Komische Oper Berlin: Reimann Lear - eine große Aufführung - eine unerträgliche Aufführung

Xl_13834_lear_bk_kob_306 © Monika Ritterhaus

Komische Oper Berlin

 

Lear

(Aribert Reimann)

 

Premiere am 16.09.2026

Die 1978 in München als Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper uraufgeführte Oper Lear von Aribert Reimann (1936 – 2024) gehört nicht nur neben Bergs Wozzeck und Zimmermann Soldaten zu den bedeutendsten Werken der Oper des 20. Jahrhunderts, sondern hat mit mindestens 40 Inszenierungen nach der Uraufführung eine für zeitgenössische Opern außerordentlich hohe Nachspielquote.  

Reimanns langjähriger Freund Dietrich Fischer-Dieskau hat den Künstler dazu bewogen, dieses Werk anzugehen und erfolgreich zu vollenden, dessen Vorlage von Shakespeare viele andere Komponisten über Jahrhunderte gereizt hat, die aber letztlich die Umsetzung angesichts der Düsternis des Sujets gemieden haben. Dazu gehörte auch Giuseppe Verdi, der immer wieder über seinen Re Lear nachgedacht hat, ohne sich zu einer Komposition zu entschließen. Auch für Reimann selber war die Schaffensperiode eine anspruchsvolle und psychologisch belastende Zeit, obgleich der Komponist bereits andere Opern verfasst hatte und durch eine Neigung zu düsteren Sujets und Todesfatalität charakterisiert ist.

Die Komische Oper ist mit dem Werk lange  vertraut. Vor dieser Neuproduktion vom ehemaligen Hausherrn Barrie Kosky, kreierte Harry Kupfer die Erstaufführung des Lear in der DDR 1983. Danach folgte Hans Neuenfels in einer Produktion im Jahre 2009.

Das Regiekonzept von Kosky im Team mit der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst sowie den Kostümen von Klaus Bruns zwingt die vielen, nachgerade physisch schmerzhaften Ton- und Clusterstrukturen der Partitur in eine ebenso archaische und in den Ausmaßen riesige Bühnenlandschaft im Hangar 4 des Tempelhofer Flughafens. Gerade ausgerechnet dort, wo die Komische Oper im letzten Jahr die Spielzeit kontrastierend mit Jesus Christ Superstar eröffnet hat. 

Die Struktur des Riesenbauwerks wirkt für sich. Jeder Besucher, der den Spielort betritt, wird unweigerlich durch die Wucht der Architektur und die unvermeidliche, inhärente geschichtliche Verbundenheit des Komplexes gefesselt und gewissermaßen derart auf die Inhalte von Gewalt, Betrug, Mord und Untergang eingestimmt.   

Das umfangreiche Orchester mit riesigem Klangapparat ist auf der einen Seite des komplett offenen, riesigen Feldes von nackten Podien platziert. Die Crew von nicht weniger als sieben Schlagzeugern mit ihrem immensen Instrumentenapparat auf einem Gerüst gegenüber.

Das Publikum auf ansteigenden Sitzreihen an den Querseiten des immensen Quaders. 

Das Bühnenbild von Rebecca Ringst besteht aus nackten, riesigen Podien als Spielfläche nebst eines riesigen, beweglichen Stegs, der von der einen Seite zur anderen der Fläche bewegt wird, in seiner Bedrohlichkeit wie ein riesiges Messer wirkt und nicht wenige Tote des Gemetzels im weiteren Verlauf mit sich trägt.  

Die Interaktionen auf der Bühne wird zunächst durch eine geordnete Personenaufstellung in strenger Reihung, mit sparsamer Lichtkonfiguration von Olaf Freese und durch eine holzschnittartige Personenanordnung geprägt. Die Kostüme von Klaus Bruns spiegeln zeitlose Alltagskleidung gesellschaftlicher Repräsentation, Uniformen und Khaki-Feldanzüge.

Diese Archaik wird durchbrochen, wenn es zu Ausbrüchen menschlichen Hasses, von Drohungen, Wahnsinn und bestialischem Mord kommt. Wenn die Welt schon taumelt, zunehmend kein Halten im menschlichen Wahnsinn möglich ist, schickt Kosky eine ziellos in abenteuerlicher Verkleidung irrende Gruppe von Verzweifelten über die Fläche. 

Die Musik ist gekennzeichnet durch massive, extreme Klangballungen, extensive Clustertechnik sowie eine exaltierte, sprunghafte Führung insbesondere der hohen Sopranlagen. Der Klangapparat wird zunehmend Ausdruck der Naturgewalten, gegen welche Menschen ankämpfen. Naturgewalten, die jedoch auch durch menschliches Handeln auszubrechen scheinen, sich gegenseitig durchdringen. Unentrinnbarkeit bestimmt das menschliche Schicksal.

Kosky gesteht seinem Publikum in der zweieinhalb-stündigen Aufführung keine Pause zu.  

Zunehmend einsam, physisch und psychisch immer nackter bewegt sich der Lear von Scott Hendricks mit rudimentären, letztlich ersterbenden Gesten durch Abgründe, Gewalt und Mord mit schuldhaft-schicksalhafter Hilflosigkeit seinem Tod entgegen. Die Leistung des Sängerdarstellers kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. 

Brenton Ryan als Edmund, die Goneril von Rosie Aldridge sowie Regan von Nicole Chevalier  bilden unter schwierigsten gesangstechnischen Anforderungen die drei krassesten Charaktere der menschlichen Entartung. Nicole Chevalier verkörpert in der Mordszene an Gloster den Höhepunkt entmenschlichter Grausamkeit – nur eine Charakterdarstellerin wie diese große Sängerin mit ihrer Erfahrung u. a. als Reimanns Medea in 2017 am selben Haus kann eine solche Grauenhaftigkeit des Abgrunds noch so authentisch wie unerträglich auf einer Bühne überhaupt zur Darstellung bringen.      

Das Trio um die Cordelia von Penny Sofroniadou, Edgar – später Bettler Tom -  von Aryeh Nussbaum Cohen sowie der Narr der Schauspielerin Dagmar Manzel – personifizieren und singen einen Hoffnungsschimmer für die Menschlichkeit.

David Cavelius leitet sowohl die Chorsolisten der Komischen Oper und das Vocalconsort Berlin in eisiger Prägnanz.

Die erstaunlich ausgeglichene Ton- und Klangbalance mit Mikrofon-Unterstützung bei den Sängern (Sounddesign von Holger Schwark) und mit dem gewaltigen Schlagzeugapparat einerseits sowie dem Orchester andererseits bleibt in seinem grandiosen Gelingen ein Geheimnis der beteiligten Akteure. Das grandiose Engagement von Nicholas Carter mit dem Orchester der Komischen Oper Berlin schöpft aus der Erfahrung mit anderen Produktionen des Werkes, die man schon begleiten konnte. 

Das Publikum wertschätzt die immense künstlerische Verausgabung des Teams und applaudiert mit vielen Bravos heftig trotz der eigenen Erschöpfung. Wie wohl Reimann selbst das empfunden hätte ?  Kam er doch nicht selten und gerne zu den Aufführungen seiner Werke – wie in Berlin noch 2017 zu seiner Medea.  

 

Achim Dombrowski

Copyright:  Foto: Monika Rittershaus

 

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