Jörg Widmann Babylon in der Staatsoper Berlin Multikulturalismus und Multireligiosität in der Oper

Xl_babylon-1462 © Arno Declair

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Jörg Widmann

Babylon

Uraufführung der Neufassung am 09. März 2019 

Nachdem eine erste Fassung von Jörg Widmanns Babylon 2012 an der Bayerischen Staatsoper in München herauskam, hat auf Anregung Daniel Barenboims der Komponist sein Werk neu gefasst und weiterentwickelt und nunmehr an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin vorgestellt. Das Werk basiert auf Texten von Peter Sloterdijk. Es beschreibt das Leben in einer multikulturellen und multireligiösen Metropole, auf deren langem, geschichtsträchtigem Hintergrund Völker verschiedener Herkunft zusammenleben. Zahlreiche religiöse, gesellschaftliche und geschichtliche Bedeutungsebenen werden kaleidoskopartig übereinandergeschichtet. 

Die Handlung, die u. a. einen Mann zwischen zwei Frauen unterschiedlicher Herkunft und Symbolik zeigt, behandelt Fragen wie die Rechtmäßigkeit und sich wandelnde Einstellung zu Menschenopfern. Weiterhin durchlebt der Zuschauer einen durch die absolute Liebe umgekehrten Orpheus-Mythos, wodurch der geliebte, tote Mann wieder ins Leben zurückkehrt. Geschildert werden auch die Urgewalten der Sintflut durch den Euphrat und deren maßgebliche Wirkung auf das Empfinden der Verletzlichkeit der Menschen in Babylon (oder generell auf das (Unter-)Bewusstsein von Völkern) . Wir sehen eine Welt, in der Völker friedlich zusammenleben, Offenheit, Akzeptanz und Humanität Kreativität und Frieden fördern können. Chaos und Ordnung werden über die magische Zahl Sieben reflektiert. Deren Bedeutung führt schließlich zu einer Ordnung des Zeitablaufs in die sieben Tage der Woche. Am Ende mündet die Musik in Live-Elektronik-Welten. Ein Kinderreim macht bewusst, dass auch in Zeiten der künstlichen Intelligenz an der fragilen Existenz eines friedlichen Zusammenlebens fortlaufend weiter gearbeitet werden muss.   

Die Musik von Widmann bedient sich eines riesigen Orchesterapparates mit einer großen Schlag- und Rhythmusbesetzung sowie einer Fülle von Sonderinstrumenten mit besonderen Klangcharakteristika, wie z.B. Glasharmonika, Akkordeon, Celesta und Orgel. Die Orchestersprache ist außerordentlich vielfältig und bunt. Sie enthält Riesenausbrüche des Apparates sowie vielfältige Anspielungen an diverse musikalische Formen wie Märsche und verweist vereinzelt auf die Sphäre älterer Musiktheaterwerke, wie z.B. Salomeoder die Zauberflöte.   

Der Regisseur Andreas Kriegenburg, der mit dieser Produktion am Haus debütiert, kreiert zusammen mit seinem Bühnenbildner Harald Thor den Einheitsraum eines Turmbaus oder Hochhauses, in dessen vielfach übereinanderschichteten Stockwerken die Menschen kauern, liegen, leben. Diese nicht weit vom vorderen Bühnenrand stehende, dominante Konstruktion wird zu Beginn - später weniger -  auf und ab bewegt und rückt verschiedene Teile der Bewohner in den Blickhorizont des Zuschauers. Es birgt skulpturelle Elemente alter Kulturen einerseits, andererseits bezeichnet es durch Unfertigkeit, Verfall und Armut die materielle Not der Migranten.         

