Verlust und Selbstbestimmung - La Voix humaine in Bremen

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LA VOIX HUMAINE / DIE MENSCHLICHE STIMME
(Francis Poulenc)
Premiere am 1. Oktober 2020

Theater Bremen 

In Bremen brilliert die Sopranistin Nadine Lehner in einer ganz auf Abstraktion gestellten Produktion als einsame, verlassene Geliebte in Poulencs La Voix Humaine

Beginn einer Selbstfindung

La Voix Humaine / Die menschliche Stimme hat alle guten Aussichten, die meist gespielte Neuproduktion dieses Corona-Jahres an den deutschen Opernhäusern zu werden. Alleine in Norddeutschland wird das Werk in Lübeck, Bremen und Hamburg zu erleben sein. In Lübeck kam 1963 die deutsche Erstaufführung heraus. In Bremen wird das Werk in der deutschen Übersetzung von Wolfgang Binal gegeben.

Francis Poulencs nach einer Textvorlage von Jean Cocteau 1959 in Paris uraufgeführte Monooper ist ein Solostück für eine Sopranistin, deren Liebhaber sie nach einer mehrjährigen Beziehung verlassen will. Sie befindet sich allein in ihrer Wohnung und führt über die gesamte Länge der in Bremen knapp einstündigen Aufführung ein einsames Telefonat mit ihrem Geliebten. 

In steigender Verzweiflung versucht sie zunächst Selbstsicherheit und Beiläufigkeit vorzutäuschen, später auch durch die Schilderung ihres Selbstmordversuches den Mann zurückzugewinnen. Dabei erlebt man nur die Frau alleine in ihrem Zimmer, den Partner sieht und hört man nicht, sein Agieren ist für den Zuschauer aus den Reaktionen der einsamen Frau am Telefon zu imaginieren. 

Die musikalischen Linien werden immer wieder abgebrochen, wobei die wiederholte Unterbrechung der Telefonverbindung gezielt zur dramaturgischen Steigerung von Hektik und Sprachlosigkeit eingesetzt werden. Hoffnung und Angst steigern sich zur Verzweiflung.  

Die Vorlage bietet für eine Solosängerin eine große Palette von Interpretationsmöglichkeiten. So könnte zum Beispiel ein akrobatisches Spiel mit einem Telefon oder einer langen Telefonschnur eine Verbindung andeuten, die die Protagonistin so verzweifelt sucht. Nicht so in Bremen: Die junge Regisseurin Vivien Hohnholz, die mit dieser Produktion ihre Abschlussarbeit am Theater Bremen herausbringt, geht zusammen mit der Dramaturgin Isabella Becker einen ganz anderen Weg. 

Das Telefon kommt zwar noch in Form eines relativ kleinen Handys gelegentlich vor, aber im Kern ist die Protagonisten - auf einer bis zu den Brandmauern offenen und ungeschmückten Bühne - gänzlich auf sich allein gestellt. Es geht weniger um ein Telefonat und eine daraus folgende Enttäuschung, sondern um das Durchleben und Verzweifeln der Einsamkeit nach einer Trennung. Diese Bewältigung dieser szenischen Abstraktion muss die Darstellerin alleine vollziehen. Niemand ist an ihrer Seite. Sie muss also die Trauerarbeit, das Loslassen und die Suche nach einer neuen Haltung selbst und in Einsamkeit leisten. Insoweit entfernt sich dieses Bremer Konzept auch von einem Monolog am Telefon hin zu einem vielschichtigen Selbstgespräch, in dem die Frau versucht, mit ihren Gefühlen einen für sich neuen, konstruktiven Weg zu beginnen.    

Das erfordert nicht nur gesanglich, sondern auch von der Darstellungsintensität eine außerordentliche Persönlichkeit. In Bremen ist dies Nadine Lehner, die sich mit der Rolle dieser einsamen Frau eine neue, eindrucksvolle Rolle erarbeitet hat. Nadine Lehner ist vertraut mit den großen Partien ihres Fachs, von denen sie viele als Mitglied des Bremer Ensembles in Zusammenarbeit mit namhaften Regisseuren in den letzten Jahren auf der Bühne dargestellt hat. Marie in Wozzeck, Kundry in Parsifal und die Marschallin im Rosenkavalierseien nur als Beispiele genannt. In ihrer weiten Palette von mimischen und gestischen Möglichkeiten hört sie in La Voix Humainein sich hinein und versucht neuen Boden unter den Füßen zu finden. Das ist über den gesamten Abend großartig gelungen. Man folgt dem Monolog mit Spannung. Die Intensität des Spiels lässt einen lange nicht los.

Der Modedesigner, Stylist und Kostümbildner Emir Medic hat für die Sängerin eine fließende, zwischen Hosenrock und langem Kleid changierende Robe entworfen, die sie in ihrem vielschichtigen Auftritt zwischen Verlassenwerden, Zweifel und neuer Hoffnung unterstützt.      

Während andere Häuser dieses Corona-bedingt nunmehr wieder häufiger gespielte Ein-Personen-Stück in der Orchesterfassung zu Gehör bringen, hat man sich in Bremen entschlossen, eine vom Komponisten selbst erarbeitete Klavierfassung zu Gehör zu bringen. Etwas nach hinten links versetzt steht ein großer Flügel auf der ansonsten leeren Bühne. Der Erste Bremer Kapellmeister Lillian Farrell begleitet, unterstützt, fordert von dort Nadine Lehner in ihrem Weg durch ihre verzweifelte Selbstfindung. Der speziell in den abgehackten Phasen - wenn zum Beispiel die Telefonleitung unterbrochen wird – oft spröde, rezitative, kammermusikalische Ton stellt dabei eine weitere Herausforderung an die Protagonistin dar. Nur selten öffnet sich das Klangspektrum hin zu einem lyrisch-melodischen Bogen. 

Das treue Bremer Publikum dankt Nadine Lehner, Killian Farrell und dem Inszenierungsteam mit starkem Applaus und bravi-Rufen.

Achim Dombrowski

Copyright: Jörg Landsberg

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