Don Giovanni, post-libertär in Hamburg

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Hamburgische Staatsoper

Don Giovanni

(Wolfgang Amadeus Mozart)

Premiere am 20. Oktober 2019

Don Giovanni auf dem absteigenden Ast: beim versuchten Liebesspiel mit Donna Anna wird er vom Vater, dem Commendatore, Sachwalter des Gesetzes, in flagranti gestellt. Er weiß sich nicht anders als durch dessen Ermordung der Bedrohung zu entziehen. Auch die anderen Verführungsversuche wollen dem Libertinär nicht mehr gelingen. Aber niemals gibt er seine Haltung auf. Er wendet sich kaltherzig von den verflossenen Frauen ab, verhöhnt sie und fordert außerdem fortwährend die gesellschaftlichen Normen auf andere Weise heraus. Bei der Konfrontation mit der Statue des von ihm selbst gemordeten Commendatore wird er von diesem steinernen Gast eingeladen und mit dem Tod konfrontiert. Auch hier stellt er sich furchtlos der Begegnung und endet in der Höllenfahrt.

Mozart hat die 1787 für Prag geschriebene Oper mit dem Text von Lorenzo da Ponte in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche geschrieben. Die Macht der willkürlichen, gottgewollten Aristokratie wankt. Die Dynastien verblassen und die Französische Revolution ist nicht mehr weit. Das vernunftgetragene Bürgertum der neuen Zeit steht in der Person von Ottavio dem zerstörerischen, feudalen Don Giovanni gegenüber, dessen Verführungskraft und Ausstrahlung nicht mehr zu wirken scheint und ihn doch solange überdauern wird. Die Handlungen Don Giovannis wirken selbstzerstörerisch. 

In der Inszenierung von Jan Bosse und dem Bühnenbild von Stéphane Laimé sehen wir eine Welt im Niedergang. Während die Handlung zunächst vor den Mauern einer Herrenhausruine spielt, löst sich das Bild im Verlauf immer weiter auf. Die Mauern zerfallen in Einzelteile und stehen schließlich scheinbar unmotiviert im Raum, so dass die Rückseiten der Stellagen als Versatzstücke sichtbar werden. Das Bühnenbild irritiert zunächst durch die raumgreifende, bedrohliche Größe der Bauten. Diese bedingen anfangs ein Spiel an der Rampe, welches mit nur minimaler Personenführung auskommen muss und kaum individuelle Charakterisierung der Personen leistet, geschweige denn einen inhärenten, logischen Zusammenhalt der disparaten Geschehnisse bietet. Der Regisseur macht aber gerade dies zum Programm: in den immer farbigeren, schließlich glitzernden Kostümen von Kathrin Plath und einer am Ende irrlichternden Beleuchtung von Kevin Sock verlieren sich die Protagonisten zunehmend in ihren individuell vereinsamten Welten. Dazu trägt teilweise auch der Einsatz von Videoprojektionen bei, die in anderen Momenten jedoch auch poetische Bilder der Sehnsucht kreieren, zum Beispiel bei Ottavios erster Arie, zu welcher im Hintergrund das Bild seiner begehrten, verzweifelten Donna Anna sichtbar wird.  

Eingeführt wird außerdem eine stumme, androgyne Figur, die Amor und zugleich den Tod symbolisiert und choreographisch, bzw. akrobatisch das Geschehen auf der Bühne begleitet, bzw. in Videoeinspielungen über die Wände huscht oder sogar durch die Luft schwebt. Anne Müller fühlt sich in dieser geisternahen Partie sichtlich gut aufgehoben und schafft eine unwirkliche Umspielung der Aktionen. Sie wirkt wie der dunkle Gegenspieler des Amor, den Claus Guth bei seinem Salzburger Figaro zum Einsatz brachte.  

