Mosè in Egitto in kreativer szenischer Realisierung in Köln

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Zu bestimmten Zeiten seines Lebens produzierte Rossini Opern wie am Fließband. Nachdem Kirche und Staat die Aufführung von Opern in Neapel zur Fastenzeit verboten, unterwarf er sich zwar der Pflicht, biblische Themen zu verwenden und die Werke als Oratorien oder – wie im Falle des Mosè in Egitto – ‚Azione tragico-sacra‘ zu bezeichnen, schuf im Grunde jedoch ebenso wirksame Werke für die Opernbühne wie zuvor. Er konnte sich immer leicht mit den Sujetvorgaben identifizieren, solange dramatische Handlungskomponenten und eine ergreifende, obligate Liebesgeschichte den Rahmen für seine Musik stellten.

Doch wie will man heute Opernhandlungen in einer Mischung aus einer klassischen Liebesbeziehung sowie übergroßen religiösen Bildern wie die Darstellung der biblischen Plagen, die Flucht der Israeliten durch die Wüste und die Teilung des Roten Meeres sinnhaft auf eine Bühne bringen? 

Der Oper Köln ist das zusammen mit einer überzeugenden künstlerischen Partnerschaft aus dem Nachbarland Holland glänzend gelungen! Die junge niederländische Regisseurin Lotte de Beer hat sich mit dem Figurentheater Theaterkollektiv Hotel Modernaus ihrem Heimatland zusammengetan und unter Hinzuziehung von Christof Hetzer für Bühne und Kostüme sowie Alex Brok für die Lichtgestaltung ein perfektes Welttheater entworfen, das die kammermusikalischen Elemente der Handlung parallel zu den übergroßen religiösen Bildwelten kongenial umsetzte. 

Die Inszenierung kam ursprünglich bereits 2017 bei den Festspielen in Bregenz als Co-Produktion mit dem Kölner Haus heraus. Für die Aufführungsserie in Köln standen jetzt überwiegend neue Sänger auf der Bühne des Staatenhauses, des Ausweichquartiers der Kölner Oper während der problematischen Sanierung des Großen Hauses.  

Gearbeitet wird dabei im Grunde mit denkbar einfachen und klassischen Theatermitteln und drei Gestaltungsgrundsätzen. In den Szenen individueller menschlicher Begegnungen agieren die Protagonisten gleichsam traditionell auf der Bühne. Im Mittelpunkt stehen stimmlicher und gestalterischer Ausdruck der Sänger bei ihren schwierigen Partien. 

Eine zweite Ebene stellen die großen, oft hymnisch getragenen Chorszenen dar, bei welchen Herman Helle, Arlene Hoornweg und Pauline Kalker  als Mitglieder von Hotel Modernaktiv in die Handlung eingreifen und Solisten oder Chor zu bestimmten Tableaus wie aus den traditionellen Bildwelten von Gemälden des 19. Jahrhunderts arrangieren. Die Darsteller erstarren dann in Bewegungslosigkeit wie in einem Bild. Diese Arrangements wiederholen sich tendenziell dann, wenn Handlung und Musik stark auf die mechanischen Komponenten des Rossinischen Operntheaters zurückgreifen und seinerzeit bewährte Libretto-Versatzstücke zur Geltung kommen.    

Die dritte Ebene umfasst die Darstellung der großen Bildszenen wie die Plagen des ägyptischen Volkes sowie die Chorszenen, u.a. das Preghiera der Israeliten im dritten Aufzug oder die Teilung des Roten Meeres zum Ende der Oper. An diesen Stellen arbeiten die Mitglieder von Hotel Modernmit auf vor der Bühne positionierten Tischen und einfachsten Modellkomponenten wie z.B. Bausteinen oder Figurinen aus simpelsten Drahtkonstruktionen mit kleinen Gipsaufsätzen für die rudimentäre Visualisierung der Gesichter des betenden oder fliehenden Volkes. Diese Anordnungen oder Figuren werden dann mit Hilfe der Bildübertragung durch eine Handkamera auf eine im Hintergrund positionierte, große Weltkugel oder einen zwischenzeitlichen vorgezogenen Gazevorhang sichtbar gemacht. Die Teilung des Meers wie die zurückkehrenden Fluten werden über ein spezielles Holzkastenaquarium, welche vor den Augen der Zuschauer mit Eimerladungen von Wasser gefüllt und auf den Gazevorhang projiziert wird, zur eindrucksvollen Darstellung gebracht. 

