Die Botschaft der Bartholomäusnacht

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Semperoper Dresden

Giacomo Meyerbeer

Die Hugenotten

Premiere am  29. Juni 2019

Nicht weniger als sechs Stunden könnte eine Gesamtaufführung der Hugenotten dauern, wenn man das gesamte überlieferte Notenmaterial des Komponisten zum Werk zusammenträgt. Während die Deutsche Oper Berlin in ihrer Produktion von David Alden 2016 noch rund fünf Stunden benötigt, bringt Dresden in seiner Neuproduktion jetzt nur noch vier Stunden auf die Waage, obwohl eine in der Uraufführung und auch der Berliner Produktion gestrichene Szene des Mordaufrufs durch Catherine des Medicis wieder eingefügt wurde.

Die Handlung der Oper spielt 1572 und schildert das zwischen den Katholiken und den Protestanten/Hugenotten gespaltene Frankreich einschließlich der Bluttaten der Bartholomäusnacht, in der katholische Adelige und ein Mob über 20.000 Hugenotten ermorden. Das durch ein Missverständnis und Betrugsverdacht getrennte, sich liebende, und ursprünglich für einander bestimmte hugenottisch-katholische Paar Raoul und Valentine ist in der Opernhandlung der Auslöser und Brandbeschleuniger der Ereignisse, die grotesk-tragischerweise im Strudel der Mordnacht auch zum Tod von Valentine durch die Hand des eigenen Vaters, des Grafen de St. Bris, führt. 

Peter Konwitschny, der nach 19 Jahren und dem massiven Streit um seine damalige, in den Schützengräben des ersten Weltkriegs angesiedelte Inszenierung der Csardasfürstin erstmals wieder in Dresden arbeitet, streicht und strafft Handlung und Musik, wo es nur geht. Zusammen mit dem Dirigenten Stefan Soltesz entsteht ein fokussiertes, erschütterndes, archetypisches Bild gesellschaftlich auseinanderdriftender Fraktionen mit der Folge tödlicher Gewalt und politisch-religiöser Verfolgung. 

Zusammen mit Johannes Leiacker, der diesmal neben dem Bühnenbild auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, zeigt der Regisseur zunächst eine selbstzufriedene, macht- und alkoholtrunkene, bigotte Welt des französischen Adels in teurer und üppigster Gewandung. In diesem Kosmos wähnt man sich in einem reichen Arkadien (bildhaft im Hintergrund) und nutzt die Insignien des Katholizismus - wie eine zu Beginn übergroß über die gesamte Portalhöhe der Bühne ausgestellte Bilddarstellung des Abendmahls - gerne als äußere Bebilderung der eigenen Macht und selbstgerechten Moral. 

Aber zugleich ist das Abendmahl eine der bedeutendsten Botschaften unserer Zivilisation sowie vor allem auch der Nähe zu Christus und vom Wissen um Abschied und Verrat. Im Laufe des Abends wird diese Abendmahldarstellung und das Bewusstsein darum immer kleiner bildlich formatiert und droht schließlich ganz zu verschwinden und unterzugehen. 

Auch das Brotbrechen wie zum Abendmahl wiederholt sich mehrfach in die Handlung eingeflochten als Darstellung eines gestischen, jedoch vergeblichen Annäherungs- und Versöhnungsversuches der Parteien. Diese Momente werden durch Licht und Zeitlupeneffekt unheimlich pointiert, wie überhaupt den gesamten Abend die äußerst einfühlsame Lichtregie von Fabio Antoci besticht.   

Die Vertreterin der höchsten Macht, Catherine de Medecis, Regentin von Frankreich, erscheint schließlich in grotesker Abgehobenheit und Dummheit, um das Abschlachten der Hugenotten zu befehlen und gewissermaßen aller Zivilisation ein Ende zu bereiten. Im eindrucksvollen Bild der nachfolgenden Schwert-, besser: Dolchweihe werden selbst auch die Kinder schon in blinder Wut und Mordlust geprägt.  

Konwitschny und Soltész lassen den fünften Akt gekürzt mit dem einsamen Spiel des Bassklarinettisten – der traurigsten Melodie der Partitur - neben den Leichen und dem trauernden Vater, der im Blutrausch soeben noch unbeabsichtigt seine eigene Tochter ermordet hat, enden. Ein frappierendes, ganz und gar Glanz und Gloria der Grand Opera entrücktes, schockhaftes Ende, das der Tragik der Handlung voll entspricht. Diese Umsetzung ist auch Botschaft dafür, dass sich dieser tragische Gewaltsog jederzeit wiederholen kann. 

Die Produktion glänzt mit einem tadellosen Sängerensemble. Venera Gimadieva besticht durch eine höhensichere, in dramatischem Ausdruck starke Marguerite de Valois, die den Inbegriff des weiblichen Rollenverständnisses in diesem katholisch-Arkadien vertritt. Jennifer Rowley als Valentine, Raouls tragische Geliebte, steht ihr in ihrer verzweifelt-hingebungsvollen Charakterisierung der Valentine nicht nach. Glänzend auch der Page Urbain, den Stepanka Pucalkova mit samtener-koloratursicherer, verführerischer Brillanz sinkt und spielt, ganz Naturgewächs des verfeinerten dekadenten Ambientes. 

John Osborn singt den Raoul de Nangis. Sein melancholisch-verhangener Ausdruck im Timbre, der sehnsüchtige Glanz seiner zarten Kantilene sowie sein zurückgenommenes, angemessenes Spiel verhelfen seiner Darstellung zu einer idealen Charakterisierung des geradlinigen, aber notwendigerweise unterlegenen Vertreters der Hugenotten. Sein Diener Marcel wird von John Relyea bass-gewaltig und darstellerisch geschickt auf der Gratwanderung zwischen Raouls treuem Diener und einem verbohrtem sowie gewaltbereiten Recken der Protestanten gehalten. Mehr als überzeugend gesanglich und darstellerisch Valentins Vater, Graf St. Bris von Tilmann Rönnebeck sowie Christoph Pohl als Graf von Nevers.  

Weiterhin bietet das Haus alles auf, was die Grand Opera benötigt: glänzend singen und spielen der Sächsische Staatsopernchor und die Knaben des Kinderchores der Sächsischen Staatsoper Dresden. Nicht zuletzt kommt die spielfreudige Komparserie des Hauses zum Einsatz.  

Die Sächsische Staatskapelle Dresden und Stefan Soltész trifft einen bemerkenswert durchsichtigen, vielleicht eher sachlich-deutschen Meyerbeer-Ton, der jedoch den Gesangssolisten den notwendigen Entfaltungsraum nicht verwehrt, am Ende dem Charakter des eminent politischen Stücks in dieser Umsetzung besonders gerecht wird.    

Großer Applaus insbesondere für die Vertreter der großen Sängerpartien, das Orchester und den Chor; vereinzelte Buhrufe für das Regieteam. Es fällt auf, dass es am Premierentag noch reichlich Eintrittskarten gab und auch die Aufführungen der folgenden Aufführungsserie bei weitem nicht ausverkauft sind. Das hat es in Dresden jahrzehntelang nicht gegeben. Ist das Thema in Sachsen nicht von Interesse?  

Achim Dombrowski

 

Copyright Fotos: Semperoper Dresden, Ludwig Olah

 

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