Letztlich entsteht so szenisch ein zwiespältiges, verödetes Bild des in der Oper wichtigen Begriffs der Libertà, zu dessen Sinn und Zweck bei den Handlungsträgern keine inhaltliche Sinngebung besteht. In ihrer Einsamkeit und Verlorenheit irren die Protagonisten zunehmend entwurzelt über die Bühne und durch den Raum wie in einem Irrgarten. Dabei wird wiederholt offen mit Mechanismen des Theaters gespielt: die Drehbühne transponiert rückwärtig einsehbare Teile der Aufbauten, Orchestermusiker kommen auf der Bühne zum Einsatz, zum Beispiel die Posaunen bei der Höllenfahrt. Bei Don Giovannis letztem Festmahl ist er zu Beginn wie auf einer große Revuetheaterbühne platziert. Aber auch die Sicht auf diese Zusammenhänge und Hintergründe hilft den Vereinsamten nicht, die nach anderer Orientierung zu suchen scheinen. Der Begriff Vendetta wird als Aufschrift an einer Wand sichtbar. Wo wäre ein Weg? Das will die Inszenierung nicht zeigen, schon gar nicht im lieto fine - die Reflektion und der Blick in die Zukunft des nach Don Giovannis Tod zurückbleibenden Personals der Oper. Es ist konsequenterweise gestrichen. Portrait einer Zeit im Umbruch in höchster Unsicherheit also, deren Aussichten und deren Fortentwicklung noch quälend offen bleiben müssen. 

Andrè Schuen singt und spielt den Don Giovanni grandios. Wie Orlando Bloom mit langen Haaren eine Idealerscheinung für die Partie, tritt er eher zurückhaltend auf, nicht der alte, röhrende Macho. Vielmehr ein verzogenes Kind, das in seine ererbten, vermeintlichen Rechte hineingewachsen ist, ohne Verständnis für das eigene kriminelle Handeln, ohne Empathie für den Schmerz der anderen. Bisher hat er nie für die Durchsetzung dieser Rechte, oder etwas anderes im Leben kämpfen müssen. Seinen Niedergang erlebt er daher mit einem nachgerade passiven Staunen eines jungen Menschen. Die junge, bewegliche Stimme meistert selbst die Akrobatik der Champagnerarie mit einer so leicht erscheinenden Bravour.  

Leporello wird beim Mord des Commendatore mitschuldig durch Unterstützung der Tat. Er ist sich der moralischen Tragweite bewusst, verarbeitet seine inneren Konflikte - anders als Don Giovanni – intensiv, auch wenn er – nicht zuletzt durch seine materielle Abhängigkeit - seinen Dienstherrn nicht verlässt. Eine bessere Besetzung als Kyle Ketelsen für diese Partie ist heute nicht denkbar. Stimmgebung, Exaktheit der Phrasierung und nicht zuletzt souveränes Spiel und Bühnenpräsenz machen ihn zu einem idealen Leporello.

Auch alle weiteren Sänger machen den Abend zu einer Sternstunde des Mozartgesangs. Julia Kleiter als Donna Anna und Dovlet Nurgeldiyev als Don Ottavio überzeugen mit einem Höchstmaß an sensibler Kantilene und schaffen mit ihren Arien atemberaubende Höhepunkte des Abends. Das junge Paar Zerlina und Masetto von Anna Lucia Richter und Alexander Roslavets überzeugt ebenso wie Federica Lombardi als Elvira und Alexander Tsymbalyuk als Commendatore.

Der Chor der Staatsoper Hamburg unter der Leitung von Erberhard Friedrich vermag außer mit einigen unbedeutenden Wacklern in den kleinen Aufgaben zu überzeugen. 

Musikalisch souverän zusammengehalten wird die Premiere vom Mozartexperten Adam Fischer am Pult des erhöht im Graben platzierten Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Fischer trägt die Sänger auf Händen und inspiriert das Orchester zu einem fein abgestuften Mozartton, der auch mit den wiederholt auf der Bühne positionierten Musikern niemals seine feinnervige und bruchlose Balance verliert.      

Großer, langer Beifall und bravi für alle Sänger und das Orchester sowie Adam Fischer. Das Regieteam wird von einer nicht ganz kleinen Buhfraktion vor dem Vorhang empfangen, die womöglich vom Regisseur mehr roten Faden und Orientierung sowie Zuversicht in die Zukunft erwartet haben.

Achim Dombrowski

Copyright Fotos: Brinkhoff/Mögenburg

 

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