Krimi-Oper auf dem englischen Land

Xl_garsington_opera_the_skating_rink_alice_poggio__nuria_skater__credit_john_snelling

The Skating Rink

von David Sawer

Welturaufführung am 5. Juli 2018 als Auftragswerk der Garsington Opera at Wormsley 2018 

Besuchte Aufführung: 16. Juli 2018 

Das Sommer-Festival der Garsington Opera unweit von Oxford feiert 2018 seine 30. Saison. Die Aufführungen finden im Wormsley Estate statt, dem Landsitz des britischen Unternehmers Mark Getty. Etwa 65 Kilometer vom Stadtzentrum von London entfernt, besitzt die Initiative seit 2011 einen eigenen Pavillion mit über 600 Plätzen zur Aufführung von Opern, der in seiner lichten, stark mit durchsichtigen Materialien gestalteten Architektur ein besonderes Innen-Außen-Erlebnis vermittelt. Die Aufführungen beginnen am frühen Abend und müssen bei der Lichtgestaltung die Effekte der untergehenden Sonne miteinbeziehen. Jedes Jahr werden mehrere Neuproduktionen gezeigt. 2018 kommen unter anderem Die ZauberflöteCapriccio und Falstaff auf die Bühne. 

Die Organisation legt in Projekten einen speziellen Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit mit Jugendlichen, die in Gesangsworkshops oder speziellen Aufführungen für Jugendliche und Kinder einbezogen werden. Ein anderer Aspekt der Learning and Participation Programme ist die Arbeit mit Patienten mit Schlaganfall oder anderen schwerwiegenden Erkrankungen.   

Seit Gründung des Festivals bietet es insbesondere jungen Bühnenkünstlern zu Beginn ihrer Laufbahn Auftrittsmöglichkeiten und stellt ein Sprungbrett zu Engagements an großen Häusern dar. Mit dem Alvarez Young Artists‘ Programme werden außerdem junge Sänger in der Ausbildung zu workshops und Aufführungen eingeladen. In diesem Jahr hat man aus 550 weltweiten Bewerbungen 33 Sänger zu dieser Initiative versammelt.

2018 wird außerdem eine von der Garsington Opera in Auftrag gegebenes Werk, The Skating Rinkvon David Sawer uraufgeführt. Basierend auf der Novelle von Roberto Bolano hat der Librettist Rory Mullarkey eine wahrhafte Krimihandlung geschaffen, die David Sawer vertont hat. Sawers Stil mit vielen fließenden harmonischen Wandlungen, vielfach gebrochener Rhythmik und  raffinierter Instrumentation unter anderem mit Celesta, Sopransaxophon und Charango, einem der Ukulele ähnlichen Instrument, entspricht der teilweise unwirklichen Handlung, die in einem Strandort nördlich von Barcelona spielt.     

Auf einem Campingplatz kreuzen sich die Wege zweier vagabundierender Frauen, Carmen und Caridad mit dem Wächter des Platzes, Gaspar, der vom Eigentümer des Grundstücks, Remo, aufgefordert wird, die beiden Frauen zu vertreiben. Parallel begegnet die Eiskunstläuferin Nuria, die wegen geplanter Budgetkürzungen um ihre Trainingsmöglichkeiten bangt, dem Beamten Enric, der vor Verzückung angesichts Nurias Anmut aus eigenen Stücken der Eiskunstläuferin eine Eisbahn baut und dazu öffentliche Gelder entwendet. Als Details der Unterschlagung ans Licht dringen, kommt es zu Erpressungsversuchen und einem Mordfall, der am Ende der Oper durch ein unerwartetes Geständnis gelöst wird. Die Handlung wird in drei Akten aus jeweils der individuellen Perspektive von Gaspar, Remo und Enric erzählt. Dabei verwenden Textdichter und Komponist nicht selten eine direkte Ansprache des Publikums durch die handelnden Personen. Erstaunlicherweise mindert dies nicht den Charakter der Zufälligkeit und Unwirklichkeit, die die Handlung vermittelt. Am Ende stehen die Menschen, die sich hier zufällig begegneten, alleine da und haben allesamt einen Verlust erlitten, ohne dass jeweils ein nachvollziehbarer Grund dafür gegeben ist.

Diese Grundkonstellation hat der Regisseur und Bühnenbildner, zusammen mit der Kostümbildnerin Hyemi Shin aufgegriffen und glänzend umgesetzt. Vor einem bunten Streifenvorhang, der einerseits das Ambiente des Campingplatzes aufleuchten lässt, andererseits vor allem durch seine vage Form eine gewisse unkontrollierte Durchlässigkeit des Umfelds evoziert, werden die wenigen Aufbauten, wie das einfache Büro von Remo durch Verschieben von der Seite in die Mitte der Bühne verbracht. Die weiteren Versatzstücke vermitteln vor allem die Atmosphäre eines Provisoriums, das keinesfalls so fröhlich ist wie die äußere Haltung der Akteure und die bunten Farben es erscheinen lassen. Das gilt insbesondere auch für den zeitweise als Eisfläche dienenden Bühnenboden, der nicht wenige Protagonisten ins Schlingern bringt.   

Die Lichtregie von Malcolm Rippeth konnte im ersten Teil das Tageslicht geschickt in die Handlung einbeziehen und später die richtigen zwielichtigen Akzente bei der sich zuspitzenden Handlung setzen.      

Die überwiegend jungen, am Anfang ihrer Laufbahn stehenden Sänger sind durchweg großartig besetzt. Dies beginnt mit Sam Furness als Gaspar, der mit seiner Sichtweise der Handlung den ersten Akt grandios mit seiner kraftvollen und modulationsfähigen Tenorstimme bestimmt. Ben Edquist als Remo kann mit einem kantablen und spielschönen Bariton ohne Probleme gleichziehen. Nicht weniger überzeugend und ausdrucksstark gestaltet Grant Doyle die teilweise skurrile Figur des Enric und Alan Oke kann in der schrillen Partie des Rookie stimmlich und darstellerisch eindrucksvoll gestalten.

Stimmlich anmutig und darstellerisch mit kluger Zielstrebigkeit findet Nuria ihren Weg, um einerseits ihren vom Wege abgekommenen Geldgeber zu beeindrucken und andererseits eine Liebesaffäre mit dem Besitzer des Campingplatzes zu starten. Das Ensemble der Frauen wird durch Susan Bickley als Carmen und Claire Wild als Caridad als sehr unterschiedliche Charaktere, aber Freundinnen auf dem Weg ihrer unbestimmten Wanderschaft abgerundet. Auch Louise Winter als Bürgermeisterin sowie der Karaokesänger Steven Beard können vollumfänglich überzeugen. Hervorzuheben ist auch die stumme Rolle der Eiskunstläuferin und Nuria Doubles Alice Poggio. Es gelingt vor allem durch die jungen Künstler ein außerordentlich gelungener Opernabend, wobei es spannend sein wird, zu verfolgen, wohin der Weg die jungen Sänger noch führen wird.     

Das Garsington Opera Orchestra unter der Leitung von Garry Walker meistert die durch ihre flirrende Rhythmik und vielen Klangfarben nicht leichte Partitur mit Bravour. Ganz offensichtlich hilft hier eine gewisse, nicht unerhebliche Erfahrung mit dem Werk Brittens weiter.

Das Publikum feiert das Ensemble herzlich, einschließlich des ebenfalls anwesenden Komponisten.

Die Garsington Opera ist auch eine Reise aus Deutschland wert.

Achim Dombrowski

| Drucken

Kommentare

Loading