Glyndebourne at its best

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Copyright: Richard Hubert Smith

 

Pelléas et Mélisande

von Claude Debussy

Glyndebourne Festival

Premiere am 30. Juni 2018

besuchte Vorstellung am 21. Juli 2018 

Das Festival von Glyndebourne wurde 1934 von John Christie und seiner Frau Audrey Mildmay, die selbst Opernsängerin war, auf ihrem Landsitz nicht weit von Brighton und ca. zwei Stunden von London gegründet. In der Anfangsphase war es wesentlich durch Künstlerpersönlichkeiten geprägt, die nach der faschistischen Machtergreifung aus Kontinentaleuropa emigrieren mussten. Dazu gehörte der Dirigent Fritz Busch, der Regisseur Carl Ebert und der spätere langjährige Intendant der Metropolitan Opera, Rudolf Bing. Legendär waren in jener Zeit die meisterhaften Aufführungen der Opern von Mozart, die immer wieder im Mittelpunkt des Programms in den Folgejahren standen.

Inzwischen ist Glyndebourne allerdings eine Institution besonderer Art geworden. 1994 wurde ein neues Opernhaus an der Seite des alten Herrschaftshauses mit allen notwendigen Ausstattungsmerkmalen für Werkstätten und Probenräume etc. eines modernen Opernhauses erreichtet. Es bietet rund 1.200 Zuschauern Platz und das Investitionsvolumen von über 34 Millionen britischen Pfund wurde ausschließlich privat eingeworben.

Heute hat das Haus den Anspruch, eines der führenden Opernhäuser weltweit zu sein- und kann dies auch ohne Zweifel seit vielen Jahren erfüllen. Daneben arbeitet die Organisation mit Schulen zusammen und fördert junge Künstler auf verschiedene Weise. Die Perfektion der Organisation, die Vielfalt und Exklusivität der Gastronomie auf dem schönen Garten- und Landschaftsgelände, sowie der Aufwand, den das Publikum in Abendgarderobe und Smoking treibt, heben Glyndebourne aus den vielen anderen Sommer-Festivals in England hervor. An Eleganz ist Glyndebourne nicht zu überbieten, allerdings sind andere Festival nahbarer und strahlen einen durchaus entspannteren Charme aus.  

Pelléas et Mélisande basiert auf dem symbolistischen Schauspiel von Maurice Maeterlinck. Golaud trifft tief im Wald auf der Jagd die geheimnisvolle Mélisande, nimmt sie als seine Frau mit auf das düstere Schloss zu seiner Familie. Mélisande fühlt sich dort nicht wohl. Es entwickelt sich jedoch eine tiefe Freundschaft und übersinnliche Beziehung zu Golauds Bruder Pelléas. In seiner Eifersucht erschlägt Golaud seinen Bruder, auch Mélisande stirbt.   

Die Durchdringung der Ebenen von psychologischer Innen- und realer Außenwelt bei den Personen der Handlung, die Auflösung der Parallelität von Handlung und Musik sowie die gebrochene, stark assoziative Verwendung von Leitmotiven oder gewissermaßen nur Leitfarben gibt dem Regisseur Stefan Herheim und seinem Team glänzende Möglichkeiten, mit einer Vielzahl von Aktions- und Inhaltsebenen zu arbeiten. Die Szene wird dazu von einer eindrucksvollen Lichtregie von Stefan Herheim und Tony Simpson begleitet, welche die mitunter in der Partitur rasch aufeinander folgenden Farb- und Helligkeitsschattierungen wirkungsvoll umsetzt und einen wesentlichen Teil zur tiefgreifenden Wirkung der Produktion beiträgt.  

