Nach all den Absagen: Künstleragenturen in der Krise

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Was machen eigentlich Künstleragenturen und wie ergeht es ihnen in der Krise? Opera Online hatte Gelegenheit, mit Sabine Frank, Geschäftsführerin von Harrison Parrott – einer der größten Agenturen für Künstler der klassischen Musik in Deutschland – zu sprechen und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Die Corona-Krise zeigt vor allem eins: Es ist Zeit für Veränderung.

Die Künstleragenturen für klassische Musik decken ein außerordentlich breites Spektrum an Aufgaben für die Künstler und den Konzertbetrieb ab. Für Künstler, die meist eine lange Zeit – mitunter Dekaden –  mit einer Agentur verbunden bleiben, fungieren die individuellen Betreuer dieser Agenturen als Berater auf Augenhöhe, die den strategischen, über Jahre angelegten künstlerischen Entwicklungsplan mit erarbeiten. Bei jüngeren, unerfahrenen auch die Repertoireentwicklung anregen und begleiten. Das führt über die Jahre zu einer sehr vertrauensvollen, engen Zusammenarbeit. „Nicht selten wächst ein außerordentlich enges, familien-ähnliches Verhältnis. Der Kontakt ist intensiv und nicht selten wird mindestens zweimal wöchentlich gesprochen“, sagt Sabine Frank, Geschäftsführerin bei Harrison Parrott München.

Denn einerseits muss die Erweiterung des Repertoires je nach den persönlichen Potenzialen erfolgen, um nicht zum Beispiel komplexe Werke zu früh aufs Programm der Künstler zu setzen und ein Fachpublikum zu enttäuschen. Andererseits muss es für die erarbeiteten Werke realistische Auftrittsmöglichkeiten in Konzertsälen geben. Denn hier steht der Betreuer in der Künstleragentur genau in der Schnittstelle des Geschehens: Er spricht im Idealfall sowohl mit dem Künstler in der Wahl seiner Werke gemäß seiner Potenzialentwicklung wie auch mit dem Konzertveranstalter oder der Institution – wie zum Beispiel einem Orchester – die beispielsweise in ihren nicht vom jeweiligen Chefdirigenten betreuten Programmteilen sinnvolle, für das Publikum interessante Aufführungen suchen. Dadurch können thematische, auch mehrjährige Programmierungen zum Beispiel für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts entstehen, unter Umständen auch um das Werk bestimmter zeitgenössischer Komponisten

Wenn diese inhaltlichen Themen erarbeitet sind, entsprechende Verträge geschlossen wurden, ist die Arbeit aber noch nicht getan. Es folgt eine aufwändige, nicht zu unterschätzende, manchmal sehr kleinteilige Reiseplanung, die schon für den Einzelkünstler sehr komplex sein kann, von ganzen Orchestern ganz zu schweigen. Hotels und Flüge müssen gebucht, die immer komplizierter werdenden, und sich ständig ändernden Visa beantragt und rechtzeitig erlangt werden. Diese gesamte Vorbereitungszeit für die Planung ist in der Regel nicht unter 18 Monaten zu haben, bei Orchestertourneen wird deutlich mehr Zeit aufgewandt. Und das alles wurde im März dieses Jahres schlagartig gestoppt, ja, zerstört. Nicht nur, dass all die Arbeit für die nachfolgenden Auftritte umsonst war. Dazu kommt ein erneuter, nicht unerheblicher Aufwand für Stornierungen, Kostenrückerstattungen, Dokumentation und vieles mehr.  Sabine Frank berichtet von über 1.000 Absagen für die aus Deutschland organisierten Konzerte. Da die Agenturen nur durch einen Anteil an den Künstlergagen nach Zahlung partizipieren, fielen deren Einnahmen auf null.

Freiberufliche Künstler werden bei Ausfall der Konzerte in der Regel nicht entschädigt, so auch nicht die Agenturen. „Wir befinden uns in absoluter Existenzgefahr und überleben nur, weil ich mit meinem gesamten Team auf Kurzarbeit gehen konnte. Es wird ohne Zweifel zu einer Konsolidierung in unserer Branche kommen“, sieht Frank die Konsequenzen. Sehr wahrscheinlich ist weiterhin auch eine weitere Zusammenfassung der Wertschöpfungskette, indem örtlich Konzertveranstalter mit aktuell noch autonomen Künstleragenturen verschmelzen. Vermutlich ist die Unterstützung in Deutschland vielen, wenn nicht allen anderen Ländern gegenüber großzügiger. Dennoch wird in der Kunstszene wahrgenommen, dass die Kulturstaatsministerin schneller hätte reagieren können.  Nach der von ihr initiierten Regelung für die Entschädigung freier Künstler waren zunächst nur die Staatsbetriebe oder Organisationen mit Staatsbeteiligung, wie zum Beispiel die Bayreuther Festspiele, angehalten, in einem bestimmten Rahmen Entschädigungen zu leisten.  Aber schließlich diente dieser Schritt dann doch auch als Maßstab für die quälend langsam folgende Unterstützung durch die Länder.

