Uraufführung HEART CHAMBER in Berlin - An inquiry about love

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Deutsche Oper Berlin

Premiere der Uraufführung am 15. November 2019

Sehnsucht ist Angst

Chaya Czernowin legt mit HEART CHAMBER über einen Zeitraum von nunmehr rund 20 Jahren ihr viertes Bühnenwerk vor. Einige dieser Werke wurden bereits in der Partnerschaft mit Regisseur und Bühnenbildner auch dieser Produktion, Claus Guth und Christian Schmidt, für die Bühne realisiert, dazu gehört auch PNIMA ... INS INNERE (komponiert 1998/99) zur Thematik des Holocaust-Traumas, basierend auf der Novelle „Stichwort: Liebe“ von David Grossman.

In HEART CHAMBER gibt es keine durchgehend entwickelte Handlung, vielmehr werden Situationen und Emotionen zweier Personen - eines Mannes und einer Frau - gezeigt, die sich nach einer zufälligen Begegnung verlieben. In ihrer jeweils individuellen Prägung oder Sozialisation gefangen, reagieren beide Partner mit Sehnsucht, Zuneigung, Verwirrung, Verunsicherung und Angst. Der Frau sind optisch Elemente mit Naturbezug zugeordnet, dem Mann stadtnahe Elemente wie Architektur. Der Text stammt von der Komponistin selber und arbeitet lediglich mit einzelnen Worten und Begriffen, kaum je geschlossenen Sätzen.

Das Bühnenbild stellt einen wandelbaren Aufbau dar, der je nach Position der Drehbühne eine große Projektionsfläche für die Videokunst von rocafilm bietet oder einen streng gestalteten Bungalow mit Treppenkonstruktion zeigt, der wiederholt seinerseits durch Videoprojektionen wie in Auflösung erscheint. Die Szene ist zudem äußerst feinsinnig durch die Lichtregie von Urs Schönebaum ergänzt. Die Videoprojektionen zeigen zur Charakterisierung der Frau Naturerscheinungen, im Wesentlichen auch wiederholt das wuselige Erscheinungsbild von Insekten. Die bildhaften Erscheinungen, die dem Mann zugeordnet sind, umfassen Architekturmodelle, Ausprägungen erdachter und vom Willen zu erschaffender Formate. Allerdings dringen im Verlauf auch Ameisen in das Bild.  

Czernowin arbeitet bei HEART CHAMBER mit vielfältigen Ressourcen. Neben einem groß besetzten Orchester ist ein 16-koepfiges Vokalensemble integriert sowie das von der Komponistin aus vorangegangener Kooperation geschätzte Ensemble Nikel mit Percussion, E-Gitarre, Klavier und Saxophon. Weiterhin sind neben den vier Solisten auf der Bühne die Sopranistin und Multivocalistin Frauke Aulbert und der Kontrabassist Uli Fussenegger vor dem rechten Bühnenrand positioniert. Die live-elektronische Realisation und Klangregie meistert ein mehrköpfiges Team des SWR Experimentalstudio, welches über umfangreiche und langjährige Erfahrungen in elektronischer Musik- und Sounddesign-Gestaltung aller Art verfügt.

Durch den Einsatz elektronischer musikalischer Elemente, insbesondere von ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response), welches beim Zuhörer ein an der Kopfhaut beginnendes über den Rücken sich fortsetzendes Gefühl des Kribbelns auslöst, wird ein körperliches Klangempfinden hervorgerufen. Zusammen mit der hochabstrahierten, bruchstückhaften Handlung, einem nur mit Sprachpartikeln arbeitenden Libretto, den unwirklichen Videoprojektionen wird so eine psychedelische Traumatmosphäre kreiert, die den Zuschauer über die 90-minütige Dauer des pausenlosen, in englischer Sprache komponierten Stücks in Bann hält.

Wie auch in anderen Werken des zeitgenössischen Musiktheaters haben Licht, Videoprojektionen, der spezifische Beitrag von Personenführung und Regie nicht nur einen ausführenden, als vielmehr auch einen wesentlich stärker konstituierenden Anteil an der Kreation der Produktion, ja des Werkes selbst. Die Zusammenarbeit wesentlicher Teile des Produktionsteams hat insgesamt vier Jahre in Anspruch genommen.      

Die beiden zentralen Charaktere – die Frau und der Mann – sind nicht zu jung besetzt, jedoch mit starker persönlicher Ausstrahlung, um deren Sozialisierung und Prägung von vorneherein zu vergegenwärtigen. Die Frau wird von Patrizia Ciofi, der Mann von Dietrich Henschel verkörpert. Beide Sängerdarsteller meistern die vielfältigen gesanglichen Anforderungen beeindruckend. Ihr Spiel ist auf der Bühne und in den Videoeinspielungen überwiegend durch Darstellungen des Alltags geprägt: Gänge durch Treppenhäuser, auf Einkaufsstraßen etc. Außerdem wechselt die szenische Darstellung wiederholt in ein choreographiertes Zeitlupentempo, das zur Unwirklichkeit beiträgt. 

Die Herausforderung besteht darin, archetypische Gefühlsempfindungen in der Banalität der Alltagswelt aufzuzeigen, jedoch keine abgerundeten Persönlichkeiten, sondern nur die im menschlichen Wesen evozierten Gefühlswelten größter Zerbrechlichkeit anzudeuten. Jede Gefühlsregung der Zuwendung, jeder Ausdruck von Sehnsucht wandelt sich in Zurückweichen und Angst. Nach der ersten zufälligen Begegnung des Paares wird es unablässig durch Verunsicherung und Ängste wieder auseinander getrieben. Und doch überrascht der Schluss. Beide Partner begegnen sich in ungewohnter, im Stück sonst nicht vorhandener Ruhe und die Frau formuliert wie in einer Erfüllung: I love youbevor das Licht verlischt.

Mann und Frau werden jeweils durch ihre inneren Stimmen begleitet: die Kontra-Altistin Noa Frenkel für die Frau und Countertenor Terry Wey für den Mann. Die spezifischen Stimmlagen beider Protagonisten sowie deren schattenhaftes, ganz in Schwarz gewandetes Erscheinungsbild steigert die Abstraktion und Unwirklichkeit weiter.  

Die musikalische Gesamtleitung des vielfältigen Klangapparates wird vom Spezialisten für neue Musik Johannes Kalitzke zusammengehalten. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin ist in allen Stimmgruppen gefordert, immer wieder extreme Klangmodulationen ungewöhnlicher Art zu produzieren. Unüblicher Bogeneinsatz der Streicher sowie bis zur Unhörbarkeit herabgedimmte Töne stehen gewaltigen Ausbrüchen des gesamten Apparates gegenüber. 

Das Publikum folgt gebannt der Uraufführung und würdigte die Leistung aller Beteiligter mit lang anhaltendem Beifall und Bravorufen. Dieser galt sowohl auch nachhaltig dem Regieteam wie besonders herzlich auch der anwesenden Komponistin Chaya Czernowin.

Copyright Photos: Michael Trippel, Kontakt: mail@michael-trippel.de

Achim Dombrowski 

 

 

 

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