Stockhausen der Tausend beim Holland Festival 2019

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Holland Festival 2019, Amsterdam

Karlheinz Stockhausen

AUS LICHT

Szenen aus LICHT – DIE SIEBEN TAGE DER WOCHE

Besuchte Aufführungen: 

2.  Juni 2019 (Zyklus 1, Teil 3) und 

4.  Juni 2019 (Zyklus 2, Teil 1)

Das Holland Festival ist das größte und älteste interdisziplinäre Kunst- und Musikfestival der Niederlande. 1947 gegründet geht es in die 72. Runde und stellt sein immer kreatives und herausforderndes Programm dieses Jahr auf drei Säulen: Mit William Kentridge aus Südafrika und Faustin Linyekula aus der Demokratischen Republik Kongo wird u. a. die unbekannte Geschichte hunderttausender afrikanischer Soldaten nachgezeichnet, die im ersten Weltkrieg gekämpft haben. Dabei stehen nicht-europäische, nicht-westliche Perspektiven und Sichtweisen im Mittelpunkt. Weiterhin werden aktuelle, künstlerisch-kritische Beiträge aus aller Welt präsentiert, u. a. aus dem Iran, Kolumbien und Frankreich. 

Die dritte Säule stellt eine Werkschau von Karlheinz Stockhausen der besonderen Art dar. Mit dem Oeuvre von Stockhausen (1928 – 2007) ist das Festival seit langer Zeit, auch schon zu Lebzeiten des Künstlers, eng verbunden. Verschiedene Opern und Szenen seines über 25 Jahre erarbeiteten, musiktheatralischen Opus Magnum LICHT – DIE SIEBEN TAGE DER WOCHEhatten beim Holland Festival Premiere. Dazu gehören SAMSTAG (1984), MONTAG (1988), DIENSTAG (1992), ORCHESTER-FINALISTEN (1996), welches vom Holland Festival in Auftrag gegeben wurde, sowie das HELIKOPTER-STREICHQUARTETT aus MITTWOCH (1996).  

Für Stockhausen kulminiert in dem über einen Zeitraum von 25 Jahren zwischen 1977 und 2003 geschaffenen Werk sein kompositorisches und künstlerisches Schaffen. Eine mythologische, inter-religiöse Weltsicht, die mehr oder weniger konkrete, auch exzentrisch-humorvolle Verarbeitungen der eigenen Biographie beinhalten. Wesentlich beeinflusst ist die Aura des Werke durch seine Begegnung mit asiatischer, buddhistischer Philosophie. 

Die künstlerische Gesamtstruktur des siebenteiligen Werkes ist geprägt durch die Kreation und vielseitige Verarbeitung von wiedererkennbaren musikalischen Formelkomponenten, die den handelnden Personen, bzw. Ideenträgern Michael, Eva und Luzifer zugeordnet sind. Sie werden in einer alle Teile des Werkes umfassenden Superformel zusammen gefasst. Große Bedeutung haben Anteile elektronischer Musik, bzw. elektronischer Tongebungen und -verzerrungen. In sein Konzept der szenischen Musik gehen neben dem vom Komponisten selbst kreierten Libretto, bis ins letzte Detail ausformulierte Anweisungen zu Bewegung, Tanz und weiteren Aktionen ein, wozu auch eine extensive Geräuschproduktion durch Schnalzen, Fingerschnippen, und andere Vokalkreationen gehören.     

Oft wird die Heptalogie mit der rund 100 Jahre früher geschaffenen, ebenso überbordenden Tetralogie Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner vergleichen, sogar als dessen philosophische Fortsetzung auf anderer Ebene bezeichnet.     

Nachdem der ursprüngliche Plan, sogar alle sieben Opern beim Holland Festival zur Aufführung zu bringen wegen der notwendigen, riesigen Ressourcen fallengelassen wurde, hat man sich für die Realisierung ausgewählter Szenen aus den sieben Werken entschieden. Diese Szenen werden in drei Tagen zyklisch zur Aufführung gebracht. Der Zyklus wird wiederum während des Festivals insgesamt je dreimal gezeigt. Noch nie wurde der gesamte Zyklus der sieben Tage komplett zur Aufführung gebracht. Die jetzt beim Holland Festival ausgewählte Szenenfolge dürfte eine der umfassendsten Realisierungen des Riesenwerkes überhaupt sein. 

