Lisas letzter Albtraum

Xl_sonnambula_09_hfgimadievaschneidermanhutton © Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin

Vincenzo Bellini

La Sonnambula

Premiere am 26. Januar 2019

Eine Übernahme von der Oper Stuttgart

 

Lisas letzter Albtraum

Die Deutsche Oper Berlin übernimmt in der laufenden Spielzeit erneut eine an einem anderen Haus bereits zur Diskussion gestellte Produktion. Diesmal handelt es sich um die Aufführung des Jahres 2012 der Fachpublikation Opernwelt:La Sonnambula, von Jossi Wieler und Sergio Morabito, ursprünglich für die Stuttgarter Oper in Szene gesetzt. Wieler und Morabito haben mit überwiegend neuen Sängern – und insbesondere auch dem Chor des Hauses der Deutschen Oper - für diese neue Produktion intensiv gearbeitet und ein auf das Ensemble zugeschnittenes, weiter entwickeltes Konzept realisiert. Mit großem Erfolg.

Die 1831 von Vincenzo Bellini zusammen mit dem Textdichter Felice Romani auf einem Libretto von Eugen Scribe beruhende Handlung spielt in einem Schweizer Alpendorf, in welchem die Waise Amina ihren Bräutigam Elvino heiraten will. Nachdem der verschollene geglaubte Sohn des verstorbenen Grafen in das Dorf zurückkehrt, nähert sich Amina schlafwandelnd Rodolfo an und wird schließlich von den Dorfbewohnern in dessen Bett auf einem blutverschmierten Laken aufgefunden. Hier scheint sich eine alte Geschichte zu wiederholen: der Sohn des alten Grafen musste seinerzeit fliehen, nachdem er ein einfaches Mädchen, die Mutter Aminas, geschwängert hatte. Die Dorfbewohner glauben noch immer, dass infolge dieser Tat zur Geisterstunde eine rastlose Seele das Dorf durchwandert. Für alle steht unumstößlich fest, dass Amina ihren Elvino mit dem jungen Grafen betrogen hat. Elvino sagt sich von ihr los; er will die ihm zuvor verlobte Lisa heiraten. Der Graf beteuert, dass Amina unschuldig ist. Erst durch ein Kleidungsstücks Lisas im Zimmer des Grafen als weiteres Indiz kann Aminas Stiefmutter Teresa die aufgebrachte Situation beruhigen. Elvino heiratet Amina, Lisa verlässt fluchtartig das rückständige Dorf.  

Die Regisseure haben die Handlung aus der Nach-Freud-Perspektive beleuchtet. Amina durchlebt unbewusst das Schicksal ihrer Mutter. Sie fühlt sich wie diese im Dorf ausgestoßen und fremd. Am ehesten empfindet sie noch Vertrauen zum jungen Grafen, dem Verführer ihrer Mutter.Auch die Begegnungen mit Elvino sind unwirklich, das Paar kommt sich seelisch nicht nah. Beide leben eine für das rückständige Umfeld nicht untypische, durch eine frühe Schwangerschaft geprägte Beziehung. Das Regiekonzept denkt die Geschichte sogar noch weiter: nachdem Amina in ihrer körper-unbewussten, ahnungslosen Welt wie ihre Mutter vor der Ehe geschwängert wurde, verliert sie Blut, und später sogar ihr Kind.  

Erst durch die Heirat mit Elvino, immerhin der reichste Mann des Dorfes, kann sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Diese „Lösung“ bleibt brüchig und unsicher, zumal nicht klar wird, von wem sie das verlorene Kind empfangen hat. Amina, Elvino und die alte Dorfgemeinschaft werden den Gespenstern und Belastungen der Vergangenheit nicht entkommen. Nur Lisa, die ehemalige Verlobte von Elvino, durchbricht den Zyklus wie einen eigenen Albtraum und verlässt trotzig das Dorf, um sich in einer moderneren Welt zielstrebig einen Mann und eine andere Zukunft zu suchen.  

Die Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat wieder eine ihrer Wartehallen für das Leben umgesetzt, in der sich das beschränkte Dasein der Dorfbewohner im Kreise dreht. Wir blicken in das Treppenhaus eines alten Arbeiterhauses, das als Versammlungsort und Wirtschaft genutzt wird. 

Die Personenführung ist so sensibel wie bestechend, und mit jedem einzelnen Protagonisten individuell erarbeitet. Die Stiefmutter Teresa verkörpert das Sinnbild eines Menschen, der fortwährend sich selbst und andere, insbesondere Amina, als in irgendeiner Form unentwegt unangemessen agierendes Subjekt empfindet. Sie scheint niemals imstande, einen eigenen, selbstbewussten Auftritt im Leben vertreten zu können. Erst durch die große,  existentielle Not der Fehlgeburt macht sie sich – fast unerwartet - für ihre Pflegetochter vor den anderen Dorfbewohnern stark. Helene Schneidermann, die die Partie bereits in Stuttgart sang, ist die personifizierte Verkörperung der seelischen Unterdrückung, die das Umfeld prägt.