Diese Konzeption macht die zugrunde liegenden traditionellen Geschichten- und Theatermechanismen des Werkes deutlich sichtbar und stellt deren Inhalte spielerisch und wertfrei zur Diskussion. Es gibt nicht die religiöse oder gesellschaftlich relevante Überhöhung oder eine Vorgabe durch eine wie auch immer geartete, heute möglicherweise veraltet wirkende Ethik. Die als dei ex machinaagierenden Mitglieder von Hotel Modern geraten in diesem Spiel offensichtlich selbst gelegentlich in einen Streit über die richtige Gestaltung und den Fortgang einzelner Erzählelemente. Auch auf dieser überhöhten Spielebene scheint es also keine unantastbaren Wahrheiten oder eine Einigkeit der Vorgehensweise zu geben.   

Wundersamer Weise geben in diesem Konzept dann Musik und Gesang sowohl den kammermusikalischen wie auch den Massenszenen erst besonderen Inhalt, Gehalt und Authentizität. Anrührend die Wanderung der Israeliten durch die Wüste. Die Kombination von Gesang und medialen Darstellungsmitteln lässt Gefahren und Leiden der Flucht von Menschen fühlbar werden. Vor dem Betrachter entstehen Bilder überzeitlicher Gültigkeit, die auch das Leiden heutiger Flüchtender vergegenwärtigt. Die Musik scheint dem zeitgebundenen Ausdruck der Rossinizeit zum Teil enthoben und muss sich auf der Plattform heutiger optisch-medialer Darstellungswelten neu bewähren.   

Dies gelingt auch deshalb so glänzend, weil sowohl die Solisten mit vielen Hausdebutanten wie auch der Chor der Oper Köln unter der Leitung von Andrew Ollivant das Konzept mit höchstem musikalischen Ausdruck und Können sowie außerordentlich viel Spielfreude umsetzen. Wunderbar Joshua Bloom in der Rolle des zweifelnden, von seiner Familie genervten Pharaos, der eine Vielzahl unterhaltsamer Buffo-Elemente einbringt. Makellos die Stimmführung des Bassisten mit sensiblem Gefühl für Dynamik und Tongebung dieser anspruchsvollen Partie. Ihm ebenbürtig Adriana Bastidas-Gamboa als seine Frau und gelegentliche Gegenspielerin Amaltea. Das problematisch über die Völkergruppen verliebte Paar geben der russische Tenor Anton Rositskiy als Osiride, Sohn des Pharao, sowie Mariangela Sicilia als Elcia, eine Hebräerin. Bewegend die scheue Trauer und die fein austarierte Linienführung bei der Klage und dem Ausdruck ihres Verzichts auf ihre Liebe im zweiten Akt. 

Ante Jerkunica gibt mit seinem gewaltigen Bass einen in Stimme und Erscheinung imponierenden Moses, dessen Charisma den Volksführer und -verführer glänzend repräsentiert. Sein durch viele große, fordernde Rollen diverser musikalischer Fachrichtungen nicht ganz unbelastetes Organ weist nicht immer eine ideale Kalibrierung für die erforderliche Feinheit und Flexibilität des Rossinigesanges aus, jedoch fügt sich die Gestaltung der Partie glänzend ins Konzept. Sunnyboy Dladla als Aronne sowie die beiden Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Oper Köln Young Woo Kim als Mambre und Sara Jo Benoot als Amenofi runden das Ensemble mehr als perfekt ab.  

Das Gürzenich-Orchester Köln unter der Leitung von David Parry spielte einen rhythmisch effektvollen, quirligen Rossiniton und begleitete die Sänger behutsam und liebevoll bei ihren in jeder Hinsicht anspruchsvollen Partien. Auch die in dieser Ausweichspielstätte problematische Positionierung des Orchesters auf der linken Bühnenseite meisterte das Ensemble unter Parry bravourös.    

Begeisterter Beifall und viele Bravorufe für alle Beteiligten von dem prächtig unterhaltenen Publikum.     

Achim Dombrowski

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