Die Sehnsucht wächst...

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Das Rheingold auf dem Parkdeck 

Deutsche Oper Berlin

Premiere am 12. Juni 2020

Es gibt wieder Opernaufführungen, egal ob wir das OPEN OPERA oder POCKET OPERA nennen: Menschen kommen wieder zusammen, um als Sänger, Orchestermusiker oder im Publikum dieses einmalige Erlebnis zu erschaffen und zu erleben, wenn auch nur in den derzeit möglichen Grenzen.

Die Deutsche Oper Berlin hat den traurigen Tatbestand, dass sie ihren jahrelang aufwändig geplanten Ringzyklus in diesen Tagen nicht beginnen kann, zum Anlass genommen, zumindest eine in den heutigen, strengen Hygienevorschriften mit kleineren Mitteln mögliche Kammerversion des Rheingold vor weit auseinander sitzendem Publikum von bis zu 200 Zuschauern zu spielen. Die Premiere findet just am Tage der ursprünglich vorgesehenen ersten Rheingold Aufführung statt. 

Im Welttheater des Ring des Nibelungen entwickelt Wagner den ganzen Kosmos menschlichen Lebens und Leidens zwischen der Gier nach Macht und einer dadurch zerstörten Liebe und Zuneigung der Menschen untereinander. Auf mehreren Ebenen – der Götter, Menschen und Zwerge – wird das Schicksal der Menschheit in diesem Zwiespalt über vier Abende und in über 16 Stunden Musik ausgespielt.    

Aber was wird in Berlin wirklich wo gespielt? Es gibt keine Regie von Stefan Herheim, der doch jetzt seinen Zyklus starten wollte, und immerhin auch im Publikum zu sehen ist. Gespielt wird vielmehr eine für die Birmingham Opera Company 1990 vom britischen Komponisten Jonathan Dove zusammen mit dem Regisseur und Dramaturgen Graham Vick geschaffene, reduzierte Fassung des Werkes, die es vor allem kleinen und mittleren Theatern erlauben soll, den Ring überhaupt auf die Bühne bringen zu können. Tatsächlich den ganzen Ring mit allen vier Werken, allerdings gekürzt, so dass nur zwei statt vier Abende benötigt werden. 

Berlin zeigt davon nur Das Rheingold, kommt dabei auf knapp zwei Stunden statt zweieinhalb, zwölf statt vierzehn Solisten und nur 22 Orchestermusiker einschließlich Harfe und Orgel, die in dem eingerichteten Arrangement um ein im Kern dieser Klangwelt stehendes Streichquintett zusammenwirken. Der Klang dieses hinter den Sängern spielenden Ensembles wird mit technischen Mitteln leicht hervorgehoben, während die Sänger ohne Unterstützung singen. 

Gespielt wird nicht auf der Bühne des großen Hauses, sondern auf einer dem Parkdeck angrenzenden Zufahrtsrampe für den Kulissentransport. Eine raue und wettergegerbte Umgebung. Seitlich zu dieser gewaltigen Kulisse sitzt selektiv das Publikum auf Plätzen mit großem Abstand durch mit Plastikfolien gesperrte, freizulassende Stühle. Das alles unter freiem Himmel - da ist man schon von gutem Wetter abhängig.

Das reduzierte Konzept ist intelligent und überzeugt. Wotan ist hier der Regisseur einer Theatervorstellung, eines Spiels, das Alberich zwischendurch auch mal fluchend mit den Worten „Sch... -Regie“ verlässt. Statt eines goldenen Rings streiten sich die Protagonisten, und auch Wotan, darum, das Regiebuch in ihrer Gewalt zu haben, und damit die Kontrolle und das Sagen über die Abläufe des Spiels, schlicht die Macht. Wie im richtigen Leben.

Gold und andere Kulissen sind eher banaler, abgenutzter Theaterplunder, der nicht ins Gewicht fällt. Die Sängerdarsteller müssen mit ihrem Spiel im Spiel, oft nur mit dem Mittel ihrer eigenen, nachhaltigen Persönlichkeit wirken, um zu überzeugen, was sie auch ausnahmslos tun. 

Neil Barry Moss, Spielleiter an der Deutschen Oper zeichnet für das lokal angepasste Konzept, die Szenische Einrichtung und die Kostüme verantwortlich, während Lili Avar die Bühne eingerichtet hat. 

Die Sängerbesetzung entspricht weitgehend der für die Premiere im großen Haus vorgesehenen Protagonisten. Der Loge von Thomas Blondelle kommt am besten mit dem Konzept klar. Als irrlichternder Regieassistent im Trainingsanzug mit dem großen Logo der Deutschen Oper Berlin auf der Brust, bleibt er gesanglich und auch darstellerisch der Partie nichts schuldig. Der Wotan-Regisseur von Derek Welton überzeugt mit einem für die Partie jungen, leichten, stets sehr durchhörbarem Organ. Man mag bei dem vergleichsweise schlanken stimmlichen Format nicht immer den Durchsetzungswillen des Machtmenschen erkennen können. Es bleibt jedoch unklar, inwieweit dies der akustischen Problematik des open air Charakters der Aufführung geschuldet ist. Wir erwarten also mit Spannung die Umsetzung im großen Haus.  

Philipp Jekal als Alberich vermag trotz seines komischen, an die Flower Power erinnernden Kostüms die Gewalt seiner Verzweiflung und seines Verderben bringenden Fluchs zu entfalten. Auch alle weiteren Rollen sind überzeugend besetzt.        

Die Umsetzung der Partitur in der verkleinerten Orchesterbesetzung gelingt frappierend gut. Wagners kosmischer Klangraum entsteht in aller Differenziertheit und vermag auch der gerade im Rheingold so vielfältig und fein ausziselierten Themenstruktur des Werkes in exzellenter Balance gerecht zu werden. Bei aller empathischen Leitung des Orchesters durch den Generalmusikdirektor Donald Runnicles beweist hierbei jeder einzelne Musiker laufend sein ganzes Können.

Was man aber auch spürt bei dieser wichtigen und gelungenen Initiative der Deutschen Oper ist dann doch auch, was alles fehlt, wenn eine von diesem Haus gewohnte handwerklich hochstehende Aufführung nicht gewährleistet werden kann. Da ist zunächst der Substanzverlust der Stimmen durch den offenen Raum. Die Treppenstruktur vor der Rampe und dem darauf positionierten Orchester erlaubt lediglich begrenzte Darstellungs- und Bewegungsmöglichkeiten. Differenzierte Personenführung ist nicht möglich. Das Gesamtkunstwerk Oper kommt notgedrungen nur in Ansätzen zur Geltung.    

Nicht einmal das unfreiwillig großzügige Sitzarrangement kann man so richtig genießen, obwohl man doch sonst auch nicht jeden Sitznachbar sympathisch findet. 

Gar nicht erwähnt im Programmheft ist allerdings das fröhliche Zusatzorchester der Vögel von Charlottenburg, die sich reichlich einfinden und ganz klar aktiv auf die Musik Wagners mit ihrem eigenen Gezwitscher reagieren. 

Wir haben den Schatz der Oper noch nicht wieder zurück, aber wir haben wieder gespürt, wie vielfältig und wertvoll uns die Begegnung ist. Die Sehnsucht nach einer echten Rückkehr der künstlerischen Möglichkeiten ist noch größer geworden. Die Karten für die auf sechs Vorstellungen erweiterte Aufführungsserie waren in zwölf Minuten vergriffen. 

Achim Dombrowski

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