Venera Gimadieva als Amina vertritt in Stimmführung und Auftritt nicht allein nur sensibelsten und betörenden Ziergesang eines unschuldigen Mädchens. Ihr Ausdruck vermittelt auch die Präzision einer potentiell kritischen Selbstbestimmung, wäre sie nicht in ihrer Vergangenheit und ihrem Schicksal gefangen. Es ist faszinierend zu erleben, wie sie im Rahmen dieser Charakterstudie durch Stimmfärbung und -ausdruck die entscheidende Akzente setzt.   

Lisa ist Aminas Gegenbild – sie kann in ihrer sehr zielgerichteten Art und aus tiefster Ablehnung heraus den Teufelskreis, in welchem Amina gefangen ist, durchbrechen und die Verhältnisse hinter sich lassen. Alexandra Hutton überzeugt durch mustergültige Koloraturen und eine hohe Nervosität im stimmlichen Ausdruck und ihrem Spiel. 

Jesús León in der Rolle als Elvino gibt sein Debut an der Deutschen Oper. Der Sänger überzeugt durch wunderbare Gesangsbögen und stupenden Belcanto. Sein Ausdruck trägt Wunsch und Scheitern, sein Umfeld zu verstehen, in sich.   

Herausragend Ante Jerkunica als Graf Rodolfo. Es ist immer wieder erstaunlich, welche stilistisch unendlich erscheinende Bandbreite dieser Sänger zwischen u.a. Wagner, Mussorgski, Rossini und Bellini anbieten kann. Er präsentiert sich mit einer souveränen Lässigkeit, die seiner gesellschaftlichen Stellung und Intelligenz in der Oper entsprechen. 

Lisas nicht erhörter Möchtegern-Liebhaber Alessio wird in Stimme und Spiel glänzend von Andrew Harris gegeben.  

Mit großer Liebe ist auch jeder einzelne Charakter im Chor geführt. Jeder Sänger ist Teil der rückständigen und aufeinander bezogenen, verschlossenen Dorfgemeinschaft, spielt dies in Teilen mit skurriler Intensität, und auf jeden Fall mit größter Spielfreude. Die gesangliche Leistung des Chores unter der Leitung von Jeremy Bines lässt dabei keine Wünsche offen. 

Diese individuelle Personenführung von Ensemble und Chor, getragen von den entrückten, langen Melodiebögen Bellinis ermöglichen am Ende eine überzeugende Neudeutung, die wie aus der Tiefe der Empfindungen und Verletzungen der Akteure zu tönen scheint. Aus der sonst nicht immer aktuell erscheinenden Handlungsfolge der Textvorlage entsteht so ein Psychogramm eines bedrückenden sozialen Kosmos mit Kollateralschäden für viele der Beteiligten.

Dabei hätte die Premiere fast nicht stattgefunden: zur Hauptprobe hat der ursprünglich vorgesehene Dirigent Diego Fasolis hingeschmissen. Dem vor Beginn vor den Vorhang tretenden Intendant war der Grund nicht zu entnehmen. Aber es bleibt schon erstaunlich, was sich heute eine Künstlerseele an einem hochsubventionierten Haus noch immer leisten kann. Ob so etwas heute für die Karriere in dieser „industry“ wirklich ohne Bedeutung ist? Kann es sein, dass das ästhetische Konzept der Bühnenumsetzung Missfallen bewirkte? Das Regieteam Wieler/Morabito ist seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten für sein intellektuelles Theater bekannt und vielfach ausgezeichnet; aber vielleicht hat sich das zu Orchesterleitern mit Barockschwerpunkt noch nicht herumgesprochen.

Was immer also beim Premierenabend im Orchester oder in der Balance mit der Bühne gewackelt haben mag, ist dem mutigen Einspringer und Assistenten Stephan Zilias am Pult nicht anzulasten. Es gab aber auch gar nicht viel zu vermissen – und ohne relevante Erfahrung ist der junge Dirigent keineswegs. Vielleicht kann er ja gleich weitere Produktionen des abgängigen Meisters, auch andernorts, übernehmen.     

Großer, lang anhaltender Jubel für alle Beteiligten, nicht ohne die – wenn auch kleine -  Protestgruppe, die ihre Buhs beim Regieteam loswerden musste. 

Achim Dombrowski

Copyright Fotos: Bernd Uhlig

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