Kein Entkommen ? Tannhäuser an der De Nationale Opera Amsterdam

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De Nationale Opera Amsterdam

Richard Wagner

Tannhäuser

Premiere am  6. April 2019

Wie nähert man sich heute Richard Wagners Tannhäuser, dem Werk, das der Komponist nach eigenem Bekenntnis der Welt in einer Endfassung schuldig blieb? Wie kann man heute mit den Heiligenbildern einer Elisabeth/Maria umgehen und dem katholischen Bezug der Oper?

Der Regisseur Christof Loy und sein Bühnenbilder Johannes Leiacker siedeln die gesamte Handlung der drei Akte des Werkes im Einheitsbühnenbild des nachgebauten Gemäldes Foyer de la Dancevon Edgar Degas an. In diesem Übergangsraum in der Pariser Oper treffen die Welt des Venusbergs und die Öffentlichkeit des Sängerwettbewerbs aufeinander. Hier feiert eine männliche Elite der Pariser Gesellschaft um 1860 ihre Bigotterie, die Verdrängung zweier, gelebter Welten, den Bordellbesuch und die Repressivität einer verkrusteten offiziellen Moral.

Im Bacchanal, das der Regisseur selbst choreographiert, kommt es gleich zu Beginn in der Begegnung vor allem mit den Tänzerinnen des Balletts zu mannigfachen sexuellen Übergriffen wie kleine Machtergreifungen der Beteiligten in alle Richtungen, Männer der Pariser Gesellschaft gegenüber den Tänzerinnen, lesbische Frauen untereinander, Frauen gegenüber Jünglingen usw. Die Begegnungen sind gekennzeichnet durch hektische, dem Partner flüchtig abgetrotzte Lustspiele, die lieber im Verborgenen bleiben und zügig verdrängt werden wollen. Alle Männer der Handlung sind hier zu Gast, das sind die Sänger, Tannhäuser, und Landgraf Hermann.   

Im zweiten Akt wird derselbe Raum als Halle des Sängerwettstreits genutzt, natürlich ohne die Tänzerinnen und Frivolitäten jedweder Art. Während des Einzugs der Sänger gefriert die Szene dreimal zum Standbild aller Mitwirkenden. So möchte diese Gesellschaft sich portraitiert sehen. So stellt sie ihr schönstes Eigenverständnis und -bild mit den wirkungsvollen Kostümen von Ursula Renzenbrink zu Schau. Als Tannhäuser schließlich vom Venusberg schwärmt, fliehen die Frauen den Raum unter dem besonderen Schutz der Männer, die zuvor heimlich doch so gerne dort weilten. Tannhäuser ist Außenseiter. Er kann die Verdrängung nicht leisten, mit der die andere männliche Gesellschaft so prächtig leben kann. Andererseits will er als Künstler eben doch auch in dieser Gesellschaft Anerkennung finden und beugt sich ihren Ritualen. Die folgende Selbstanklage Tannhäusers, seine verordnete Buße und sein Gang nach Rom werden in über-großer theatraler Geste vorgetragen. Er stürmt nachher geradezu besinnungslos von dannen. 

Im dritten Akt wird schließlich Elisabeth am Ende vom bigottesten der Sänger, Biterolf, wie ein erlegtes Tier vor ihrem Vater, dem Landgrafen, tot auf die Bühne getragen. Auch hier dienen die katholischen Gesänge lediglich als Abziehfolie eines gesellschaftlichen Kosmos, die ein solches Schicksal zumindest hinnimmt. Venus, die im gesamten Stück als schwarze Dame der Gesellschaft auftritt, deckt sie zuvor noch mitleidvoll mit ihrem Mantel zu. Eine Geste der Empathie und des Mitleids, aber auch Berührung zweier Welten, die sich vorher niemals begegneten. Im Zentrum der Entwicklung steht Wolfram, der in allem Wissen um die Unmöglichkeit der Erfüllung seiner Liebe zu Elisabeth weiß und als Freund auch nicht gegen Tannhäuser agieren will. Als Einziger bringt Wolfram das Verständnis für die Zusammenhänge auf und leidet unter ihnen. Am Ende bleiben Wolfram und Venus in scheuer, unbestimmt-zarter Berührung als Teil eines Bildes wie ein Stillleben zurück. Die Tänzerinnen aus dem Bacchanal des ersten Aktes sind jedoch zuvor bei Venus‘ Gesang an den vermeintlich zurückkehrenden Tannhäuser unverändert wieder durch den Raum geschwebt. Spiegelt dieses Bild also eine Entwicklung, die die Gesellschaft weiter bringt? Können Bigotterie und moralische Repressivität einem veränderten Verständnis weichen? Kann sich die Gesellschaft hier entwickeln oder gibt es kein Entkommen aus der alten Welt? Der Zuschauer muss es sich selbst beantworten. 

