© Matthias Jung
Oper Köln
Tancredi
(Gioachino Rossini))
Premiere am 21. Juni 2026
Zum Schluss der aktuellen Spielzeit und vor dem Umzug ins neue-alte Haus übernimmt die Oper Köln eine Produktion der Bregenzer Festspiele aus dem Jahr 2024.
Das Libretto von Rossinis erster Seria-Oper Tancredi stammt von Gaetano Rossi und basiert auf dem Schauspiel von Voltaire. Es erklärt nicht die Vorgeschichte und hat eine Reihe holpriger Übergänge. Gezeigt wird die tragische Schluss-Fassung, die Rossini nur kurze Zeit nach der sehr erfolgreichen Uraufführung 1813 in Venedig für Ferrara geschrieben hat – damals ein Misserfolg, verzichtet sie doch auf das übliche ‚lieto fine‘ – das happy end der Oper, wie es seinerzeit üblich war.
Die beiden Liebenden Tancredi und Amenaide sind lange Zeit voneinander getrennt. Amenaide lebt in einer fast ausschließlich von Männern bevölkerten und gewaltbereiten Welt. Zur Besiegelung des Friedens zweier verfeindeter Lager dieser Männergemeinschaft verspricht ihr Vater Argirio, seine Tochter dem Anführer der Konkurrenten in die Zwangsehe. Dieser Frieden ist fragil und kommt nur durch eine Bedrohung durch fremde Aggressoren von außen überhaupt zustande, gegen die man sich gemeinsam verteidigen muss.
Ein anonymer Brief Amenaides an Tancredi wird abgefangen und als Verrat der Gemeinschaft an die Fremden missinterpretiert. Alle glauben, Amenaide liebe den Anführer der fremden Aggressoren - sie wird zum Tode verurteilt. Selbst ihr Vater steht hinter dem Urteil. Tancredi zieht in den Kampf und erfährt erst im Sterben, dass Amenaide ihn immer geliebt hat.
Speziell Amenaides Haltung, sich und ihren Brief nie wirklich zu erklären, ist schwer verständlich.
Der Regisseur Jan Philipp Gloger zusammen mit seinen Teammitgliedern Ben Bauer (Bühne) und Justina Klimczyk (Kostüme) geht bei dem Versuch, die schwer vermittelbare Handlung dem Publikum näher zu bringen in die vollen: die konkurrierenden Männergruppen sind verfeindete Mitglieder zweier Mafiagruppen, die sich im Drogenhandel gegenseitig bekämpfen. Tancredi ist keine Mezzosopranistin, die einen Mann spielt, sondern eine Frau, die in einer lesbischen Beziehung zu Amenaide steht.
Eine Gruppe von Stuntmen erweitert das Personal auf der Bühne und liefert sich wiederholt akrobatische Kampfhandlungen, bei denen regelmäßig einzelne Personen laut spritzend in einen Wasserbrunnen platschen. Die fremden Aggressoren tauchen tatsächlich auf und sind eine Spezialeinheit der Polizei zur Drogenbekämpfung. Einem dieser Vertreter der Staatsmacht fällt schließlich Tancredi durch einen Schuss zum Opfer.
Die Handlung spielt in einer heruntergekommenen Villa auf dem Lande im italienischem Ambiente. Diese Villa ist durch eine Vielzahl von Funktionsräumen gekennzeichnet, und auf der sich regelmäßig bewegenden Drehbühne positioniert. Die Personen können sich leicht in diesen Räumen verstecken, aber auch verlaufen, wie sie es in der Handlung ja auch tun.
Für Gloger sind die Eigenarten der Musik Rossinis, der häufige Affektwechsel Ausdruck der in unserer Zeit weiter zunehmender Getriebenheit, ja Zerrissenheit. Für ihn existieren die Grenzen zwischen opera buffa und opera seria am liebsten gar nicht, reizvoll ist vielmehr der Kipp-Punkt, wo eine Handlung in die unfreiwillige Komik stürzt oder umgekehrt. Mit der lesbischen Paarbeziehung soll die totale Unvereinbarkeit dieser Beziehung vor dem Hintergrund der martialischen Macho-Gesellschaft für das Publikum sicht- und fühlbar gemacht werden.
Da ist für viel Abwechslung gesorgt. Die action, die laufenden Drehungen der Bühne, die unentwegte Bewegung aller Personen vermitteln situativ klare Handlungsmomente, machen es bei der Personenführung aber schwer, die feinsinnig sich entwickelnden Melodiebögen der großen Szenen in einer gewissen, notwendigen Ruhe und Getragenheit zu entfalten. Die Führung der beiden Protagonistinnen Tancredi und Amenaide wirkt in Teilen seltsam distanziert zueinander, als ob sie sich ihrer wahren Liebe in den Momenten der tiefen, gegenseitigen Bekenntnisse ganz im Kern und unabhängig von den äußeren Handlungswidernissen nicht wirklich sicher sind. Und selbst Tancredis stiller, instrumental filigran und leise begleiteter Tod wird noch von der leicht knarzenden Bewegung der Drehbühne begleitet.
Giuliana Gianfaldoni als Amenaide ist die einzige Mitwirkende, die kein Rollendebut an diesem Abend gibt. Ihr wunderbarer, sicher geführter Sopran verfügt bei klarer Linienführung über eine jugendliche Leuchtkraft von außerordentlicher Schönheit, speziell auch für die Anforderungen des Belcanto beim frühen Rossini.
Adriana Bastidas-Gamboa bewältigt selbstverständlich die Partie des Tancredi auf hohem handwerklichen und künstlerischen Niveau. Jedoch kann man sehr deutlich erkennen, dass der Schwerpunkt dieser Künstlerin nicht unbedingt im Belcanto-Fach anzusiedeln ist. Mit ihrer speziellen Bühnenaura vermittelt sie einen Hauch der Diven-Kultur aus der Entstehungszeit des Werkes.
Dmitry Ivanchey bewältigt die mörderische Tenorpartie des Argirio – des Vaters von Amenaide – mit Bravour und Obrazzano – der Anführer der gegnerischen Drogenbande – war bei Gabriele Sagona in besten Händen, oder bester Baritonstimme.
Mehr als vielversprechend auch die überzeugende Leistung von Johanna Thomsen als Isaura aus dem Opernstudio – einer jungen Künstlerin, von der man hoffentlich bald mehr hören wird. Nicht klar ist allerdings, warum sie so künstlich und leicht affektiert auftreten muss.
Der Herrenchor der Oper Köln unter der Leitung von Rustam Samedov wusste sein hohes gesangliches Niveau bei und trotz aller Bühnenaktionen unter Beweis zu stellen.
Das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von George Petrou verfügt ohne Zweifel über einen klangschönen, südländischen sound. Das Miteinander mit den Sängern auf der Bühne hat man gleichwohl schon agiler und delikater gehört.
Viel Applaus, speziell für Giuliana Gianfaldoni und Adriana Bastidas-Gamboa, aber auch das Gürzenich-Orchester. Auch das Regieteam erntete nur Zustimmung.
Copyright: Matthias Jung
Achim Dombrowski
25. Juni 2026 | Drucken
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