen keine Chance aus, ihre hohe Händelkunst glänzen zu lassen. Dabei liegt zum Schluss bei Arippinia der Schwerpunkt auf der Frage der Sinnhaftigkeit ihres Strebens, welches nicht zum Erfolg, sondern eher zu einer Vereinsamung führt. Sie bleibt wie ratlos und gefangen im unteren Teil des Kubus zurück. Bei Julia Lezhneva schwinden dem Zuhörer die Sinne. Die Perfektion ihrer traumhaft-schwebenden Koloraturen, der makellosen Gesangslinie des überirdischen Tongebung entrückt den Zuhörer in andere Sphären. Die Realität verschwimmt angesichts dieser Erfahrung, genau wie den Charakteren der Handlung immer wieder die Wirklichkeit abhanden kommt. Die perfekte Umsetzung des stimmlichen Einsatzes wird so zum gelungenen Ausdruck des Inhalts.  

Nicht weniger als drei Countertenöre kommen zum Einsatz. Franco Fagioli gibt seinem Affen Zucker bei der drastischen darstellerischen Umsetzung eines - zurückhaltend formuliert - mit einer Vielzahl psychologischer Sonderheiten ausgestatteten Nero. Der Sänger hat  in dieser Inszenierung auch in anderen Städten schon geglänzt in all den anspruchsvollen Komponenten der komplexen Partie. Christophe Dumaux als Ottone und Vasily Khoroshev als Narciso wissen ihre Partien mit gesanglicher Souveränität und darstellerischer Intensität zu gestalten.

Luca Tittoto als gegenwärtiger – aber zwischenzeitig schon totgesagter  Machthaber Claudio, Renato Dolcini als intriganter Machtpolitiker Pallante sowie Chao Deng als Lesbo runden das Ensemble geschlossen ab. 

Das Hamburger Ensemble Resonanz und der Dirigent Riccardo Minasi sind an der Hamburger Oper bestens bekannt durch ihre herausragende Zusammenarbeit bei Glucks Iphigénie en Tauride im Jahre 2016. Minasi ist auch Barockgeiger und dirigiert und leitet das Orchester zeitweise mit seiner Violine vom Pult. Ein ganz besonderer Schwerpunkt ist auf die melancholischen, verhaltenen, leisen Momente der Partitur gelegt. Mit äußerster Zartheit spielt das Ensemble, das mit einzelnen Mitgliedern in verschiedenen Instrumenten immer auch solistisch in den Arien hervortritt, weit mehr als reine Begleitung der Sänger. Es ist Ausdruck höchster Qualität, dass gewissermaßen aus dem Stand nach den Unterbrechungen durch die Pandemie eine solch technisch hohe und feinsinnige Umsetzung gelingt.     

Das Hamburger Publikum dankt den Gesangssolisten schon während der Aufführung und allen Beteiligten am Schluss mit großem Enthusiasmus.  Es schwingt die Hoffnung mit, dass uns die Kultur erhalten bleibt und durch weitere Öffnungen den lang vermissten Stellenwert wieder einnehmen wird.    

Achim Dombrowski

Copyright: Hans Jörg Michel

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