Don Quichottes szenische Irrungen

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Deutsche Oper Berlin

Jules Massenet

Don Quichotte

Premiere am  30. Mai 2019

Besuchte Aufführung: 13. Juni 2019

Jules Massenet war ein produktiver französischer Komponist in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Seine als comédie héroïque bezeichnete Oper Don Quichottewurde 1910 in Monte Carlo uraufgeführt. Basierend auf dem Stück Le Chevalier de la longue figure von Jacques Le Lorrain entfernt sich das Libretto sehr weit von der ursprünglichen Vorlage von Miguel de Cervantes.

Immerhin erfolgt in dieser Textvorlage im Verhältnis zur Vorlage von Cervantes eine Aufwertung der Person der Dulcinée, die von der Randfigur eines Bauernmädchens in den Charakter einer eigenständigen, allerdings auch sehr eigensinnigen jungen Frau überführt und erweitert wird. Musikalisch nähern sich Quichotte und Dulcinée in der Oper allerdings niemals an. Das Verhältnis wird gewissermaßen musikalisch-dramaturgisch nicht wirklich aufgenommen oder analysiert. Im Mittelpunkt steht eher die Freundschaft von Quichotte und seinem Wegbegleiter Sancho Pansa. Diese beiden Rollen sind Bassbaritone, was eine besondere Gestaltungsgabe der Sänger erfordert, die im fein-differenzierten französischen Aquarellstil komponierten Partien miteinander zu formen und gleichzeitig farblich gegeneinander abzugrenzen.    

Da in Deutschland von den Werken Massenets insbesondere periodisch Werther zur Aufführung kommt, kann es daher verdienstvoll sein, Don Quichotteauf die Bretter zu bringen, wenn ein künstlerisches Team zur Verfügung steht, das dem Werk gerecht werden kann. 

Das ist in der Neuproduktion an der Deutschen Oper Berlin nur bedingt, und dann insbesondere auf der musikalischen Seite geglückt. Auf der szenischen Seite wird nicht klar, was der Regisseur Jakop Ahlbom zusammen mit der Bühnenbildnerin Katrin Bombe, der Kostümgestaltung von Katrin Wolfermann und der Lichtregie von Ulrich Niepel wirklich anstrebt. Mitunter wirken Personenführung – soweit vorhanden - und die Bebilderungen amateurhaft ungelenk, sollen möglicherweise die weltfremde Verlorenheit der Titelfigur aufgreifen. In der riesengroßen Überzeichnung einzelner bildhafter Darstellungen soll möglicherweise eine surreale Überhöhung angestrebt werden. 

Stil- und Farbenwahl der Kostüme, die Ausleuchtung der Bühne scheinen hingegen eine sachliche-kühle Note kreieren zu wollen. Das Ganze kommt jedoch zu keinem einheitlichen Gesamtbild zusammen. Noch nie hat man zudem einen so erfahrenen Chor wie denjenigen der Deutschen Oper so uninspiriert herumstehen sehen, lediglich in einer Folge mechanischer, opern-konventioneller Gesten agierend. Zu keinem Zeitpunkt stellt sich – wie auch immer - das Bühnengeschehen zur Musik. Ein überzeugender atmosphärischer Moment kommt immerhin beim Tode Quichottes am Ende zustande, wenn die szenischen Handlungen zur Ruhe kommen und Quichotte und Sancho voneinander Abschied nehmen. Eine überzeugende Realisierung dieses nicht einfachen, nur noch wenig mit dem Original von Cervantes in Verbindung stehenden Werkes, das außerdem in der Titelfigur nicht frei ist von der Gefahr einer kitschigen Jesus-Parallele, hätte einen anderen, sinnfälligeren Zugriff erfordert.  

Dabei ist die musikalische Seite der Produktion in guten Händen und gelungen. Für die ursprünglich für Fjodor Schaljapin komponierte Rolle der Titelfigur wurde von Alex Esposito herausragend gesungen. Sein exzellent geführter Bassbariton wird in jeder Differenzierung der nicht einfachen Gesangspartie gerecht. Die Stimme ist weich timbriert und kommt mit einer sanften, flexiblen und klangschönen Rundung zur Geltung, die sich gewissermaßen deckungsgleich zur Humanität der Titelfigur, bzw. deren liebenswerten, weltfremden Aktionen im Geschehen des Werkes verhält. 

Dem Helden zur Seite steht als getreuer Gefährte Sancho Pansa, verkörpert von Seth Carico aus dem Ensemble der Deutschen Oper. Der Sänger wirft sich – wie auch in den anderen von ihm am Hause vertretenen Partien – mit rückhaltloser Spielfreude ins Geschehen. Auf dieser Basis gelingt trotz der gelegentlich albernen Kostümierung als Rosinante mit wedelndem Schweif in diesem Rahmen das Optimum eines glaubhaften Bühnenportraits für diese Figur. Esposito und Carico gelingt ein stimmlich und darstellerisch perfektes Zusammenspiel der unzertrennlichen Abenteurer, besonders bewegend Quichottes Abschied im V. Akt.

Clémentine Margaine ist eine von Beginn an überzeugende Dulcinée. Ihr schön timbrierter, in allen Lagen weich klingender Mezzosopran verströmt fast mehr menschliche Zugewandtheit als man in der Rollenanlage der Partitur ursprünglich erwarten mag.Die weiteren Liebhaber der Angebeteten sind mit Alexandra Hutton, Cornelia Kim, James Kryshak und Samuel Dale Johnson mehr als angemessen besetzt.    

Der Chor der Deutschen Oper Berlin unter der bewährten Leitung von Jeremy Bines wird seinen stimmlichen Aufgaben überzeugend gerecht.  

Das Orchester der Deutschen Oper Berlin ist im Genre der französischen Oper erfahren, nicht zuletzt durch diverse Dirigate seines Chefs Donald Runnicles. Emmanuel Villaume als Dirigent dieser Produktion kann bestens darauf aufbauen. Es gelingt eine spielfreudige, farbenfrohe und im Zusammenwirken der Orchesterstimmen differenzierte Interpretation, die sowohl den unbeschwerten Elementen wie auch den melancholischen, durch Alter, Tod und Abschied geprägten Szenen musikalisch angemessen Gewicht geben.      

Das Haus war in dieser vierten Vorstellung nach der Premiere voll besetzt, erfreulicherweise auch durch eine außerordentliche große Gruppe von Schülern und Jugendlichen, die alle Mitwirkenden und sich selbst durch frenetischen Applaus feierten. Es ist zu hoffen, dass der eine oder andere junge Zuschauer zurückkehrt. Das Haus verfügt ja über ein breites Repertoire gelungener Produktionen, die die Welt der Oper und des Musiktheaters noch in ganz anderer, überzeugenderer Weise erschließen können.   

Achim Dombrowski

Copyright Fotos: Thomas Aurin; http://www.thomas-aurin.de

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