Aber jetzt muss die Arbeit bei den Agenturen praktisch ein drittes Mal gemacht werden: Die Auftritte müssen erneut auf die Beine gestellt werden. Neubuchungen unter Unsicherheit, Vortasten im Hinblick auf die Möglichkeiten in der Zukunft. Werden wir im September wieder spielen können, was genau? Oder doch erst im neuen Jahr? Nur einige der Fragen, die jetzt tagtäglich erörtert werden. Hinzu kommt für die Agenturen der erhöhte Betreuungsaufwand für Künstler, die Orientierung suchen oder manchmal einfach nur ein empathisches Gespräch brauchen. „Alle Mitwirkenden der Szene stehen in dieser schwierigen Zeit zusammen.  Die Konzertveranstalter und Institutionen sind bereit, bereits geplante Veranstaltungen im ursprünglichen Konzept auf die folgenden Spielzeiten zu übertragen, was viele Aspekte der Logistik vereinfacht, wenn man denn endlich wüsste, wann, wie und welchen Schritten man wieder spielen darf“, betont Frank.

Gedanken zur Weiterentwicklung des Geschäftsmodells gab es schon vorher

Neben den Sorgen um die zukünftigen Möglichkeiten auf der Angebotsseite kommt  aktuell noch die Frage, wie schnell das Publikum zurückkehren wird. Nicht wenige Konzertbesucher gehören zur Risikogruppe des Corona-Virus, die meisten allein schon angesichts ihres fortgeschrittenen Alters. Nicht wenige fürchten, dass immer mehr Konzertbesucher durch das gegenwärtig überreichlich und oft kostenlose Online-Programm für klassische Musik potenziell an neue Hör- und Sehgewohnheiten gewöhnt werden und die Mühen und Kosten des Konzertbesuchs nicht mehr auf sich nehmen.

Haarrisse hatte das System schon vorher. Immer wieder wurde diskutiert, ob angesichts des sich auflösenden Kanons bürgerlicher Bildungsideale und schlicht des rapide steigenden Alters der Zuhörerschaft das Publikum nicht aussterbe. Hinzu kommt eine sukzessive von diesen Idealen „befreite“ Politikerschicht, die das eigene Erleben der klassischen Musik gar nicht kennt und zu schätzen weiß. Die Hinwendung zum Event und der Einbau von Kulturveranstaltungen als Unterhaltungsbonbon im Reisetourismus gewähren ebenfalls nicht automatisch die Förderung des Verständnisses und Urteilungskraft im Hinblick auf die Qualität des Dargebotenen. Daneben wird von allen Seiten, so auch von den Künstleragenturen, der Reisezirkus des prominenten Konzertbetriebs – mit Solokünstlern oder gar ganzen Orchestern – mit einmaligen Auftritten in einer Vielzahl von verschiedenen Städten in rascher Folge als ökologisch unangemessen beurteilt. Zum einen werden daher zunehmend Emissionszertifikate zum Ausgleich des CO2-Fußabdrucks erworben, zum anderen jedoch auch grundsätzlichere Änderungen in den Auftrittskonzepten erwogen.

Warum nicht Residenzen mit längeren Aufenthalten an einem Ort? Das würde das Kennenlernen eines Künstlers oder eines Ensembles in umfassenderer Form vor Ort ermöglichen. Neben den professionellen Auftritten in Konzertsälen wären so auch Veranstaltungen an alternativen, ungewöhnlichen Plätzen wie kleinen Kulturhäusern, Scheunen oder Schiffen denkbar, die ein deutlich niedrigschwelligeres Ambiente haben. Kooperationen mit Schulen des Ortes oder der unmittelbar umliegenden Region können klassische Musik zu Kindern und Jugendlichen bringen, die sonst nicht mit diesem Genre und schon gar nicht den Interpreten in Berührung kommen. Die Künstler müssen sich dann auf zusätzliche, geeignete Ansprachen an ihr Publikum vorbereiten. Sie müssen Wege für eine ansprechende, intensive Art der Kommunikation erproben und umsetzen. Einfach zum Instrument laufen, spielen und wieder abtreten reicht dann nicht mehr.

Durch ein Miteinander von Schulen, Kindern und Jugendlichen kann ein gemeinsames, neues Erlebnis vermittelt werden. Indem die jungen Zuhörer auch in die Vorbereitung, Organisation und Moderation eines Konzerts einbezogen werden, kann aktiv eine gesellschaftliche Teilhabe an dem Erlebnis vermittelt werden, das man selbst gestalten konnte. Harrisson Parrott hat zu diesem Zweck bereits vor längerer Zeit die Plattform polyarts gegründet sowie eine Stiftung, die sich um die Einbeziehung von Bildungseinrichtungen bemüht. Noch ein langer Weg – womöglich muss erst die Not der aktuellen Krise den Anstoß geben, ihn nunmehr mit Sieben-Meilen-Stiefeln noch schneller zu beschreiten.

Harrisson Parrott ist vor über 50 Jahren aus der Unzufriedenheit und produktiven Unrast über ein seinerzeit überholtes Verständnis von der Rolle der Künstleragenturen entstanden. „Diese kreative Unrast erneut zum Ausgangspunkt für die Zukunft zu machen, kann eine Chance sein, wenn denn die vorhandene Zeit und die Umstände dies in der schwierigen Situation heute noch erlauben“, bleibt Sabine Frank zuversichtlich.

Achim Dombrowski

Copyright Foto: Sabine Fank privat

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