Kapitalismuskritik jetzt auch in Hamburg

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Hamburgische Staatsoper

molto agitato

 

Musik von György Ligeti, Johannes Brahms, Georg Friedrich Händel und Kurt Weill

Mit Texten aus Quentin Tarantinos Film Reservoir Dogs

Premiere am  05. September 2020

Sex and Lies!

Corona-bedingte Um-Disposition im Spielplan der Staatsoper Hamburg. Von der Besetzung des ursprünglich als Eröffnungspremiere der Spielzeit vorgesehen Boris Godunow ist lediglich der Tenor Matthias Klink übrig geblieben sowie Starregisseur Frank Castorf mit seinen Teammitgliedern Aleksandar Denic für die Bühne Adriana Braga Peretzki für die Kostüme sowie die unermüdlich die Protagonisten umkreisenden Kameraleute des Videoteams.   

Aber warum letztendlich der Werkereigen von Händel, Ligeti, Brahms und Weill in dieser Form als erste Premiere auf die Bretter kommt, bleibt ein Geheimnis. Soll die (Un)Sinnhaftigkeit der Zusammenstellung in den bei Händel, Brahms und Ligeti angewandten Libretto- oder Klangpassagen mit Gewaltbezug liegen? 

Die Werke sind um die Folterszene aus Quentin Tarantinos Film Reservoire Dogs gruppiert. Dieser Filmausschnitt wird im Original auf der Großleinwand eingespielt und gleich noch einmal vom Ensemble filmisch wiederholt, wobei sich Georg Nigl als Folterknecht mit diabolischer Lust präsentiert. 

Am besten man sucht den Angelpunkt des Abends wohl im letzten Stück der Produktion: denn der überzeugendste Teil war das Ballett mit Gesang Die Sieben Todsünden. Vor allem beeindruckte die an die Grenze der Verausgabung gehende Schauspielerin Valery Tscheplanowa als Anna. Ihre gleichsam choreographische Selbstentäußerung in den acht Teilen schwankte zwischen Lebensgier und melancholischer Verlorenheit. Extrems Spiel, roher Gesang und exzessive Körpergeste in knallrotem Latex charakterisierten ihrer Reise durch das erz-kapitalistische Amerika. Zu erleben ist eine Melange aus tiefschwarzer Melancholie, verlorenen Träumen und uneingestandenem Selbstbetrug nach einem Aufbruch, der doch eine Glücksverheißung sein sollte.      

Die sie umgebende Familie aus den Protagonisten der vorangegangenen Stücke bleiben nur stumme Begleitpersonen und geistern wie die Lemuren und Opfer ihrer alten Lebensziele durch den schwarzen Raum. Um alle Träume und Hoffnungen betrogen.

Hier machten die alten Gesten und Versatzstücke einer aus den ideologischen Schützengräben des Prenzlauer Bergs stammenden Theater- und Widerstandsästhetik – die es ja nun schon bis nach Bayreuth geschafft hat - (noch) Sinn.

Das Bühnenbild besteht über den gesamten Abend zunächst einmal aus dem bis zur Brandmauer geöffneten, leeren, unendlich erscheinenden Bühnenraum des Theaters. Die riesige Fläche ist an den Seiten des Raumes durch jeweils grell leuchtende, am Boden positionierte  Scheinwerfer flankiert. Die Darsteller haben nicht selten den gesamten Raum von hinten nach vorne zu durchschreiten, von den Videokameras umtänzelt, auf eine riesige Leinwand über ihnen übertragen. Die Frauen staksen auf hohen Stöckelschuhen, die Männer stolpern taumelnd vorwärts.

Die Kostüme charakterisieren sich durch den in den Inszenierungen des Regisseurs üblichen Schmuddel-Pailletten und -Pelzbesatz. Auch schon mal gesehen. 

Aber ja: in dem weiten Nichts wird mit einer übergroßen amerikanischen Flagge gewedelt und als Höhepunkt des Effektes schließlich eine schon lange im Hintergrund stehende, riesige Lichtinstallation, ebenfalls in Form der amerikanischen Flagge, nach vorne gerollt. Für den, der vielleicht nicht versteht, wo das Böse auch geographisch anzusiedeln ist. Ein wenig nachgeholfen wird außerdem mit einem Coca-Cola-Automaten.  

Ein nachgerade musikalisch-akrobatisches Kunstwerk ist die Umsetzung der Nouvelles Aventures von Ligeti, einem vom Komponisten selbst so bezeichnetes Bühnenstück, das jedoch ganz ohne Worte und nur mit Klang- und Geräuschkomponenten, auch bei den Sängern, arbeitet.  

Katharina Konradi, Jana Kurucova und Georg Nigl bewähren sich hier an der Rampe stehend ebenso wie beim Auszug aus der Händel Kantate Aci, Galatea e Polifemo. Letzteres Stück wird erschlagen durch eine übergroß projizierte Comic-Film Darstellung von eigentümlicher Ästhetik, die durch die optische Sinnüberflutung alles erschlägt.

Unvermittelt folgen die Vier Gesängeop. 43 von Brahms. Die ersten drei Lieder werden in verletzlichem Gestus vom Tenor Matthias Klink vorgetragen, begleitet von Rupert Burleigh am Klavier. Das vierte - später unmotiviert zwischen Händel und Weil positioniert – wird vom Bariton Georg Nigl gesungen.    

Die Latenz zwischen Gesang und Bildübertragung bei der Live-Videoübertragung wird wie als Stilmittel zur optischen Irritation eingesetzt. Dem Zuschauer schwanken die Sinne, seine Wahrnehmung ist getrübt.   

Kent Nagano leitet das in kleiner Besetzung spielende Philharmonische Staatsorchester Hamburg von Händel bis Ligeti eher unauffällig, weder werden barocke Spieltechniken akzentuiert, noch schrille Töne bei Weill gesucht. 

Nun haben also auch die Besucher der Hamburgischen Staatsoper die hohen Welten der Castorf‘schen Kapitalismuskritik erleben dürfen. Eine Stadt, die dem Thema weit näher ist als Castorfs Heimat Berlin, die den Kapitalismus ja allenfalls vom Hörensagen kennt. Nach rund 30 Jahren wirkt die Show wie eine sehr betagte, mittlerweile in vielen institutionalisiert geförderten Festspielen und Staatstheatern der Republik immer und immer wieder erfolgreich verkaufte Geschäftsidee. Chapeau, nicht jeder verdient in diesen für die Kunst schwierigen Zeiten sein Geld so erfolgreich! Auch die von Castorf Kanzlerin Merkel noch im April vorgeworfene Ideologisierung der Coronakrise behinderte die Umsetzung nicht.  

Applaus für alle Mitwirkenden. Auch für das Inszenierungsteam kein Widerspruch. Immerhin kann sich der die alte Provokationsmaschine unermüdlich in Schwung haltende Regisseur zugute halten, dass der eine oder andere das Haus während der Vorstellung verlassen hat. So aufregend war das. 

Achim Dombrowski

 

Copyright: Monika Rittershaus 

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