Kein Märchen in der Hamburger Staatsoper

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Hamburgische Staatsoper

Märchen im Grand-Hotel

Musik von Paul Abraham

Premiere am  13. September 2020

Paul Abraham war in den 30er Jahren einer der erfolgreichsten Operetten, Schlager- und Filmkomponisten Europas. Am bekanntesten ist vielleicht noch immer sein Hit Die Blume von Hawai. Eine wilde Karriere nahm in Berlin ihren kometenhaften Aufstieg. Der jüdisch-ungarische Komponist arbeitete exzessiv und jagte wie eine Getriebener von Komposition zu Uraufführung, Dirigaten und Premierenfeiern.  

Abraham musste 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen und ging zurück nach Budapest, wo noch immer Aufführungsmöglichkeiten bestanden. Hier wurde auch noch manche neue Operette von Ihm uraufgeführt, aber einige Jahre später verließ der Künstler notgedrungen auch Ungarn wieder, um in Amerika einen Neuanfang zu wagen. Dort aber interessierte sich niemand mehr für seine Kunst. Aufgrund der Spätfolgen einer Syphilis befiel ihn ab etwa 1946 eine schwere geistige Störung. Er verbrachte nicht weniger als zehn Jahre in einem amerikanischen Krankenhaus für geistig Behinderte, um schließlich 1956 einigermaßen geheilt nach Deutschland zurückzukehren. Er verstarb 1960 an den Folgen einer Krebserkrankung.           

Die Kunst der Operette war früher viel mehr als heute eine von den anderen Sparten des Theaters – auch der Oper – unabhängig ausgebildete und umgesetzte Kunstform. Es gab eigene Operettenhäuser wie heute nur noch selten. Zur Ausbildung gehörten nicht nur der Gesang, sondern auch diverse nicht-klassische Tanzformen, Gestik und die Sprechausbildung, etwa wie im Schauspiel. Insbesondere die Komische Oper Berlin hat seit einigen Jahren erfolgreich eine regelrechte Renaissance des Genres betrieben und ist einer ganze Reihe von Komponisten, die wie Abraham wegen des Naziregimes Deutschland in den 30er Jahren verlassen mussten, wieder gerecht geworden.     

Die Handlung folgt den Rezepten der alten Traumfabrik jener Zeit. Die Tochter eines in finanziellen Schwierigkeiten befindlichen Hollywoodproduzenten reist nach Europa, ins sagenumwobene Cannes, um dort Mitglieder des alten europäischen Adels für die erste Reality-Verfilmung ihres eigenen Lebens zwischen alter Adelspracht und Bankrott zu gewinnen. Undurchdringliche Dreieckskonstellationen, Rollenwechsel und falsche Juwelen prägen die Handlung bis zum Happy-End.    

Die für die kleine Bühne – der Opera Stabile - der Hamburgischen Staatsoper geplante Produktion wurde corona-bedingt ins Große Haus übertragen. Sie fand vor dem geschlossenen eisernen Vorhang statt und wurde von zwei Klavieren statt Orchester begleitet. Ein solches Kammeroperetten-Format stellte ganz besondere Anforderungen an die beteiligten Künstler. Der Witz, die Effekte, für die sonst ein Orchester, ein ganzes Ballett und weitere Mittel aufgewandt werden können, müssen über die Fähigkeiten der Ensemble-Mitglieder abgebildet werden und zur Wirkung kommen.

Dies gelang nur mäßig. Gewiss, gesungen wurde auf hohem Niveau, jedoch alle weiteren künstlerischen Mittel waren insgesamt weniger ausgeprägt. Weder wurden sprachlich die Pointen gekonnt gesetzt, was eine zumindest annähernd muttersprachliche Beherrschung der Aufführungssprache erfordert hätte, noch fielen die Protagonisten durch spezifische gestische oder tänzerische Ausbildung auf. 

Der Regisseur und Kostümbildner Sascha-Alexander Todtner, der zusammen mit dem verantwortlichen Bühnenbildner Christoph Fischer auch für die Kostüme verantwortlich zeichnete, konnte der Aufführung kein rechtes Feuer einhauchen. Eine der besten Ideen war noch der Einsatz von vier Hotel Boys – besetzt mit Hiroshi Amako, Seungwoo Simon Yang, David Minseok Kang und Hubert Kowalczyk, allesamt Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper – als gleichsam kommentierendes Männer-Stimmenquartett, dessen darstellerische Komik sich allerdings in der pausenlos gespielten, zweistündigen Aufführung später totlief. Die jeweils doppelte Besetzung der Personen der Handlung mit den Sängern steigerte zunächst auf reizvolle Weise das angelegte Verwirrspiel der Vorlage, hätte aber generell eine andere Qualität der schauspielerischen Darstellungsfähigkeiten bei den Protagonisten erfordert.

Vom Ensemble bewährte sich der Bariton Nicholas Mogg mit Abstand am besten. Er gab in extremerem Gestus seinem Affen Zucker und konnte über den gesamten Abend durch den konsequenten Einsatz seiner stimmlichen Mittel und seiner hochgewachsenen Erscheinung so manche komische Situation über die Rampe bringen.  

Narea Son als Infantin Isabella und Ida Aldrian als Amerikanerin Marylou sowie Gräfin Inez de Ramirez bewegten sich stimmlich souverän durch die Handlung. Dem bewährten Peter  Galliard als Prinz Andreas Stephan und Barry gelang ein im besten Sonne routinierter Auftritt. Martin Summer verkörperte den Hollywoodproduzenten Sam Makintosh sowie den Präsidenten Chamoix.     

Die musikalische Leitung lag bei Georgiy Dubko, der zugleich auch vom 1. Klavier begleitete. Das zweite, unsichtbar positionierte Klavier wurde von Johannes Harneit gespielt.  

Der Beifall war eher enden-wollend. Die Übertragung der wohl eher auf das kleinere Format angelegten Umsetzung der Operette wäre in der Opera Stabilewomöglich besser gelungen.  

Achim Dombrowski

Copyright: Brinkhoff/Mögenburg

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