© Tanja Dorendorf
Hamburgische Staatsoper
Monster’s Paradise
(Olga Neuwirth)
Uraufführung am 1. Februar 2026
Tobias Kratzer, der neue Intendant der Hamburgischen Staatsoper schließt an die Tradition der Liebermann-Ära an: jedes Jahr soll es mindestens eine Opern-Uraufführung in Hamburg geben.
Dazu ist es dem Regisseur in seiner ersten Spielzeit gelungen, zwei österreichische Künstlerinnen mit großen Namen wieder für die Kreation einer zeitgenössischen Oper zusammenzuführen: die Komponistin Olga Neuwirth und die Autorin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Beide haben vor über 20 Jahren schon einmal im Operngenre erfolgreich zusammengespielt: Bählamms Fest und – basierend auf dem Film von David Lynch - Lost Highway stammen aus ihrer Feder. Die Werke wurden in nachfolgenden Produktionen erfolgreich an verschiedenen Theatern nachgespielt. Diese neue Hamburger Produktion entsteht in Kooperation mit dem Opernhaus Zürich und der Oper Graz.
Die Künstlerinnen haben sich das Genre eines Grand Guignol als Oper vorgenommen, eine Form wie ein verrücktes und brutales Kasperle-Theater, die populistisch unter Verwendung von Horrorszenarien oder anderen extremen Effekten sein Publikum fesselt: Monster’s Paradise.
In Monster’s Paradise bedroht ein an Donald Trump angelehnter König-Präsident die Menschheit; zusätzlich gerät die Welt durch Umweltkrisen außer Kontrolle.
Die zwei Vampirinnen Vampi und Bampi - sichtlich erkennbar als Komponistin und Autorin Neuwirth und Jelinek - folgen den wahnwitzigen Aktionen des Königs und seiner Lakaien hilflos durch eine aberwitzige Handlung, um schließlich auf einem Stück Holz mit Konzertflügel auf dem großen Ozean einsam und schutzlos dem Sonnen- und Weltuntergang entgegenzutreiben. Zwei Schauspielerinnen (Sylvie Rohrer, Ruth Rosenfeld) und zwei Sängerinnen (Sarah Defrise, Kristina Stanek) verkörpern gemeinsam beide Künstlerinnen und treten als Team auf.
Das Monster Gorgonzilla ist wie ein Gegenspieler des König-Präsidenten angelegt. Es wird von der Darstellerin Vanessa Konzok in Monster-Riesenkostüm und der – oft elektronisch verzerrten - Stimme von Anna Clementi vertreten.
Die Handlung ist so offen und grotesk, dass Jelinek die Sprache lieber mit vagen Andeutungen und Assoziationen gestaltet, anstatt ihr eine feste Struktur zu geben. Dadurch liefert sie vor allem klangliches Material für die Opernpartitur.
Die Musik von Olga Neuwirth beinhaltet eine nachgerade unendliche Formen- und Stilvielfalt. Zitate aus einer Vielzahl von Musikgenres und Epochen tauchen mitunter fast auch nebeneinander und übereinander auf und verlieren sich ebenso schnell in neuen Wendungen und atmosphärischen Klangelementen aller Art. Da fehlen weder Jazz- noch Filmmusik-Elemente. Den Schluss zur Weltendämmerung machen dann elektronisch verfremdete und verstimmte Klaviere mit der Musik Schuberts. Dazu spielten eigens die Pianistinnen Elisabeth Leonskaja und Alexandra Stychkina.
Regisseur Tobias Kratzer geht bei der Umsetzung der Groteske in die Vollen. Zusammen mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Rainer Sellmaier sowie der Videokunst von Jonas Dahl und Janic Bebi wandelt das Phantasiepersonal durch immer neue Nummern des Wahnsinns und zunehmend verzweifelter Ausweglosigkeit. Die in ihrer Bildphantasie und Phantastik schier unendlichen visuellen Einfälle folgen in raschem Wechsel und kommen der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne moderner, an den social media geprägten Zuschauern entgegen. Sie haben – wie immer bei Kratzer – einen für den Zuschauer unausweichlichen Sogcharakter.
Das Spektakel wird auch in die Foyers und Garderoben getragen, indem eine Reihe von Artisten und Zombies zwischen den Zuschauern das Publikum umschwirren.
Die Schauspielerin Charlotte Rampling wird wiederholt als Goddess in einer visuellen Erscheinung eingeblendet und äußert auf Englisch zutiefst menschliche Weisheiten.
Georg Nigl als König-Präsident hat nicht nur eine gesanglich anspruchsvolle Partie zu gestalten, sondern stattet die Figur zudem mit einem unendlich absurden und nicht enden-wollenden Grimassieren aus, das nicht selten auf eine riesengroße Leinwand übertragen wird. Eine Wahnsinns-Leistung des Sängerdarstellers und am Ende vielleicht auch der Zuschauer.
Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit der engagierten Leitung von Titus Engel brilliert in großer Besetzung mit den ungewohnten Klangwelten. Es wird wirkungsvoll zusätzlich mit Lucas Niggli am Drumkit und Seth Josel an der E-Gitarre ergänzt.
Bei aller Vielfalt und der teilweise faszinierenden Rhythmik der Bilder und Ereignisse sowie trotz der Vielschichtigkeit der Musik, verbleibt nach fast drei Stunden Aufführungsdauer am Ende ein Gefühl der Ermattung.
Mit all dem betriebenen Aufwand und dem hohen, gewissenhaften künstlerischen Anspruch tritt der inhaltliche Kern, nämlich die menschlichen Untergangsängste angesichts der Ohnmacht vor politisch-diktatorischen Bestrebungen und der Umweltproblematik, fast in den Hintergrund. Die Aufführung droht angesichts einer gewissen Überfrachtung der Mittel sich selbst zu relativieren.
Nicht selten sind ja aber Uraufführungen auch der Beginn eines work-in-progress: auch bei Jörg Widmanns Oper Babylon ist erst nach erheblichen Kürzungen in ihrer zweiten – in Berlin uraufgeführten - Fassung eine fokussierte künstlerisches Aussage gelungen.
Komponistin Olga Neuwirth äußert, dass Kunst immer eine Störnadel zur Realität sein soll, vielleicht geht ja dann doch noch etwas mehr.
Es gab langanhaltenden, teilweise begeisterten Applaus für alle Beteiligten. Frau Jelinek war bei dem Ereignis allerdings leider nicht sichtbar.
Achim Dombrowski
Copyright Fotos: Tanja Dorendorf
02. Februar 2026 | Drucken

Kommentare