Oper Frankfurt: Mazeppa - Tschaikowski und das Blut der Mafia

Xl_bild_2 © Xiomara Bender

Oper Frankfurt

MAZEPPA

(Peter I. Tschaikowski)

Premiere 13. September 2026

Besuchte Aufführung 1. Oktober 2026

 

Mazeppa war Anfang des 18. Jahrhunderts ein bedeutender Kosakenhauptmann im Gebiet der heutigen Ukraine. Im Laufe der Jahrhunderte ist die Figur in wechselnden politisch-sozialen Perspektiven wahrgenommen und beurteilt, bzw. von verschiedenen Parteien und Ländern vereinnahmt worden.

Der Regisseur Matthew Wild verzichtet bei der Inszenierung der gleichnamigen Oper von Peter Tschaikowsky auf konkrete geographische Bezüge. Er verarbeitet Beobachtungen und Erfahrungen aus seinem Heimatland Südafrika und vergleicht diese prägenden gesellschaftlichen Dynamiken mit Russland seit den 90er Jahren. Im Kern werden die Mafia-artigen Machtkämpfe und -strukturen der Systeme analysiert. Macht- und Geldgier, Misstrauen, Verrat und Mord werden mit dem Ziel nachvollzogen, die in solcherlei Dynamiken vorherrschenden Treiber und Brandverstärker für gewaltbereite, gesellschaftliche Konflikte und Katastrophen zu verdeutlichen.         

Mit den Videos von Bibi Abel sowie Bühne und Kostümen von Herbert Murauer entsteht eine Atmosphäre osteuropäischer Mafia-Filme der 2000er Jahre 

Auf einer erhöhten Fläche werden durch bewegliche Wände und Podien die Privaträume der Familie Kotschubej sichtbar, die unter Mazeppas Regime zu Wohlstand gekommen ist.  Das Volk ist demgegenüber ausschließlich unterhalb dieser Aktionsfläche positioniert. Es hat keinen Einfluss, kann nur zuschauen. 

Kotschubej ist der ergebene Gefolgsmann Mazeppas, bis dieser seine erheblich jüngere Tochter Maria begehrt, die ihrerseits bedingungslos in Mazeppa verliebt ist. Kotschubej will diese Verbindung beenden und verrät Mazeppa beim Klan-Chef (in der Oper: beim Zaren) wegen eines angeblich geplanten Umsturzes. Das geht nach hinten los. Maria muss mit ansehen, wie ihre Familie aus Rache grausam und blutig hingeschlachtet wird. Sie selbst erkennt ihre Verantwortung für die Weiterungen der kriegerischen Gewalt. Sie bleibt schließlich alleine, ihre Wahrnehmung verblasst zunehmend. 

Es handelt sich um die Übernahme einer Produktion der Tiroler Festspiele Erl aus dem Jahre 2024. 

Wild versteht die Geschehnisse zwingend und außerordentlich spannend - dazu mit einer sensiblen, einfühlsamen Personenführung - zu entfalten. Sukzessive wird der Betrachter von realitätsnahen und in ihren Motivationen nachvollziehbaren Sängerdarstellern in eine unbarmherzige Welt von Verrat und Rache gezogen. Ein sich langsam und qualvoll steigernder Grusel breitet sich angesichts der immer deutlicher hervortretenden Grausamkeiten aus.  

Ein nicht erklärbares Wunder vollbringt die Inszenierung, indem sie die düsteren Geschehnisse des Mafia-Kampfes bis hin zu einem Blutrausch bei der Ermordung der Familie von Kotschubej vollkommen in Einklang zu setzen versteht mit Atmosphäre und Geste der Musik Tschaikowskis. Möglich wäre ein clash der optischen und musikalischen Ästhetiken gewesen. Tschaikowski schreibt man eine solche grausame Wucht in seiner musikalischen Ausdrucksskala nicht ohne weiteres zu, auch wenn es sich um eine seiner düstersten Kompositionen handelt. Am Schluss, angesichts Marias zunehmender geistiger Verwirrung, mündet die Melodik in einen ersterbenden Schrei nach Erlösung.   

Das Dirigat und alle großen Solopartien werden von den Künstlern der Produktion in Erl bestritten. Kudaibergen Abildin gibt sein Rollendebut als Andrej, Marias vergeblicher, junger Liebhaber.   

Die Sänger und Sängerinnen sind geprägt durch einen starken slawischen Kultur- und künstlerischen Ausbildungshintergrund. 

Der Mazeppa von Petr Sokolov besticht durch seine verschlossene, undurchsichtige Gestaltung, die er auch in seine teilweise verhangene Stimmfärbung überführt. In seiner großen Solo-Szene, in welcher er über die problematischen und hochgefährlichen politischen Komplikationen seiner Liebe zu Maria reflektiert, wirkt er wie ein vom Kreuz tief gefallener, einsamer Getriebener. Sokolov weiß stimmlich und dramaturgisch sein gesamtes Darstellungsspektrum in Bestform als Sängerdarsteller zur Geltung zu bringen – eine phantastische Leistung. 

Der Kotschubej  von Alexander Roslavets steht nicht nach. Zunächst prangt sein stolzes, scheinbar unerschütterliches Standesbewusstsein, schließlich schleichen sich Zweifel, Nachdenken und die Angst über sein Schicksal immer stärker ein. Das entsetzliche Gefühl der Unausweichlichkeit des nahen Todes bringt er bezwingend zur Geltung.  

Nombulelo Yende als Maria spannt einen weiten Bogen von anfangs noch kindlicher Unschuld, sodann zweifelnd-liebender Frau und schließlich – in den Szenen ihrer Umnachtung – rührend-hilfloser, wiederum kindlicher Verletzlichkeit. Das Spektrum ihrer stimmlichen Differenzierungsfähigkeit scheint unerschöpflich. Ihre Darstellung ihrer Entrücktheit rührt zu Tränen.

Den Andrej weiß der junge, kasachische Kudaibergen Abildin klangschön und mit jugendlicher Emphase zu gestalten. 

Marias Mutter Ljubow wird von Karolina Makula zunächst als reife Frau mit Standesbewusstsein, schließlich mit steigender Unrast und Angst gegeben, der man zunehmend und bedrückend das Gefühl für die Unausweichlichkeit des bevorstehenden Schicksals ihrer Familie anmerkt.  

Mazeppas Gefährte Orlik wird von Jarrett Porter eindringlich gestaltet; wie Mephisto Faust versucht er Mazeppa im Augenblick der höchsten Not eiskalt von Maria zu trennen. 

Der Chor der Oper Frankfurt unter der Leitung von Manuel Pujol ergreift in seiner überlegenen Gesangskunst mit differenzierten Zwischentönen wie auch gewaltigen Ausbrüchen.  

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Karsten Januschke speilt zupackend, mit  Verve, Sinn für viele solistische Meisterleistungen und nicht zuletzt gewaltiger Durchschlagskraft in den dramatischen Ausbrüchen. In der Schluss-Szene der Maria wird die Sängerin subtil, empathisch und in anrührender Melodik begleitet und gestützt.  

Das Publikum folgt mit Spannung, wird bei einer Spieldauer von über vier Stunden allerdings auch stark in Anspruch genommen. Viel Applaus und bravi-Rufe für das gesamte musikalische Team.

 

Copyright: Xiomara Bender

Achim Dombrowski

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