Vor diesem Hintergrund können die tendenziell konkreteren Handlungskomponenten der Vorlage versinnbildlicht werden. Der offene Eklektizismus, die mannigfaltigen Andeutungen und die losen Verknüpfungen von so vielen Bedeutungsebenen wie sie Sloterdijks Texte und Widmanns Musik beinhalten, werden zugleich jedoch auf diese Weise in einen relativ eng vorgegebenen, bildhaften Rahmen transponiert, der den Betrachter fest an die Hand nimmt und sehr eng führt. Die in den phantasievollen Kostümen von Tanja Hofmann agierenden Sängerdarsteller singen oder sprechen ihre hoch anspruchsvollen Gesangspartien und abstrahieren Texte oft an der Rampe. Die Besonderheit der Texte lässt selten eine auf die handelnden Personen untereinander bezogenes Spiel zu. Die Führung des Chores mit seinen großen Aufgaben ist durch die sich immer wieder öffnenden Schiebetüren im Hintergrund und häufige räumlich beengte Auf- und Abgänge nicht glücklich gelöst.

Der abstrakte, stark religiös und philosophisch geprägte Gehalt des Inhalts und der Texte hätte möglicherweise in einer semi-szenischen Umsetzung in einem anderen Umfeld – zum Beispiel in einem Kirchenschiff oder in der architektonischen Großform eines Fabrikgebäudes - eine Form gefunden, die dem Zuschauer eine freiere, durch die Eigenphantasie erweiterte Sichtweise ermöglicht hätte als dies in dem traditionellen Rahmen des Staatsopernauditoriums möglich erscheint. Der höchst anspruchsvolle Orchesterapparat hätte in einer solchen Konstellation mit Sängern und Chor gänzlich anders ausgerichtet werden müssen, hätte aber gegebenenfalls auch erlaubt, noch mehr Details der anspruchsvollen Struktur der Partitur wahrzunehmen.

Jörg Widmann kann sich als zeitgenössischer Komponist glücklich schätzen, in Berlin für sein Opus eine derart umfangreiches und hochkarätiges Ensemble aus Sängern, Schauspielern, Chor und erweitertem Orchester zur Verfügung zu haben. 

Allen voran ist die Damenriege mit Susanne Elmark als Inanna, Mojca Erdmann als Die Seeleund Marina Prudenskaya als Der Euphratzu nennen. Alle drei Protagonistinnen bestechen hier - wie in vielen ihrer anderen Rollendarstellungen - durch ein scheinbar unerschöpfliches dynamisches Stimmvermögen, welches auch extremen Anforderungen aller Art genügt.  Dasselbe gilt auch für die sorgfältig zusammengestellte Besetzung der männlichen Protagonisten. Charles Workmann ist ein sensibler, bei aller überzeugenden stimmlichen Kapazität auch hervorragender schauspielerischer Vertreter für die zweifelnde Partie des Tammu. John Tomlinson und Otto Katzameier vertreten in der ihnen eigenen, charaktervollen Weise die Rollendarstellungen des Priesterkönigund des Tod. Eindrucksvoll Andrew Watts als Der Skorpionmensch und Felix von Manteuffel in der Sprechrolle des Ezechiel

Der Staatsopernchor unter der Leitung von Anna Milukova und Martin Wright wird den schwierigen Aufgaben bestens gerecht. Es kann nicht leicht sein, die Partien teilweise auf den Knien in den engen Gewölben des Bühnenbildes zu singen und auch noch zu spielen.  

Der für die Neufassung mit ursächliche Daniel Barenboim musste kurzfristig wegen einer Augenoperation die Leitung der Aufführungsserie abgeben. Christopher Ward hat diese Chance nutzen können und die Aufführung in all ihrer Komplexität meisterhaft dirigiert. Er selbst hat bereits bei der Einstudierung des Werkes bei der Uraufführung in München als Assistent von Kent Nagano mitgewirkt und sich dadurch bestens empfohlen. Die Staatskapelle Berlin wurde den vielschichtigen Klanggewalten der Partitur mit all ihren besonderen Klangkomponenten auf besondere Weise gerecht. Einbezogen waren auch viele Mitglieder der Orchesterakademie bei der Staatskapelle Berlin.

Langer Beifall für alle Beteiligten, nicht zuletzt für den Komponisten. Auch das Regieteam wurde ausnahmslos positiv akklamiert. 

Achim Dombrowski

Copyright Photos: Arno Declair

 

 

 

 

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