© Bettina Stöß
Staatsoper Hannover
Il Viaggio, Dante
(Pascal Dusapin)
Deutsche Erstaufführung
Premiere am 10.10.2026
Pascal Dusapin ist heute einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten. Geboren 1955 in Nancy, hat er mittlerweile über hundert Werke in einer Vielzahl von musikalischen Gattungen komponiert, dazu gehören auch die Opern Romeo und Julia, Medea, Faust, Orpheus oder Macbeth.
Hannover bringt unter dem Intendanten Bodo Busse in einem Zyklus drei Opern zur Aufführung. In der letzten Spielzeit war dies Penthesilea als Deutsche Erstaufführung. Das Libretto basiert auf Heinrich von Kleists gleichnamigem Trauerspiel.
Höhepunkt in dieser Spielzeit ist die Deutsche Erstaufführung von Dusapins Oper Il Viaggio, Dante nach Dante Alighieris Die Göttliche Komödie und Das neue Leben. Das Libretto stammt von Frédéric Boyer.
Das Werk erlebte seine Uraufführung auf dem Festival d’Aix-en-Provence im Juli 2022 als Auftragswerk des Festival d’Aix-en-Provence und der L’Opéra de Paris. Die Produktion wurde seinerzeit vom Festival Aix, der Pariser Oper, Les Théâtres da la Ville de Luxembourg und der Staatsoper Hannover koproduziert und kommt nun in dieser Uraufführungs-Produktion als Deutsche Erstaufführung in Hannover heraus.
Die Musik Dusapins hält den Zuhörer ununterbrochen in Bann mit ihren sinnlichen, soghaften Harmonien, flächigen Orchesterfarben, einem im Graben positionierten Chor, der vielfach in modalen Tonstrukturen erklingt und einer Klangpalette, die auch von Orgel und Glasharmonika geprägt ist.
Für den Regisseur Claus Guth handelt es sich um eine außerordentliche künstlerische Arbeit. Dusapin war offen für die inszenatorische Idee, mit den Mitteln der Videokunst parallel eine optische Handlungskomponente hinzuzufügen, akzeptierte also input des Regisseurs zur Erweiterung des künstlerischen Werkkonzeptes.
Guth ist von der Filmkunst David Lynchs fasziniert, der Elemente der Hyper-Realität übergangslos mit der Ebene des Unterbewussten verknüpft. Er zeigt einen Mann in der Midlife Crisis, der nach dem Verlust einer geliebten Frau depressive Phasen durchläuft und im weiteren Verlauf seines psychischen Verfalls einen Autounfall erleidet. Keine äußerliche Illustration jedoch, sondern vielmehr Chiffren einer inneren Reise im Unterbewussten mit dem Verlangen nach Besinnung, Schuldaufarbeitung, Streben nach Erlösung, Klarheit – und Tod.
Eine Bilderfolge, die die von Dante aufgeworfene Fragestellung nach dem Weg der Menschheit mit heutigen Mitteln dringlich platziert.
Dabei fasziniert, dass je stärker die Bilder heutig-alltäglich anmuten, desto unwirklicher sie wirken, desto stärker der Aggregatzustand des Unbewussten hervortritt. Trotz scheinbar vertrauter Situationen stellt sich eine Entrücktheit des Unwirklichen, des Unbewussten ein – die Themen Siegmund Freuds also, die für Guth schon bei Dante angelegt sind.
Dazu trägt auch die von Guth entwickelte Choreographie bei – insgesamt acht Tänzerinnen und Tänzer verstärken den atmosphärischen Schwebezustand der Szene.
Auch der Bühnenraum von Etienne Pluss zusammen mit der Lichtregie von Fabrice Kebour und der Videokunst von rocafilm wirken zunehmend unwirklich. Der Raum bricht auf, bewegliche Wände mit flirrenden Projektionen entziehen dem Zuschauer die gesicherte Betrachtungsperspektive. Er fällt letztendlich auf sich zurück. Die Kostüme von Gesine Völlm in ihren manchmal schwarzen, dann wieder grellfarbigen, letztlich mit Glitterstoffen arbeitenden Tönungen runden diese hyper-realistisch-unwirkliche Atmosphäre perfekt ab.
Dantes Verirrungen und Verfall werden auf der Suche nach der verlorenen Beatrice immer größer als er schließlich auf seinem Weg seinem jüngeren Ego, dem jungen Dante begegnet. Christel Loetzsch singt den jungen Dante und hat auch bereits in der französischen Uraufführung in dieser Rolle mitgewirkt. Die Sängerin kann eine Mezzo-Stimme mit außergewöhnlichen Tiefen zur Geltung bringen.
Loetzsch ist aber nicht nur mitwirkende Sängerdarstellerin in einer zentralen Partie, sondern auch wichtige künstlerische Ratgeberin – oder Muse – des Komponisten. Sie hat italienische Literatur studiert und überzeugte den Komponisten mit fachlichen Hinweisen zu sprachlicher Gestaltung und zur Gesangstechnik, wie Dusapin nachdrücklich erklärt.
Peter Schöne als Dante ist die zentrale Figur des Geschehens. Der Bariton weiß die Anforderungen des schwierigen Parts meisterhaft zu verkörpern. Der Abend wird von seinen überlegenen stimmlichen und darstellerischen Fähigkeiten getragen.
Die Beatrice von Ketevan Chuntishvili und die Lucia von Olga Jeníkova haben über lange Passagen extreme Tonsprünge und gewaltige stimmliche Höhenanforderungen zu bewältigen, die beide Sängerdarstellerinnen bravourös meistern.
Als Stimme der Verdammten wirkt Carmen Fuggiss mit höchster Expressivität.
Eher zurückhaltend der Auftritt von Norman D. Patzke als Vergil, der Dante durch weite Teile seiner Reise ins Innere führt.
Christian Dieterle als Sprecher gibt einen zwielichtigen, alternden und umso skurrileren Erzähler im Glitzer-outfit.
Der Chor der Staatsoper Hannover unter der Leitung von Lorenzo da Rio erklingt mit 24 Mitgliedern ausschließlich aus dem Orchestergraben. Die häufig an Kirchenmusik erinnernden Gesänge schaffen eine bestimmende Grundierung für die Klangsphären des Hörerlebnisses.
Das Niedersächsische Orchester Hannover in einer Besetzung mit rund 40 Musikern unter Roland Kluttig lässt die sehr spezifische Klangwelt Dusapins über rund zwei Stunden zwischen durchsichtig-unwirklichen Elementen und Klangballungen in all ihrer Vielfalt leuchten. Erst die Orchesterleistung lässt zusammen mit der Szene den im hohen Maße spirituellen Charakter des Werkes erstrahlen.
Großer Zuspruch des Publikums am Premierenabend. Man wünscht der Aufführungsserie viele Zuschauer für ein außergewöhnliches Ereignis im zeitgenössischen Musiktheater.
Achim Dombrowski
Copyright Fotos: Bettina Stöß
15. Oktober 2026 | Drucken
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