© Reinhard Winkler
Landestheater Linz
Katja Kabanova
(Leoš Janáček)
Premiere 26. April 2026
Peter Konwitschny hat am Landestheater Linz in den letzten Jahren die Janáček-Opern Jenufa, Die Sache Makropulos, Aus einem Totenhaus und Die gerissene Füchsin erarbeitet. Die Oper Katja Kabanova basiert auf dem Drama Gewittervon Alexander Ostrowski. Die aktuelle Produktion wird in deutscher Sprache gegeben. Zusammen mit Christoph Blitt hat Peter Konwitschny eine neue Textfassung erstellt. Nach einer Idee von Konwitschny selbst hat Karin Waltenberger die Bühne künstlerisch umgesetzt und die Kostüme gestaltet.
Die Szene ist geprägt durch einen physisch und optisch dominierenden, zersplitterten Kirchenraum, der keinen Ausweg zulässt. Mannigfaltige Insignien der christlichen Kirche sind sichtbar. Der Raum ist umgeben von einem in der Anmutung zerfallenden Friedhof und auch ein Arbeitsraum des Gotteshauses wird durch Drehung der Bühne wiederholt sichtbar.
Darin gehen – oder besser stolpern – alle Akteure der Handlung. Die gewaltigen, einschüchternden Symbole erzeugen unmittelbar Unsicherheit, ja Angst. Sie werden kalkuliert als übermächtiger Ausdruck der Kirche, des Staates, des Patriarchats wirksam und erzeugen so Schuldbewusstsein.
Die Handlungen der Vertreter der Gesellschaft mutieren zeitweise durch aberwitzige Gestik und übergroße Perücken zu dunkel-skurril-bedrohlichen szenischen Bildern, die nicht weit von einer Schwarze Messe entfernt sind.
Katja ist dem hilflos ausgeliefert. Wenn sie eine liebende Zuneigung zu Boris entwickelt, ist sie zunächst nicht mehr als eine schuldbewusste Seele, die vom ersehnten, charakterlich schwachen Partner schnell wieder allein gelassen wird, äußerlich durch eine Geschäftsreise nach Sibirien. Aber sein Wille für eine Bindung an Katja ist ohnehin nur schwach.
Zuvor durften die Liebespaare Katja-Boris und Barbara-Wanja noch in einer schrill-bunten, abgehobenen Liebesszene mit Hilfe von farbigem Theaterspuk für einen Moment bei derer gemeinsamen Liebesgesang in den Bühnenhimmel entschweben.
Aus den weiter verdüsterten und unwirklichen Bildern tritt Katja zunehmend innerlich-leuchtend, äußerlich in einfachem weißen, schlichten Kleid hervor. Mit zunehmender Ruhe begegnet sie ihrer Realität, geht ihrem Schicksal entgegen. Anders als in der Textvorlage stirbt sie nicht in der Wolga, sondern verlässt langsamen, bestimmten Schrittes, in unschuldigem Weiß, für alle sichtbar die Szene und bahrt sich selbst auf dem Altar der Kirche auf.
Konwitschny lässt das Drama im Heute spielen. Katja ist nicht bereit, weiter in einem sinnlosen Leben zu verbleiben. Auch in den kirchlichen Symbolen, oder gar der Institution der Kirche sieht sie keine mögliche Erlösung. Ihr Opfer unter einer patriarchalischen, engen, sich nicht-entwickelnden Gesellschaft vollzieht sich optisch-szenisch hinter dem Rücken der anderen Personen. Diese scheinen Katja gar nicht zu bemerken. Also wird sich auch nichts ändern, ihr Tod dient nur ihr selbst.
Konwitschny bringt diese Ausweglosigkeit für Katja nicht zuletzt in seiner differenzierten, jedoch stets klaren, und emotional bewegenden Personenführung klar zum Ausdruck.
Carina Tybjerg Madsen als Katja ist der musikalische Höhepunkt des Abends. Die helle und bewegliche Sopranstimme der Sängerin ist in stupender Technik und ihrem warmherzigen Ausdruck eine Idealbesetzung für die Titelpartie. Ihre schauspielerische Klarheit bei aller Zurückhaltung verschafft ihr auch szenisch eine einmalige Präsenz und emotionale Überzeugungskraft im Ausdruck.
Tichon Kabanoff wird in seiner armseligen Haltung darstellerisch beklemmend von Christian Drescher verkörpert. Der Sänger bleibt der Partie musikalisch - trotz seines rollenbedingten, heftigen Chargierens - nichts schuldig.
Michael Wagner als Dikoj gibt den tumpen, gern besoffenen, noch lieber gewalttätigen Kaufmann und bigotten Liebhaber der Kabanicha mit ausdrucksstarker Stimmgestaltung und überzeugendem Spiel.
Der Boris - Katjas kurzfristig erträumter Liebhaber - wird von Matjaz Stopinšek überzeugend dargestellt. Er beherrscht genau die Gratwanderung zwischen dem Schmelz seines verführerischen Tenors und einer schwachen Persönlichkeit, die Katja weiter desillusioniert und sich vom Leben abwenden lässt.
Clarry Bartha als Kabanicha steht demgegenüber zurück. Weder stimmlich noch darstellerisch wurde die Chance optimal genutzt, diese herrische Kaufmannswitwe als weibliches, verhärtetes, verletzendes, bigottes und ausgerechnet weibliches Epizentrum einer zutiefst patriarchalisch geprägten gesellschaftlichen Struktur aufleben zu lassen.
Der Chor des Landestheater Linz mit der Leitung von Elena Pierini überzeugte stimmlich und konnte den Sog der Gruppenszenen physisch eindringlich zur Geltung bringen.
Das Bruckner Orchester Linz unter der Leitung seines Chefdirigenten Markus Poschner spielte hellwach und klangschön. Musikalische Stimmungswechsel, intrikate Solo-Aufgaben aller Orchestergruppen wurden hörbar und erzeugten von Anbeginn der Vorstellung einen nicht nachlassenden, atemberaubenden Spannungsbogen, der den Zuschauer bei der pausenlosen, rund 100-minütigen Vorstellung keine Sekunde aus der Spannung entließ.
Lang anhaltender Applaus für alle Beteiligten, auch Peter Konwitschny und Karin Waltenberger als Regieteam. Stürmische Bravorufe und stehende Ovationen für die Katja der Carina Tybjerg Madsen.
Achim Dombrowski
Copyright Foto: © Reinhard Winkler
30. April 2026 | Drucken

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