Es handelt sich um ein Ko-Produktion des Holland Festival, De Nationale Opera, Amsterdam, Koninklijk Conservatorium Den Haag und der Stockhausen Stiftung für Musik sowie einer landesweiten Zusammenarbeit mit niederländischen Musikeinrichtungen, Chören und Kinderchören etc. Insbesondere die Studenten des Konservatoriums Den Haag konnten mit Künstlern, die zu den führenden Protagonisten des Werkes und sogar Familienmitgliedern von Karlheinz Stockhausen, wie den Söhnen Markus und Simon sowie seiner späten Muse Kathinka Pasveers arbeiten, die die Entstehung des Opus begleitet und beeinflusst haben. Es wirkten außerdem Studenten der Codarts Rotterdam und des Royal College of Music aus Manchester mit.    

Die Vorbereitungszeit zur Umsetzung des Projektes betrug insgesamt vier Jahre. Von den 29 Stunden Musik des Gesamtwerkes kommen rund 10,5 Stunden live zur Aufführung. Insgesamt wirken ca. 680 Menschen mit, davon rund 400 Künstler, davon wiederum 194 Studenten, 158 Chorsänger, darunter 62 Mitglieder von Kinderchören, weiterhin 54 Vokal- und Instrumentalsolisten. Auch der technische Aufwand des in wesentlichen Teilen auf elektronischer Musik beruhenden Werkes ist erheblich. Nicht weniger als 11 Synthesizer, 15 Kameras, 60 Quadratmeter LED Screens, 887 Meter flexible LED-Bänder, 120 Mikrophone, 4 Hubschrauber sind neben 412 Kostümen im Einsatz.   

Der Aufführungsort ist ein stillgelegter Gasometer mit über 60 Meter Durchmesser. Der Raum wird auch für Disko und U-Musik Events aller Art genutzt. Seine klangtechnischen und audiovisuellen Voraussetzungen sowie die runde Anlage des an die 1.000 Zuschauer fassenden Auditoriums stellen eine geniale Standortwahl dar. Pierre Audi zeichnet für diese Entscheidung sowie für die gesamte szenische Umsetzung zusammen mit Urs Schönebaum (Bühne und Licht), Wojciech Dziedzic (Kostüme) und Chris Kondek sowie Robi Voigt (Video) verantwortlich. In den überwiegend abstrakt gehaltenen und zurückhaltend choreographisch geführten szenischen Handlungen und Aktionen gelingt eine einmalige audiovisuelle, sphärische Atmosphäre, die einerseits die von Stockhausen kreierten Inhalte in allem Detail umsetzt, andererseits dem Zuschauer den eigen-kreativen Freiraum zur (Weiter-)Verarbeitung der Eindrücke in keiner Weise verstellt. An zwei Seiten des Raumes sind lichtunterstützte Aufbauten installiert, die von den Künstlern in unterschiedlichen Besetzungen auf verschiedenen Ebenen genutzt werden. Vier große LED Screens übertragen und vergrößern oder verfremden zudem Aktionen aus allen Teilen des Saales oder von außerhalb, so dass sie für den Betrachter stets sichtbar sind und ihn emotional in intensiver Form integrieren.       

Einen besonderen Beitrag leistet die Gruppe der Sound Designer und Ingenieure, die in meisterhafter Weise die kaum übersehbare Zahl der solistischen und chorbasierten Auftritte begleitet und im Sinne des Komponisten erhöhen, verfremden oder in anderer Weise stützen. Viele der Sänger/Innen und Instrumentalist/Innen sind dazu mit Mikrophonen ausgestattet.   

Die musikalische Gesamtleitung hat Kathinka Pasveer von der Stockhausen-Stiftung. Es ist unmöglich den beteiligten Künstlern gerecht zu werden; hier daher nur einige wenige Schlaglichter. In DONNERSTAG verarbeitet Stockhausen in der Szene MICHAELs JUGEND biographische Elemente seiner schwierigen Kindheit: den Figuren Michael, Eva und Luzifer als Ideenträger auch für die Kind-Mutter-Vater Konstellation sind die Instrumente Trompete (Christopher Collings), Bassetthorn (Denise van Leeuwen) und Posaune (Matias Varela) zugeordnet, die von Instrumentalsolist/Innen darstellerisch zusammen mit den Sänger/Innen auftreten. Weiterhin sind den drei handelnden Personen jeweils Tänzer/Innen (Emanuelle Grach, Ana Francisca Costa und Antoine Josselin) zugeordnet. Den Künstlergruppen gelingt eine bezwingende, auch überzeichnete Darstellung der Inhalte. Dazu gehört der Kriegstod des trinkenden Vaters, die Ermordung der als depressiv geltenden Mutter durch das NS-Regime in einem Tötungsheim. 

