Hamburg: Nervöses Siviglia vor Beginn des kapitalistischen Zeitalters

Xl_bild © Tanja Dorendorf

Hamburgische Staatsoper

Il Barbiere di Siviglia

(Gioachino Rossini) 

Premiere am 17.05.2026

besuchte Aufführung am 19.05.2026

Nach den aufregenden Opernprojekten unterschiedlicher Couleur in dieser ersten Spielzeit des Intendanten Tobias Kratzer in Hamburg nun ein Werk des Kernrepertoires der Opernhäuser weltweit: Rossinis Il Barbiere di Siviglia

Zu einer neuen Sichtweise lädt u a ein Essay im Programmheft von Wolfgang M. Schmitt. Darin wird angeregt, den wirtschaftlich-gesellschaftlichen Umbrüchen zu Beginn des 19. Jahrhunderts kurz vor dem Erstarken des Kapitalismus im Werke Rossinis nachzuspüren. 

Die fortlaufende Beschleunigung in der Kompositionsstruktur der Partitur wird als - möglicherweise unbewusster - Ausdruck des härteren wirtschaftlichen Lebenskampfes in einem von Restauration und wirtschaftlicher Not geprägten Umfeld zu Anfang des 19. Jahrhunderts - der Entstehungszeit des Werkes - gedeutet. Die Beschleunigung und Mechanisierung in der Kompositionstechnik - auch bei der Charakterisierung menschlicher Figuren - spiegelt bereits Kernfaktoren des Vor- und Frühkapitalismus. Beschleunigung, Kapitalakkumulation und zusätzlicher (Leistungs-)Druck im System werden sich auch heute noch unausweichlich weiter verstärken. Darlegung und Entwicklung der Thesen sind so verständlich und zwingend, dass man sich der Folgerichtigkeit der Gedanken nicht entziehen kann.

Was davon ist in der Realität der Bühne, dem Spiel von lebendigen Menschen, dem Gesang und dem Handlungsablauf des Stücks zu sehen und zu spüren? 

Die Regisseurin Tatjana Gürbaca arbeitet im Team mit Klaus Grünberg für die Bühne und Barbara Drohsin als Kostümbildnerin. Die Szene stellt laut Grünberg mit einem gerundeten Podest einen kleinen Planeten in sich selbst dar, der nur mit wenigen Ausstattungsmerkmalen auskommt: Straßenlampen, einer stilisierten Häuserfront mit Treppenhaus-Andeutung. Teile der Komponenten kommen während des immer schnelleren, hektischen Spiels in Bewegung und man fürchtet, dass die Menschen auch ganz leicht von der Wölbung dieses Planenten ins Nichts rutschen könnten, in Armut, Einsamkeit.

Auf dem Höhepunkt der Verwirrung schwebt zweimal dieser Planet durchs All. Andere Himmelskörper und Monde umkreisen per Videoprojektion den menschlichen Kosmos, dass es dem Zuschauer so schwindlig wird wie den Menschen auf der Bühne.

Doch bevor die Protagonisten von dem Planeten rutschen, kämpfen sie gegen die Umstände, die anderen Spielgegner. Sie begegnen sich in Auseinandersetzungen, in denen sie gewinnen, verlieren, enttäuscht werden: den Phasen des Triumphs oder des Gewinns steht die Melancholie gegenüber, wenn sie unterliegen, die Zusammenhänge nicht mehr verstehen, oder aus Altersgründen nicht mehr mithalten können. Letzteres wird bei Don Bartolo exemplifiziert, der vergeblich die junge Rosina  gewinnen will.

Eine facettenreiche Rolle spielt der Graf. Er wirft wie zur Selbstverteidigung mit Geldscheinen um sich, auch seine Gehilfen bei der Werbung um Rosina werden mit reichlich Bargeld bezahlt. Die Eroberung Rosinas aus Liebe gleichsam ersetzt durch einen Deal, in welchem das Sehnen um menschliche Nähe zur Angebeteten vollkommen aus dem Blick gerät – oder vielleicht gar nicht existiert? So empfinden es jedenfalls zwischendurch auch Rosina und Figaro. Wie das wohl in Mozarts Le Nozze di Figaro – der Fortsetzung dieser Handlung – weiter gehen wird...

