Hamburg: Verdis Macbeth als Politthriller im existentiellen Kammerspiel

Xl_bild_2 © Monika Rittershaus

Hamburgische Staatsoper

Macbeth

(Giuseppe Verdi) 

Premiere am 12.09.2026

Die Hamburgische Staatsoper eröffnet die zweite Spielzeit der Intendanz von Tobias Kratzer mit einer von Kratzer selbst kreierten Neuproduktion von Verdis Macbeth; sein langjähriger Begleiter Rainer Sellmaier entwirft Bühne und Kostüme.

Das Konzept widmet sich zentralen, existentialistischen Fragen nach der autonomen Entscheidungsfreiheit des Menschen, der Entstehung von Schuld, auch im politischen System. Wo handelt der Mensch selbstbestimmt, wo ist er fremden Mächten ausgeliefert? Wie verführt Machtgier zu Mord und Auslöschung eines ganzen Landes?

Dabei entwickeln sich die der klassischen Tragödie entlehnten Themen als Kammerspiel mit neuen Perspektiven: Macbeth und Lady Macbeth sind ein tief verbundenes, liebendes Paar, die einen Sohn haben. Sowohl bei Shakespeare wie Verdi ist das Paar kinderlos, hat keinen männlichen Nachkommen, der die Dynastie weiterträgt. Eine alternative Position zu anderen Inszenierungen, die in der Kinderlosigkeit der Lady eine Ursache für die Gewalt sehen.      

Gespielt wird die 2. Fassung von 1865 mit Ballettmusik. Kratzer entwirft darin einen „alternativen Zeitstrahl“, in welchem dem Paar eine Szene gespiegelt wird, wie ihm potentiell ein friedliches Leben vergönnt gewesen wäre, ein fast zu schönes Bild.

Im Kontrast und anrührend die glänzend gesungene Chorszene „Patria oppressa“. Hier treten Macbeth und der Lady die Auswirkungen ihrer Taten vor Augen - sie leiden spontan und empathisch mit dem Volk.  

Die sich anschließende große Szene der Lady - das Eingeständnis der eigenen Schuld im Bild der vom Blut nicht zu reinigenden eigenen Hände - folgt dann nicht motivationslos als plötzliche Wahnsinnsszene in der heroischen Geste einer Operndiva des Belcanto, sondern wie ein mitleidendes und durch den Gesang der Lady zum schmerzlichen Ausdruck gebrachtes Requiem auf das verursachte Elend. 

Die Bühne von Sellmaier ist schlicht gehalten. Zwei Ebenen – holz-gestalteter Rundhorizont wie in Shakespeares Globe Theater und davor karge steinig anmutende Stufen des antiken Theaters. Akteure und Elemente der Schicksalskräfte agieren von den Stufen herab, die betroffenen Menschen im Halbkreis der Unentrinnbarkeit davor.

Eine besondere Rolle kommen Chor und Komparserie zu: wie fluide Gewächse auf dem Grund des Meeres schwanken diese schwarz vermummten Gestalten durch die unbezähmbaren,  auch von Mond und Sonne beeinflussten Strömungen der sie umgebenden Naturgewalten. 

Diese Gestalten stellen auch die Mitglieder des politischen Systems, wenn sie ihre schwarzen Umhänge ablegen und in Abendgraderobe auf der Ballszene erscheinen. Nur wenige Mittel genügen, um das Umfeld der soghaften Verführungen gesellschaftlicher Macht bildhaft zu machen.   

Dieses nachgerade menschlich-private Ambiente mündet alsbald wieder in den Kreislauf nicht enden wollender Gewalt: In bedrohlicher Annäherung der dunklen Naturkräfte verbleibt Bancos Sohn vor dem Schicksal seines unweigerlichen Untergangs.     

Eine sehr gelungene Sängerauswahl unterstützt das Konzept: Macbeth und Lady Macbeth vertreten beide nicht den Darsteller-Typus mit großer, unausgesetzter dramatischer Wucht und Stimmgewalt, sondern vermögen bei den hohen Anforderungen ihrer Partien insbesondere auch Ausdruckselemente des Erschreckens, der Empathie und der Trauer überzeugend vorzutragen.   

Kartal Karagedik als Macbeth überzeugt mit seinem warmen Timbre vor allem in den kunstvollen Kantilenen des (Er-)Schreckens und der Trauer um eine verlorene, friedliche Welt.      

Nino Machaidze als Lady Macbeth meistert die Bandbreite der mit großen Anforderungen gespickten Partie mit Bravour. Sie verzichtet ganz auf den Donnerhall des Diven-Auftritts  im 1. Akt und der Wahnsinnsszene. Sie ist zunächst immer auch Mutter, keine klischeehafte Hexe. Ihr schicksalhafter Wandel zu Machtgier und Mord steht glaubhaft der späteren Reue ihrer Schuldanerkenntnis gegenüber.  

Der Banco von Alexander Vinogradov ist ein überzeugender Diener des Systems in makellos geführtem Bass. Der Macduff von Dovlet Nurgeldiyev besticht durch seine tenorale, in Melancholie gefärbte Kantilene. 

Der Malcom von Colin Aikins weiß sich durch seine junge, virile Stimmfärbung zu behaupten. 

Alice Meregaglia gelingt mit dem Chor der Hamburgischen Staatsoper eine phantastische Leistung. Eingebettet in ein geschickt geführtes Miteinander mit der Statisterie lässt sich das Chorkollektiv niemals aus dem Takt und einer überzeugender klanglicher Gestaltung bringen.  

Tomáš Hanus zusammen mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg entfaltet mit einer sinnhaft differenzierten, nicht einengenden Struktur die Partitur Verdis, die ihrerseits Brüche und für die damalige Zeit krasse Stimmungswechsel beinhaltet. Das Tempo wurde sehr unterschiedlich gewählt - so wie szenisch erforderlich - ungemein flexibel angepasst. Viele Soli im Orchester waren teils mit hoher Klangschönheit oder krassem Klangeffekt eingearbeitet und bravourös umgesetzt.         

Großer Applaus und Bravorufe für Sänger und Orchester, und nicht zuletzt die Leistung des Chores. Bei Kratzer und Sellmaier Bravos sowie sehr vereinzelte, um Aufmerksamkeit ringende Buhrufe. Vielleicht will ja die seit Jahrzehnten in Hamburg versiegte, anspruchsvolle Streitkultur um die Gattung Oper endlich zurückkehren. Die Bühne jedenfalls hat den Diskurs dazu mit dieser Inszenierung erneut auf höchstem Niveau eröffnet.     

Achim Dombrowski

Copyright Fotos: Monika Rittershaus

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