In bewundernswerter Disziplin und mit erschütternder Wirkung agiert allen voran Pia Davila als Eva/Mutter. Neben perfekter Stimmführung ihres Soprans erschüttert ihr Gestenspiel, das sie einerseits wie eine entrückte Mutterfigur wirken lässt und zugleich wie eine Heiligenerscheinung, gleichsam eine menschgewordene Verkörperung einer katholisch-traditionellen, bildhaften Mariendarstellung. Ihr zur Seite singen und spielen Georgi Sztojanov (Tenor) einen kindlich-verletzlichen Michael/Stockhausen und Macej Straburzynski (Bass) den starren, militärisch, unnahbaren Vater.             

Unter dem Dirigat von Adrian Heger kann im zweiten Akt MICHALs REISE UM DIE ERDE Jerome Burns mit umfangreichen, nachgerade artistischen Trompetensoli verblüffen. In diesem Teil des Werkes ist die handelnde Person Michael komplett auf den virtuosen Solo-Trompetenpart übertragen. Bemerkenswert weiterhin die Klarinettisten Daniele Zamboni und Bram Boesschen Hospers als komisch-verblüffendes Schwalbenpärchen, die ihre virtuosen Klarinettenparts in halbszenischem Spiel vor oder zwischen dem Orchester darbieten.     

Der DIENSTAG im Zeichen des Kriegsgottes Mars verblüfft durch eine Kriegsszene, in welcher verteilt über das große Auditorium und jeweils parallel übertragen auf den LED Screens sowie in dunkel-kriegerischer Beleuchtung  jeweils neun Trompeter und neun Posaunisten bei virtuosesten Instrumentalleistungen wie in einem Nahkampf aufeinandertreffen. Auch hier überzeugt wiederum Pia Davilas Sopran und der Bass Owain Browne als Gesangssolisten. Ivan Pavlov gibt einen zuletzt durchgeknallten Sythi-Fou am Synthesizer.

Der Nederlands Kamerkoor unter der Leitung von Jeffrey Skidmore gibt eine traumhafte, nicht unkomische Darstellung des WELT-PARLAMENT aus MITTWOCH (Tag der Versöhnung) und die jungen Damen des Pelargos Quartett steigen mutig und live übertragen in vier Helikopter, um während des Flugs über die Amsterdamer Industriehäfen das HELIKOPTER-STREICHQUARTETT darzubieten, nicht ohne abschließend mit ihren vier Hubschrauber-Piloten zum Interview in den Saal zurückzueilen. 

Aus SONNTAG schließlich versetzen di Cappella Amsterdam und der Leids Studenten Koor unter der Leitung von Daniel Reuss und Loedewijk van der Ree durch die ENGEL-PROZESSIONEN das Auditorium in Trance. Für diese Szene sind die Stuhlreihen im Auditorium kreisförmig zu einem runden Mittelpunkt angeordnet. Die Chöre und die vier Angel of Joy (Karen Motseri, Carina Vinke, Edward Leach sowie Agris Hartmanis) umkreisen die Zuhörer in ihrer Prozession mit einem in sieben verschiedenen Sprachen vorgetragenen, ätherischem Gesang und sinnlich-entrückter Choreographie.     

Diese grandiose Gesamtrealisierung bezeichnet zugleich Abschluss und Abschied Pierre Audis von Amsterdam, wo er über 25 Jahre ambitioniert, kreativ, risikofreudig und mit glänzender Kommunikation Intendant der Nederlandse Opera, sowie von 2004 bis 2014 gleichzeitig künstlerischer Leiter des Holland Festival war. Man ist nunmehr auf die Fortsetzung seiner Arbeit als Leiter des Festival von Aix-en-Provence gespannt.            

Das Publikum lauscht, sieht, fühlt und staunt in allen Altersgruppen mit offenem Mund und nachgerade kindlicher Neugier den fabelhaft umgesetzten audiovisuellen Darbietungen. Die Anerkennung für die künstlerische Leistung bricht sich nach jeder Szene in stehenden Ovationen Bahn.    

Die privaten Spendenbeiträge für das Projekt AUS LICHT betragen angabegemäß über EURO 1,3 Mio. Die Gesamtkosten für das Projekt sind das (Kultur-)Staatsgeheimnis Nummer 1 der Niederlande. Eine derartige Aufführung im Heimatland des Komponisten ist heute nicht denkbar. Aber dafür hat Deutschland die SCHWARZE NULL als das Opus Magnum zu bieten. Immerhin ist das Goethe Institut einer der vielen, ansonsten ausschließlich niederländischen Partner des Ereignisses. 

Achim Dombrowski 

 

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