Das alles in der Standesgesellschaft der vorkapitalistischen Zeit. Die Herausforderungen des Kapitalismus stehen da noch bevor, und werden erst nur erahnt, ungewiss erspürt. Eine nicht untypische Situation vor dem Durchbruch gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche. Die Neuerung liegt gewissermaßen schon in der Luft, sei es als Verheißung oder Bedrohung. 

Als Betrachter muss man diese Ebene allerdings weitestgehend selbst erahnen oder die Zusammenhänge vorab studieren, wenn man denn will. Sehen kann man es nur in wenigen Situationen. In einer über-aktiven Personenführung mit Slapstick, vielen komischen Aktivitäten, ununterbrochenen kleinen, lustigen Albernheiten, geht eine schlüssige und stringente Entwicklung auf der Bühne weitgehend unter. Jede musikalische Phrase, Melodie, Temporückung, Fermate wird durch eine parallele Aktion auf der Bühne begleitet. Das ist zunächst unterhaltsam und kurzweilig, auch weil sich alle Protagonisten mit Begeisterung ins Zeug legen, ermüdet aber zunehmend. Die Momente der Melancholie verlieren sich dabei zu allererst.

Die musikalische Seite überzeugt: der Figaro von Mattia Olivieri mit kernigem Bariton und gesundem Stimmvolumen scheint zu Beginn mitunter etwas dominant und nicht ganz taktsicher, findet aber bei immer beweglicherer Stimmführung schließlich bravourös ins Ensemble. Er strahlt ein selbstbewusstes, kämpferisches Potential für Widerstand in der Weiterentwicklung der Geschichte aus. 

Die Rosina von Lilly Jørstad brilliert mit feinster Koloraturdelikatesse und warmen, lieblich-flexiblem Soprantimbre. Der Sängerdarstellerin gelingt das Portrait einer jungen Frau, die weiß, was sie will und das auch zunehmend durchsetzen kann. 

Der Conte Almaviva von Jonah Hoskins verfügt mit seinem zarten, mitunter verletzlich wirkenden Tenor über glänzende stimmlich-handwerkliche Fähigkeiten. Er bleibt der Rolle selbst bei den anspruchsvollsten Koloraturkapriolen nichts schuldig. Mit seiner stimmlichen Zartheit wirkt er wie ein Charakter, der die stetige Hilfe seines Geldes zum Selbstschutz in der Zukunft womöglich noch mehr brauchen wird.  

Johannes Martin Kränzle als Bartolo ist einer der erfahrensten Sänger im Ensemble. Seine stets sicher eingesetzte Bariton-Stimme und seine musikalische Einfühlsamkeit zusammen mit seinem klugen und disziplinierten Spiel machen ihn zu einem Ankerpunkt der Produktion.       

Don Basilio von Ilia Kazakov und Fiorello von William Desbiens aus dem Internationalen Opernstudio lassen keine stimmlich-musikalischen Wünsche offen und werfen sich mit Spielfreude in die überbordenden Geschehnisse auf der Bühne.

Hellen Kwon hat zuvor schon am Haus als vielgerühmte Rosina brilliert – jetzt gibt sie eine komödiantische, nicht immer nur fröhliche Charakterisierung der Berta.

Der Herrenchor der Hamburgischen Staatsoper mit Alice Meragaglia wird seinen Aufgaben mit Lust an komischen Auftritten voll gerecht und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit Tohar Gil kann die Balance zwischen auftrumpfendem, komödiantischem Spiel und lockerer, aber präziser Tongebung glänzend halten. 

Der Applaus des Publikums in der zweiten, nicht ganz ausverkauften Vorstellung ist herzlich und  langanhaltend - man hat sich gut amüsiert.  

 

Achim Dombrowski

 

Copyright Fotos: Tanja Dorendorf

 

 

 

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading