Was Ihr Wollt - oder nicht wollt ...

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Staatsoper Hannover

 

Manfred Trojahn

Was Ihr Wollt

Oper in vier Akten (1998)

Premiere am 08. Dezember 2018

Manfred Trojahn ist einer der bedeutenden zeitgenössischen Komponisten Deutschlands mit einem umfangreichen Werk in verschiedensten musikalischen Gattungen, darunter nicht weniger als sechs Opern. Die Staatsoper Hannover hatte bereits in der Spielzeit 2012/13 seine Tragödie Orest erfolgreich zur Aufführung gebracht und präsentiert nun eine Neuinszenierung seiner 1998 in München uraufgeführten Oper Was Ihr Wollt.

Auch wenn einige Personen und Handlungskonstellationen aus dem Schauspiel von Shakespeare stammen, handelt es sich nicht um eine Vertonung dieser bekannten Vorlage. Vielmehr drehen Trojahn und sein Librettist Claus C. Henneberg die Verwirrung, den Wahnsinn, die Verzweiflung des handelnden Personals noch mindestens eine Schraube weiter und erreichen damit eine ganz eigenständige, heute aktuelle Weiterentwicklung des Shakespear’schen Kaleidoskops.  

Das Zwillingspaar Sebastiano und Viola landet in llyrien, wird dort getrennt, hält sich gegenseitig für verstorben, verkleidet sich und geht auf die Suche nach einer (neuen) Existenz und unentwegt nach sich selbst. Dabei geraten nicht nur diese beiden Protagonisten, sondern auch alle anderen Personen der Handlung in äußerste Verwirrung über sich, ihre Wünsche, und die Frage, wer sie sind und was sie sein wollen. 

Trojahn und Henneberg steigern diese bohrende Fragestellung über den Verlauf des Stückes und erlösen den Zuschauer und Zuhörer am Schluss nicht mit einer Lösung. Weder findet eine Komödie ein befriedigendes Ende noch bietet die Oper ein traditionelles „lieto fine“.Vielmehr kann sich der Betrachter in der heutigen Situation einer immer stärker empfundenen Verunsicherung wiedererkennen. Man staunt nicht nur über die Aktualität der elisabethanischen Vorlage, sondern mehr noch über die Hellsichtigkeit des Werkes aus dem Jahre 1998 angesichts von fake news und ganz aktueller, weitgehender gesellschaftlicher Verunsicherung heute.

Die musikalische Sprache ist zugänglich und verfügt über einen stark bildhaften Charakter, so dass auch für den Ersthörer dieser Musik unmittelbar ein einprägsames Gesamtbild entsteht. Die Bandbreite des musikalischen Ausdrucks zwischen lyrischer Kantilene und drastischer, situationsbedingter Komik ist weit und garantiert einen abwechslungsreichen und unterhaltsamen Spannungsbogen.

Für die Neuinszenierung hat der Regisseur Balázs Kovalik zusammen mit dem Bühnenbildner Hermann Feuchtner ein Szenario wie in einer übervollen, ungeordneten Lagerhalle mit unendlichen, übereinander getürmten Paketen, Schachteln und anderen Verpackungen geschaffen. Dieser Turmbau wirkt äußerst fragil und gelegentlich stürzen auch einzelne Teile ein. Wundersamerweise sind Elemente dieses Labyrinths auch miteinander wie durch Tunnel verbunden, durch welche die Menschen ihre Wege finden. Mit einer solchen Kiste werden die Geschwister nun in Illyrien vom Gabelstapler abgesetzt und ihrem Schicksal überlassen wie womöglich schon viele Menschen zuvor an ihrem ungesicherten Bestimmungsort auf ähnliche Weise angelandet wurden. Die Reste dieser Verpackungen umgeben heute die Menschheit und wirken stumm auf sie ein. 

Die Personen darin sind insbesondere geprägt durch Selbstbespiegelung und die Einsamkeit ihrer subjektiv empfundenen Identitäten, ihrem Ich, das ihnen Schutz geben soll. In ihrer Interaktion werden Einsamkeit, mangelnde Kommunikation, Ignoranz und Verächtlichkeit spür- und sichtbar. Die Kostüme von Angelika Höckner zeigen die Charaktere entweder in Alltagskleidung oder mit phantasievoller Umsetzung, wie z. B. weiße Laboranzüge für die die Handlung triggernden Geschwister, Kleider für den entrückten Orsino oder ein Ballerinentutu für den Narren. Das Thema des Geschlechtertauschs und der Homoerotik zieht sich durch den ganzen Abend. 

Eine besondere Rolle kommt dem Narr zu, der die Motivation der meisten Akteure durchschaut und in zynischer Art und Weise die Aktionen zu manipulieren und zu lenken weiß. In seinem Fiddle-Lied am Schluss werden auch die einzigen (alt-)englischen Worte gesungen – hier tritt seine Haltung am deutlichsten hervor. Martin Berner verleiht diesem Charakter stimmlich und darstellerisch in der Aufführung überzeugend Gewicht. Schon die Erscheinung seiner männlichen Statur im hellblauen Ballerinengewand mit Ballettschuhen bewirkt unausgesetzt Irritation. 

Die als Cesario verkleidete Viola wird von Ania Vegry eindrucksvoll verkörpert. Sie meistert nicht nur die schwierigen Passagen dieser oft extrem hoch liegenden Sopranpartie, vielmehr spielt sie auch die irritierte und irritierende Verliebtheit des Charakters auf bewegende und komische Art und Weise. Simon Bode als Orsino verströmt in den traumverlorenen, lebensfernen Tenorpassagen lyrische Gesanglinien. Eine tragik-komische Charakterstudie des Malvolio bietet Brian Davis. Stefan Adam als Sir Toby Belch und Edward Mout als Sir Aguecheek warten mit kauzigen Szenen wie aus dem Falstaffauf. Dorothea Maria Marx und Julia Sitkovetsky als Olivia und Maria überzeugen in stimmlicher sowie engagierter darstellerischer Hinsicht.    

Das Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Mark Rohde stürzt sich mit Begeisterung in die teils ganz erheblichen technischen Schwierigkeiten der anspruchsvollen Partitur von Trojahn. Rohde und dem Orchester gelingt es, eine eindrucksvolle Balance zwischen den Anforderungen an die Sänger mit den teilweise wortreichen Texten und der farbenreichen Orchestersprache aufzubauen und zu halten.    

Großer und nachhaltiger Applaus mit bravifür einzelne Gesangssolisten und das Orchester. Ebenso starke Akklamation für das Leitungsteam und den anwesenden Komponisten. Es bleibt zu hoffen, dass die nachfolgenden Aufführungen noch besser besucht sein werden, vor allem auch von jungen Leuten – es lohnt sich nämlich sehr!

 

Achim Dombrowski

 

Copyright Fotos: Jörg Landsberg

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