© Tanja Dorendorf
Hamburgische Staatsoper
DIE GROSSE STILLE
(Ein Musiktheaterprojekt von Christopher Rüping, Omer Meir Wellber und Malte Ubenauf)
Uraufführung am 15. März 2026
Besuchte Aufführung: 4. April 2026
Musikchef der Hamburger Oper Omer Meir Wellber, der Schauspielregisseur Christopher Rüping und der Dramaturg Male Ubenauf haben sich mit großer Freude und noch mehr Freiheiten an die Ausweitung des Rätsel-Labyrinthes „Musiktheater“ gemacht.
Ergebnis ist eine Laboranordnung auf einem Raumschiff, das sich seit Jahrzehnten von der realen menschlichen Wirklichkeit entfernt hat und mit seiner Besetzung in fernen Weiten des Weltalls schwebt. Andere Zivilisationen werden in dieser großen Stille nicht geortet, die Protagonisten sind zurückgeworfen auf Erinnerungsmomente einer vergangenen Welt und Menschheit.
Mit auf der Reise ist die Musik Mozarts. Jedoch werden so gut wie keine bekannten Kompositionen des Komponisten zu Gehör gebracht. Die insgesamt 11 Werke Mozarts, die erklingen, erstrecken sich über diverse Genres, wie Liedgesang, Kantate, Kanon, Symphonie, Konzertarie und wesentliche Teile der frühen Oper Apollo et Hyacinthus, die Mozart mit 11 Jahren komponierte.
Viele Originalkompositionen sind variiert, arrangiert, verziert oder erklingen in anderen Bearbeitungen.
Wellber verweist in die Zeit Mozarts, zu der freie Bearbeitungen aller Art üblich waren. Er sieht sich nachgerade durch die Musik provoziert, diese kreativen Entscheidungen zur Variation der Werke auch heute selbst zu treffen.
Christopher Rüping ist Schauspielregisseur. Er hat in den letzten Jahren eine Vielzahl von Preisen gewonnen, war mehrfach mit seinen Inszenierungen zum Theatertreffen in Berlin geladen und hat mit dem Antikenprojekt Dionysos Stadt bei den Kammerspielen München einen zehn-stündigen Marathon abgeliefert, der selbst das Mammut-Projekt von Roland Schimmelpfennig und Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Hamburg verzwergen könnte.
Rüping lässt sich über mehr als 30 Minuten viel Zeit, um einen möglichst beiläufigen Beginn der Handlung zu entwickeln. Dabei wird – wie auf einem Kreuzfahrtschiff - Karaoke mit Mozarts Musik gesungen und von dem Schauspieler Damian Rebgetz in australischem denglisch darüber gerätselt, warum bestimmte Werke der bildenden Kunst und der Malerei an Bord sind. Mehr aber noch über die verloren gegangenen Welten früherer menschlicher Begegnung.
Mit diesem scheinbar so banalen Einstieg vermag Rüping eine Brücke zum Hier und Jetzt zu schlagen – jedwede besondere Sphäre einer ‚hohen‘ Kunsthandlung wird so nicht einmal im Ansatz zugelassen. Dies setzt sich später bei der Aufführung des ‚Lateinischen Intermediums‘ Apollo et Hycinthus in vergleichbarer Form fort. In teils skurrilen Kostümen (Lene Schwind) und Bildelementen (Jonathan Mertz) agieren die Sänger trotz der barocken Handlung mit ihrem Orbit von Göttergestalten, menschlichem Verrat und der Verwandlung Hyazinths in Blumen wie in unserer eigenen vertrauten Welt.
Man nimmt die verschiedenartigen, ungewöhnlichen Stilelemente der Ausstattung als Betrachter unerklärlich leicht an und lässt sich tief auf ihren Ausdrucksgehalt ein. So auch bei Aliena, die mit der Konzertarie ‚Popoli die Tessaglia‘ aus höchster Not um Einlass bittet und so die Prüfung der verbliebenen Vertreter der Menschheit auf ihre humanistischen Fähigkeiten in Apollo et Hyacinthus einleitet.
Es bleibt ein wenig das Geheimnis der Aufführung, warum dies so scheinbar leicht gelingt.
Aber natürlich sind es vor allem auch die Leistungen des gesamten musikalischen Teams. Ana Durlovski stellt sich mit mehr als risikobereiter Bravour den äußerst schwierigen Spitzentönen der Konzertarie Alienas. Die große Konstanze-Arie in der Entführung aus dem Serail erscheint da schon fast einfach dagegen.
Die Melia der Oper und Tochter auf dem Schiff verkörpert Marie Maidowski aus dem Internationalen Opernstudio des Hauses mit frischer Jugendlichkeit und ihrem klangschön gerundeten Sopran. Ihrer Freundin und Zephyrus weiß Kaleigh Decker ein überzeugendes Portrait zu geben. Gregory Kunde und Hubert Kowalczyk runden das Ensemble mit eigenständigen Charakterzeichnungen überzeugend ab.
Erst spät erklingt das Philharmonische Staatsorchester aus dem zunächst verschlossenen Graben und überzeugt im Zusammenwirken mit Wellber sogleich mit äußerst differenziertem Spiel. So verführerisch und differenziert gespielt möchte man mehr über den unbekannten, frühen Mozart erfahren und seine Musik erkunden.
Das Experiment reiht sich ein in die anderen außergewöhnlichen Produktionen, die man in dieser neuen Ära Kratzer/Wellber schon erlebt hat – in Hamburg wird unermüdlich und höchst kreativ an der Ausdehnung des Rätsel-Labyrinths ‚Musiktheater‘ gearbeitet.
Nur mehr Publikum will man der Produktion wünschen – sie müsste doch eigentlich gerade junge Menschen mit ihrer vielschichtigen, unterhaltsamen Bild- und Klangwelt bestens erreichen.
Die anwesenden Zuschauer jedenfalls folgten dem teilweise verwirrenden, aber irisierend-faszinierenden Spiel mit Neugier, intensiver Einfühlung und hoher Aufnahmebereitschaft – dies äußerte sich auch im begeisterten Applaus für alle Beteiligten.
Achim Dombrowski
Copyright Fotos: Tanja Dorendorf
07. April 2026 | Drucken

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