Frankfurt: Archaik andalusischen Dorflebens vor 100 Jahren

Xl_bild_3 © Xiomara Bender

Oper Frankfurt

Wolfgang Fortner Bluthochzeit

Premiere 10. Mai 2026

besuchte Vorstellung am 15. Mai 2026

Das andalusische Dorf der 1930er Jahre ist geprägt durch die Hierarchie der Geschlechter und des Besitzstands, deren Wahrung oder Missachtung auch durch Blutrache sichergestellt oder vergolten wird. Die Mutter des Bräutigams hat zuvor ihren Mann und ältesten Sohn in der Auseinandersetzung der Clans verloren. Am Tag der Hochzeit flammt die alte Liebe der Braut auf und sie lässt sich von ihrem früheren Verlobten Leonardo entführen, den ihre Familie zuvor wegen seiner Armut abgelehnt hatte. Bräutigam und Leonardo sterben im Duell. Die Braut bietet zur Buße der Mutter ihr Leben an. Die Alte bleibt versteinert zurück. Die Frau Leonardos verbleibt allein mit der Verantwortung für ihre Kinder, die sie mit Leonardo hat. Eingewoben ist eine surrealistische Szene mit dem Auftritt des Mondes als junger Holzfäller und dem Tod als Bettlerin, dargestellt und gesungen von der Schauspielerin Daniela Ziegler. Nur wenige Personen der Handlung werden namentlich personifiziert, in der Mehrzahl erfolgt nur eine typologische Bezeichnung (Mutter, Braut, Bräutigam etc.) im Libretto.

Das Werk wurde 1957 zur Eröffnung der Kölner Oper unter Günter Wand uraufgeführt, sodann zügig an vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum nachgespielt, bis es nach dem Tod des Komponisten weitgehend von den Spielplänen verschwand. 

Die Karriere des Komponisten Wolfgang Fortner begann in den 1930er und 40er Jahren im Nationalsozialismus. Sein stilistische Orientierung seinerzeit fokussierte auf neobarocker und neoklassizistischer Stilistik. Nach 1945 entdeckte der Künstler seine Überzeugung für die Zwölftonmusik. Als bedeutender Lehrer in Westdeutschland hat er lange prägenden Einfluss auf so bedeutende Komponisten wie Henze, Zimmermann, Zender und Rihm.   

Die Oper umfasst in einer ganz eigenen Stilistik nicht wenige Sprechanteile, alle Übergangsformen vom Sprechgesang zum Gesang. Fortner selbst spricht von der Vorlage von Frederico Garcia Lorca als Schauspiel, das umzuschmelzen sei zum musikalischen Werk.   

Der Inszenierung von Àlex Ollé im Bühnenbild von Alfons Flores und den Kostümen von Lluc Castells gelingt es, die Starrheit und Ausweglosigkeit des hierarchischen Systems und die durch Unterdrückung herausbrechende menschliche Gewalt sowie die in der Folge zurückbleibenden, auf ewig zerstörten menschlichen Charaktere bewegend vor Augen zu führen. Die Verwobenheit von realen Szenen, z B beim Hochzeitsfest in spanischer Tradition, sowie die surreale Waldszene werden gekonnt in einem großen Bogen zusammengefasst. Die Personenführung ist mit den vielen unterschiedlichen Charakteren in hoher Differenziertheit gelungen. 

So erschütternd die auf wahren Begebenheiten beruhenden, historischen Umstände sind, bleibt offen, wo hier genau der heutige gesellschaftliche Bezug aufsetzt. Sicher, es werden archetypische, zu jedem Zeitpunkt weiterhin bedrohliche, menschliche Verhaltensmuster aufgezeigt, doch die unerbittliche Archaik des andalusischen Dorflebens lässt sich wohl nur bedingt übertragen. Es sei denn, man sieht in den letzten rund 100 Jahren keine nennenswerte gesellschaftliche Entwicklung oder antizipiert eine radikale Rückorientierung – u a durch antifeministische Tendenzen - zu den beschriebenen Verhältnissen des letzten Jahrhunderts. Auch die Inszenierung bietet keinen Brückenschlag an. Die Bezüge zu Zeiten der Adenauer Ära bei der Uraufführung 1957 waren greifbarer – hier begegneten sich Opfer und Täter des Nationalsozialismus.   

Die Düsternis der Schicksale, die Unerbittlichkeit der ausweglosen Situation fordert den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne neben den erheblichen musikalischen Herausforderungen der Partien viel ab.

Claudia Mahnke als Mutter befindet sich mit der Verkörperung dieser Partie auf einem Höhepunkt ihrer künstlerischen Karriere. Beispiellos wie sie die Sphären der Gesang- und Sprechkunst durchmisst. Grandios ihre zerrissene Persönlichkeit zwischen den todbringenden Erinnerungen und dem doch nicht erloschenen Hoffnungslicht für ihren Sohn. Ein Vergleich mit Martha Mödl als eine Hauptvertreterin der Partie vor rund 60 Jahren drängt sich auf.       

Auch Magdalena Hinterdobler hat sich mit der Rolle der Braut beeindruckend eine neue, anspruchsvolle Partie erarbeitet. Die Darstellung des Spannungsfeldes zwischen sexueller (Schein-)Befreiung und repressiver Unterwerfung durch das Angebot des eigenen Todes als Buße an die Mutter ist fast unerträglich.   

Der Leonardo Mikołaj Trąbkas vertritt einen gefühllosen Machismo, der seinen Instinkten und sexuellen Trieben willenlos folgt. Christian Clauß als Bräutigam und Zanda Švēde als Leonardos Frau sind weitere Opfer dieses entmenschten Verhaltens.    

Die Magd von Karolina Makuła, der Vater der Braut von Dietrich Volle und viele andere Mitwirkende, u a aus dem Opernstudio bezeugen erneut das hohe Niveau der Ensemble-Kunst an der Oper Frankfurt.  

Der Chor der Oper Frankfurt ist mit Álvaro Corral Matute brillant auf die sehr spezifischen Aufgaben, teilweise mit erheblichem spanisch-musikalischem Lokalkolorit vorbereitet. 

Duncan Ward führt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester präzise, durchsichtig und mit viel einfühlsamem Fingerspitzengefühl für die mannigfaltigen Übergänge zwischen den so vielfältigen Übergängen von Sprech- und Gesangspassagen. Die Begleitung der Singstimmen gelingt umsichtig und unterstützend. Besondere Freude hatten ganz offenbar die Mitglieder der Schlagzeugtruppe an der Umsetzung der mannigfaltigen folkloristischen Facetten ihrer Aufgaben. 

Das Publikum folgte der Aufführung aufmerksam und mit großer Bewegtheit und applaudierte den Künstlern für ihre Leistung lange und herzlich.     

 

Copyright: Xiomara Bender

 

Achim Dombrowski

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