So kann  man denn Tannhäuser auch ohne katholische Heiligenbilder sinnvoll und spannend auf die Bühne bringen. Womöglich wäre unser Richard Wagner aus heutiger Sicht gar nicht so unzufrieden.  

Grandios in weiten Teilen die Sängerbesetzung. Mit Svetlana Aksenova als Elisabeth und Björn Bürger als Wolfram steht ein junges Paar auf der Bühne, das neben seiner Jugendlichkeit stimmlich alle Voraussetzungen für die Partien mitbringt. Insbesondere Bürger klingt noch so unverbraucht, nachgerade unschuldig, dass er dem Regiekonzept, das sein Verständnis, seine Empathie und seine Verletzung in den Mittelpunkt stellt, so gut entspricht. Sicherlich wird die stimmliche Gestaltung noch ausgereifter werden, aber ein in Stimme und Auftritt jugendlicherer, verletzlicherer Wolfram ist nicht vorstellbar. Man darf über die weitere, vielversprechende Entwicklung Bürgers sehr gespannt sein.

Ekaterina Gubanova als Venus kann neben der perfekten stimmlichen Präsentation ihrer Rolle darstellerisch souverän auch der Wandlung und Annäherung an Wolframs Welt glaubhaft machen. Daniel Kirch als Tannhäuser schont sich nicht im mindesten. So selbstvergessen wie er zwischen den Welten des Tannhäuser-Kosmos hin- und hergerissen wird, so nachhaltig setzt er sein Stimmvolumen ein. Sein Spiel steht dem nicht nach. Mit unverwüstlicher körperlicher Kraftanstrengung schleudert er die Wahrheiten heraus, die er nicht zu verdrängen mag. Stephen Milling gibt den sonoren, durch nichts zu erschütternden Landgraf, den anscheinend auch der Tod seiner Tochter vor lauter Staatsraison nicht zu bewegen vermag. Hervorzuheben Julietta Aleksanyan aus dem Opernstudio des Amsterdamer Hauses, die den jungen Hirten mit glockenheller, unschuldiger Stimme gibt.      

Der Chor kann schlichtweg auf der Stelle nach Bayreuth verpflichtet werden, so differenziert, klangschön und -stark präsentiert er sich auch in dieser Produktion wieder. Die Chorleiterin Ching-Lien Wu hat mit dem Kollektiv über die Jahre ein großartiges Niveau erarbeitet. 

Das Nederlands Philharmonisch Orkest unter der Leitung des Chefdirigenten der Amsterdamer Oper, Marc Albrecht, spielt mit ausgeprägtem Klanggefühl, trägt die Sänger auf Händen und weiß dennoch in den großen Szenen, wie dem Einzug der Gäste, knackig aber durchsichtig, vollvolumig aber diszipliniert aufzudrehen. Auch hier wird die jahrelange Zusammenarbeit des Dirigenten mit dem Klangkörper aufs Beste zum Hörerlebnis.    

Begeisterter  Applaus für alle Beteiligten, insbesondere Svetlana Aksenova als Elisabeth, Björn Bürger als Wolfram sowie den Chor der Nederlands Opera und das Nederlands Philharmonisch Orkest mit Marc Albrecht. Den Regisseur und sein Team erreichen sehr vereinzelte Buhrufe. Wer den Rückbezug etwa auf ein anderes katholisches Darstellungs- und Inhaltselement erwartet hat, mag enttäuscht gewesen sein. Die Mehrheit war begeistert.

Achim Dombrowski

Copyright Fotos: DNO (De Nationale Opera) 2019

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