© Matthias Braus
Hamburgische Staatsoper
Frauenliebe und -sterben
Frauenliebe und -leben (Liederzyklus von Robert Schumann)
Herzog Blaubarts Burg (Oper von Béla Bartók)
Eine florentinische Tragödie (Oper von Alexander Zemlinsky)
Premiere am 12.04.2026
Tobias Kratzer und sein Team arbeiten unermüdlich an einer neuen Hamburger Operndramaturgie.
Nach einem szenischen Oratorium von Schumann zu Beginn der Saison, der Uraufführung einer Trump-Oper sowie einem Laborversuch mit der Musik Mozarts im All werden in der neuesten Produktion im großen Haus in gleich zwei Bühnenwerken und einem Liederzyklus Perspektiven der Geschlechterbeziehung beleuchtet. Eine Kooperation mit der Den Norske Opera Oslo.
Robert Schumanns Frauenliebe und -leben aus dem Jahr 1840 wird als Liederzyklus mit Klavierbegleitung auf der Bühne szenisch umgesetzt im Bild und den Kostümen von Rainer Sellmaier, das für alle drei Werke im Kern einer großbürgerlichen Wohnungs- oder Villenkultur Bestand haben wird.
Zu den einzelnen Liedern des Zyklus wird eine wachsende Kinderschar sichtbar, die ausschließlich aus Mädchen besteht, und den vom Patriarchen ersehnten Statthalter verwehrt. Die Frau bleibt in dieser engen Welt – bildlich das zentrale Sofa der Szene – gebunden. Sie stirbt an Auszehrung nach unentwegten Schwangerschaften. Wahrlich ein Gegenbild zur gewohnten romantischen Perzeption der Lieder.
Kate Lindsey gestaltet mit der Begleitung von Éric Le Sage den Zyklus mit ihrem warmen, souveränen Mezzo mit zunehmender stimmlicher Flexibilität und zugleich anrührehrender und zurückhaltender, immer melancholischen Geste im wahrsten Sinne bis in den Sarg.
Zu Beginn von Béla Bartóks übergangslos folgender Herzog Blaubarts Burg wird die Ausstattung des Raumes durch Liege des Psycho-Analytikers ergänzt.
Das wirkt fast wie eine Irreführung des Publikums, denn im Anschluss werden hinter den von Blaubart geöffneten Türen sehr konkrete, in keiner Weise psychologisch-abstrahierte Bilder der Geschlechter- Auseinandersetzung über Jahrzehnte sichtbar: so z B in den modernen Zeiten der Mondlandung in den 60er Jahren, oder gar in den noch moderneren und liberaleren 80er Jahren.
Kratzer vermag diese einzelnen, selbst definierten Zeitpunkte als eine Zeitreise der männlichen Übergriffigkeiten zu zeigen, die bei allem ansonsten subjektiv empfundenen Fortschritt der Gesellschaft konstant bleibt.
Atemberaubend die Charakterisierung der weiblichen Protagonistin Judith: eine junge, neugierige, liebesfähige Frau kann ihre Neugierde nicht zähmen und folgt Blaubart mit Faszination, später in Horror von Szenario zu Szenario.
Annika Schlicht in der Partie der Judith ist das Ereignis des Abends. Kraftvoll, differenziert, mit makelloser Stimmführung und höchster Textverständlichkeit durchlebt sie Stationen des mannigfaltigen Erlebens und des Schreckens bis zu ihrer entsetzten Flucht. Keine Judith der schwebenden, ätherischen Andeutungen oder psychologisch-feingeistigen Verästelungen, sondern eine junge, heutige Frau aus Fleisch und Blut mit all ihrer lebendigen und mitreißenden Empfindungsfähigkeit. Tatkräftig genug, Blaubart – abweichend von der Handlung – rechtzeitig zu entkommen.
Johan Reuter als Blaubart ist ein dunkelglühender Partner, der mit Lust seine Geheimnisse vor seinem neuen Opfer ausbreitet und eine manische Freude an den Reaktionen seiner Partnerin hat bis sie schließlich unerwartet entflieht. Auch Reuter vermag die Finessen des Textes bewegend, aber ohne Manieriertheiten zu durchleben. Stimmlich grandios und mit exzellenter Textverständlichkeit ist er ein bedrohlich Partner.
Eine Sensation ereignet sich im Orchestergraben. Mit Karina Canellakis – die ihr deutsches Opern-Debut an der Hamburgischen Staatsoper gibt – bewährt sich eine Zauberin der vielschichtigen, aber perfekt abgestuften Klangfarben mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Grandios erblühen die dunklen Tonabmischungen und geheimnisvollen Bögen der Musik Bartoks aus dem Graben. Man kann sich nicht erinnern, eine solche fein-abgemischte Durchleuchtung der Struktur je wahrgenommen zu haben.
Wieder anders, diesmal mit großem Doppelbett bei ansonsten nahezu unveränderter Szene, präsentiert sich Alexander Zemlinkys Eine florentinische Tragödie. Johan Reuter personifiziert jetzt den betrogenen Ehemann Simone, der vor dem Prinzen Guido von Thomas Blondelle seine geschäftlichen – und zunehmend sichtbar - unterdrückten Kränkungen verhandelt. Eine in glühendsten Orchesterfarben durchbuchstabierte Leidensgeschichte, die nicht in der zunächst angenommenen gelebten Liberalität der großen ehelichen Freiheiten – mit zugestandem Seitensprung - aufgeht, sondern in den fast klassisch-traditionellen Mord am Liebhaber mündet.
Auch hier ein mehr als überzeugendes Trio bestehend aus Ambur Braid als Bianca, der gelangweilten Ehefrau, die nur zu gerne die Abwechslung durch ihren Liebhaber genießt und später fassungslos die Ausuferung des Konfliktes in einen Mord erlebt. Die Sängerin reißt stimmlich und darstellerisch mit, wandelt von mitgerissener Leidenschaft ins blanke Entsetzen.
Thomas Blondelle gibt den strammen Liebhaber-Tenor Guido und Johan Reuter durchlebt als gequälter, unterdrückt leidendender Hausherr, Kaufmann und Ehemann Simone sein Schicksal.
Anders, aber nicht weniger anspruchsvoll rauschen die überbordenden Klangspektren von Alexander Zemlinsky aus dem Graben auf. Wieder vollführen das Orchester und Karina Canellakis traumhaft- verführerische musikalische Bögen, die keinen Zuhörer kalt lassen.
Am Schluss fasziniert die Zusammenfassung dreier doch sehr eigener und abweichender Ansätze, die hier in einem szenisch-inhaltlichen Bildkomplex enggeführt werden und so eine Innenspannung besonderer Art hervorbringen.
Ein aufregender Anreiz zur Diskussion darüber, wie wir heute lieben wollen. Wie blicken junge Männer, die heute aufgeklärt für eine faire Partnerschaft geprägt sind, aktuell auf die Auseinandersetzung der Geschlechter? Bemitleiden junge Frauen ihre Partner, die unter dem allfälligen gesellschaftlichen Trommelfeuer patriarchalischen Fehlverhaltens unschuldig zu leiden haben?
Uneingeschränkter Jubel für alle Mitwirkenden. Hoffentlich spricht sich diese erneut außerordentlich erfolgreiche Premiere weit herum, so dass möglichst viele Interessierte sich auf diesen spannenden Trip begeben und das Haus für die weiteren Aufführungen voll wird.
Achim Dombrowski
Copyright Fotos: Matthias Baus
15. April 2026 | Drucken

Kommentare