© Monika Rittershaus
Gioachino Rossini Tancredi Oper Frankfurt
Premiere 7. Juni 2026
besuchte Vorstellung am 20. Juni 2026
Hintergrund und Handlung der auf Voltaire’s Tragödie und dem Libretto von Gaetano Rossi fußenden Oper Tancredi sind durch eine nicht erklärte Vorgeschichte und holprige Übergänge unübersichtlich und in Teilen – zumindest aus heutiger Sicht - unerklärlich.
Die Oper Frankfurt zeigt die tragische Schluss-Fassung, die Rossini nur kurze Zeit nach der Uraufführung 1813 in Venedig speziell für Ferrara geschrieben hat – damals ein großer Misserfolg, verzichtet sie doch auf das übliche ‚lieto fine‘ – das happy end der Oper, wie es in seinerzeit üblich war. Diese Schluss-Szene wurde erst 1977 wieder aufgefunden und wird heute als die maßgebliche Version – weil näher an Voltaire – angesehen.
Die beiden Liebenden Tancredi und Amenaide haben sich heimlich ihre Liebe geschworen, werden aber voneinander getrennt. Amenaide lebt in einer fast ausschließlich von Männern bevölkerten, patriarchalischen und gewaltbereiten Welt. Zur Besiegelung des Friedens zweier verfeindeter Lager in dieser Männergemeinschaft verspricht ihr Vater Argirio seine Tochter dem Anführer der Konkurrenten zu verheiraten. Dieser Frieden ist fragil und kommt nur durch eine Bedrohung durch fremde Aggressoren von außen, gegen die man sich gemeinsam verteidigen muss, überhaupt zustande.
Ein anonymer Brief Amenaides an Tancredi wird abgefangen und als ein Verrat der Gemeinschaft an die Fremden missinterpretiert. Alle glauben, Amenaide liebt den Anführer der fremden Aggressoren - sie wird zum Tode verurteilt. Selbst ihr Vater steht hinter dem Todesurteil. Tancredi verteidigt sie, kann ihr aber selbst nicht mehr vertrauen. Er zieht in den Kampf und erfährt erst im Sterben, dass Amenaide ihn immer geliebt hat.
Speziell Amenaides Haltung, sich und ihren Brief nie wirklich zu erklären, ist in unserer Zeit der großen Transparenz schwer verständlich oder übersetzbar.
Und doch: Regisseur Manuel Schmitt zusammen mit Bernhard Siegl (Bühne) und Raphaela Rose (Kostüme), gelingt ein Szenario, das spannungsgeladene, aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreift. Die Männergesellschaft einer dörflichen Gemeinschaft trifft sich in ihrem Vereinshaus. Dort lebt sie ihre Macho-Rituale, dort schwört sie sich Treue, dort will der Vater Amenaide in die Zwangsehe schicken und dort wird über die vermeintliche Verräterin Gericht gehalten.
Schon während der Ouvertüre liefern sich zwei junge Männer einen quirligen Boxkampf. Unter sich immer neu produzierendem Testosteron bewegen, tänzeln, attackieren und kämpfen die Jung-Boxer eine Choreographie sowohl nach den Regeln des Boxsports als auch der rossinisch-musikalischen Rhythmik. Dieses Bild setzt den Ton der alles dominierenden Machowelt und vollbringt das Kunststück, einerseits die musikalisch eigentlich fremd neben dem Werk stehende Ouvertüre einzubeziehen, und andererseits eine zunächst spielerische, aber potentiell immer gewaltbereite Stimmung für den Rest des Abends unentrinnbar zu setzen.
Der Innendruck einer brüchigen Gemeinschaft, die Angst vor fremden oder internen Angriffen, letztlich der Krieg nach innen und außen schafft auch in anderen Momenten stets Situationen, in denen die Not der Protagonisten den Zuschauer geradezu physisch bedrängt. Der stimmlich-musikalische Ausdruck in diesen Szenen erhält zusammen mit dieser Bildhaftigkeit eine besondere, unschuldige Glaubhaftigkeit. Jeder Ziergesang wird zum tiefen Ausdruck menschlicher Emotion. Das gilt selbst in musikalisch unangemessen harmlos wirkenden Passagen, z B wenn Argirio vor sich selbst das Todesurteil für seine eigene Tochter begründet, geradezu beschwört. Dieser Vater kann der Blutsgemeinschaft seines Dorfes auf tragische Weise nicht entkommen.
Tatsächlich tauchen die Fremden („Sarazener“) letztendlich nie auf, aber Unsicherheit und Angst prägen und zerstören ganze Gemeinschaften. Der Zuschauer ist gezwungen, bei dem nicht immer folgerichtigen Ablauf oder den musikalisch z T schematisch wirkenden Strukturen die Inhalte mit eigener Phantasie aufzufüllen – leicht kann er sich dabei eine nach-demokratische Zukunft auch in Deutschland ausmalen – so wie es das Team um Schmitt für möglich hält.
Alle Sänger kommen aus dem Ensemble der Oper Frankfurt. Dabei stehen zwei grandiose Protagonistinnen im Vordergrund: Cláudia Ribas als Tancredi und Bianca Tognocchi als Amenaide.
Frau Ribas erklimmt mit ihrer ersten Rossini-Partie sogleich einen himmlische Höhepunkt. Eine geerdete, junge Mezzo-Stimme mit nachgerade unwirklich-sicherer Phrasierung und klanglich ergreifender Präsenz.
Bianca Tognocchi brillierte mit ihrem außergewöhnlich farbenreichen, jungen Sopran, der alle Schattierungen von Amenaides Hoffnung, Melancholie und Verzweiflung scheinbar mühelos und mit sensiblem Ausdruck Erblühen lässt.
Den beiden Sängerinnen gelingt ein ergreifendes Miteinander ihrer Persönlichkeiten und ausdrucksstarken jungen Stimmen. Sie wirken wie Zwillingsschwestern, deren hohe Sensibilität und Achtung füreinander zu einem außerordentlich beglückenden Hörerlebnis führen. Der so vermittelte musikalisch-emotionale Gehalt der frühen Rossini-Oper geht unter die Haut.
Die schwierige Partie des Vaters Argirio meisterte Theo Lebow mit passioniertem Einsatz und grandioser handwerklicher Beherrschung seines höchst flexibel geführten Tenors.
Kihwan Sim verkörpert die Rolle des Obrazzano mit allen seinen Hoffnungen auf Amenaida glaubhaft mit seinem souveränen und sicher geführten Bariton.
Die Isaura von Ruby Dibble als Mitglied des Opernstudios lässt aufhorchen und auf weitere Auftritte hoffen.
Herren des Chores der Oper Frankfurt, geführt von Manuel Pujol, singen und spielen mit viel Freude und kluger Italianità.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit Giuliano Carella, einem Belcanto-Spezialisten und Experten für das unbekannte Repertoire der italienischen Oper, spielt mit so ausgesuchter Eleganz, Delikatesse und Feinsinnigkeit, dass es den Maestro Rossini erfreut hätte. Die Begleitung der Sänger gelingt feinfühlig und tragend, die Orchestergruppen und auch Soloinstrumente entwickeln ihr eigenes, unwiederbringliches Leggiero.
Standing Ovation für Cláudia Ribas, Bianca Tognocchi und das Opern- und Museumsorchester mit Giuliano Carella, viel Applaus für alle weiteren Mitwirkenden.
Copyright: Monika Rittershaus
Achim Dombrowski
24. Juni 2026 | Drucken
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