Der Bühnen- und Kostümbildner Philipp Fürhofer, überrascht zunächst durch eine nahezu naturgetreue Nachbildung des Musikzimmers mit Orgel auf dem Anwesen von Glyndebourne, welches man während der Pause besichtigen kann. Die Handlung spielt zur Zeit der Gründung der Opernfestspiele in den 30er Jahren. Sie macht die Abgeschiedenheit einer vom realen Leben abgekoppelten Aristokratie und ihre Lebensferne zum Thema. Ein spezielles Verständnis der Ethik religiöser Zeichen und Bezüge wird in diesem Theater des Grauens als Herrschaftsmittel eingesetzt. In den lebendigen Ausprägungen eines ansonsten hermetisch abgeriegelten Lebens spielt die Hoffnung auf die Kunst eine große Rolle. Pelléas lebt und empfindet ersatzweise durch die Betrachtung von Gemälden. 

Die Bedeutung von Licht und Sehen, bzw. der Sehfähigkeit erhält bei den Erwachsenen eine besondere Bedeutung. Wer nichts sieht, nicht hinschaut, seine kognitive Sehfähigkeit ausschaltet, oder ihrer beraubt wird, kann schließlich in einer Welt des Unterbewussten dasjenige sehen und erleben, letztlich sein, wo er sich hin wünscht oder träumt. Handlungskomponenten, die im realen Inhalt nicht vorkommen, werden dann an den extremen Stellen auf dieser Basis auf der Bühne als Erlebniswelten der Akteure umgesetzt. Dies trifft vor allem auf die Tötung Mélisandes durch Pelléas mit dem Schwert, durch welches er selbst starb, zu. Er zieht sie mit zu sich in den Untergang und in den vorab durch seinen Bruder Golaud erlittenen Tod. Mélisandebraucht hier keinen metaphysischen Tod einer Isolde zu sterben, vielmehr spielt das Paar diese Szene auf der Szene aus. Der gemeinsame Todeswunsch der blinden, im Unterbewusstsein agierenden Partner, wird in der äußeren Handlung physisch ausagiert. Zurück bleibt ein wie im Wahn auf eine bessere Zukunft herbeisehnender, uralter Urgroßvater Arkel und ein zerstörter Golaud, dessen ganze physische, machistische Gewalt ins Leere läuft. 

Herheim bietet eine Fülle von Interpretations- und Assoziationsansätzen. Parallel zu dem vielschichtigen und mit vielen Andeutungen und verschiedenen Ebenen spielenden Werk werden nicht alle Stränge gleichermaßen verfolgt. Einige Elemente verbleiben in Andeutungen und können nicht unmittelbar einer oberflächlich geschlossenen Konzeption zugeordnet werden.      

Es ist besonders berührend zu erleben, wie zwei so junge Sängerpersönlichkeiten wie Christiane Gansch als Mélisandeund John Chest als Pelléas in ihrem intensiven Spiel und darstellerischer Hingabe Hauptakteure und Opfer der spezifischen Melancholie dieses Werkes sind. Die klare und feine Stimmgebung von Christine Gansch kontrastiert dabei wirkungsvoll mit dem erdigen Charakter der Tenorlage von John Chest. 

Großartig in seiner stimmlichen und darstellerischen Präsenz und Gestaltung Christopher Purves als Golaud, sowie Brindley Sherrat als Arkel. Eine großartige Charakterstudie von Golauds Sohn Yniold präsentiert ChloéBriot. Das Ensemble wird abgerundet von Karen Cargill als Genevieve sowie, in den kleineren Rollen, Michael Mofidian als Doktor und Michael Wallace als Schäfer.   

Das London Philharmonic als Hausorchester des Festivals unter der Leitung des seit 2014 künstlerischen Leiters Robin Ticciati werden dem Anspruch und der Forderung von Debussy nach clarite in außerordentlicher Weise gerecht. Wenngleich der Gesamtklang des Ensembles kohärent und durchweg durchhörbar ist, relativiert dies nicht die insbesondere auch in der Orchestersprache zum Ausdruck gebrachte Gefährdung der Personen in ihrer Abgründigkeit und Lebensferne.   

Das Publikum feiert das gesamte Ensemble sowie vor allem auch Orchester und Dirigat mit heftigem Beifall und Rufen.

Achim Dombrowski

Copyright: Richard Hubert Smith

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